Full text: Hessenland (6.1892)

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taugte und von einem Blatte, welches damals 
in Rinteln viel gelesen, den Hamburger „Jahres 
zeiten", in geradezu vernichtender Weise besprochen 
wurde. Ich sehe das Blatt in seinem rosarothen 
Umschlag vor mir und fühle noch einmal, was 
ich an jenem Oktoberabend gefühlt, als es 
meinen zitternden Händen entsank. Der inneren 
Zerknirschung gesellte sich der Spott der Mit 
schüler hinzu, welche die Notiz auswendig gelernt 
hatten und mich mit den Schmeichelnamen ver 
folgten , die mir darin gegeben waren. Ich 
konnte sie Jahre lang nicht mehr los werden. 
Aber nun schwieg ich. 
Die Strafe war hart, aber sie war nicht 
unverdient gewesen; das söhnte mich zuerst mit 
ihr und dann mit mir aus. Um diese Zeit kam 
ein neuer Lehrer an unser Gymnasium, der den 
größten Einfluß auf mich und in der That aut 
alle seine Schüler geübt hat, obwohl wir zuerst 
mehr Scheu vor ihm empfanden als Sympaihie. 
Er kam aus Oberhessen und war ein Schüler 
Vilmar's, dessen Anschauung und Auffassung 
des deutschen Mittelalters mit sich bringend. 
Es war Etwas in seiner Erscheinung, etwas 
Machtvolles, Kraftvolles, was an Luther erinnerte; 
sein Gesicht glich denen, die man auf alten Holz 
schnitten sieht. Er war eines Bauern Sohn, 
und das Rauhe sowohl wie das Ursprüngliche 
seiner Abkunft war in ihm. In den Lehrstunden 
stand er neben dem Katheder, das Haupt auf 
den rechten Arm gelehnt, vor sich niederbückend. 
So sprach er. Seine Worte waren von tiefem 
Sinne erfüllt, zuweilen dunkel, aber immer 
anregend. Sie wirkten auf das Gemüth und 
die Phantasie mehr als auf die Verstandeskrüfte. 
Die Poesie war ihm die erste und natürliche 
Sprache der Völker; höher als jede sonstige 
Gattung derselben stand ihm das Volksmäßige. 
Die Bibel, Homer und das deutsche Volksepos 
waren sein Dreigestirn, wie sie durch ihn auch 
das unsere wurden. Er lehrte Religio», Griechisch 
und Deutsch in den oberen Klassen; aber die 
Formel belebte sich unter seiner Hand, imb die 
Regel ward zum Symbol. Einer seiner oft 
gebrauchten Ausdrücke war „das Himmelreich der 
Ideen". Ueber das Wirkliche hinaus ward das 
Ahnungsvermögen in uns geweckt; wir lebte», 
so lange wir ihn hatten, i» einer Welt, die 
ganz von seiner Persönlichkeit beherrscht ward. 
„Die Macht der Persönlichkeit" war ein anderes 
dieser Worte, die wir von ihm hörten. Wir 
hingen mit Ehrfurcht an seinen Lippen und 
sammelten solche Sätze, die besonders Eindruck 
aus uns gemacht hatten, in kleine» Heften, deren 
ich noch eins bis auf diesen Tag bewahre. 
Wenn ich darin blättere, bin ich völlig in den 
Zauberkreis jener Zeit zurückversetzt. Als er 
nun ging, fühlten wir uns wie vereinsamt. Es 
webte geheimnißvoll um diesen Mann, um sein 
Kommen und um sein Gehen. Er ward Pfarrer 
in einer oberhessischen Gemeinde, dann verließ 
er die Heimath um jene Zeit, wo der Kampf 
zwischen Preußen und Deutschland zum Austrag 
kam. Für uns aber, die wir ihn geliebt hatten, 
wird er immer die leuchtende Gestalt bleiben, 
die wir in der Jugend sahen. Einige seiner 
Schüler sind den alten Idealen treu geblieben, 
und auch sie hat die Stunde der Entscheidung 
in das antipreußische Lager gedrängt. Aber 
dennoch, wenn ich einem der wenigen dieser noch 
Ueberlebenden begegne, können wir uns in aller 
Ehrlichkeit die Hand drücken, indem wir des 
gemeinsamen Lehrers gedenken. Für mich sind 
es Jahre strenger Selbsteinkehr und ernster 
Arbeit gewesen. Die Betrachtung des Großen 
und Heldenhaften in Dichtung und Geschichte 
hatte mich mit einer seltenen Freudigkeit erfüllt; 
die Herrlichkeit und Glorie des Mittelalters 
umgab mich wie mit einem goldenen Gewölk. 
Die Gegenwart selbst erschien mir unter diesem 
magischen Licht, und in glücklichen Stunden, die 
zu den beglücktesten meines Lebens gehören, 
gestalteten diese Träume sich zum Gedicht. Es 
war das Märchen vom „Dornröschen", welches, 
Jakob Grimm gewidmet, nachmals herauskam. 
Aber in den Jahren des Entstehens hielt ich es 
geheim vor jedem Blick; kaum daß die Nächsten 
davon erfuhren. Die liebliche Weserlandschaft, 
die vor mir ausgebreitet lag, die Klosterstille 
meines Stübchens, die Sehnsucht, die noch ihr 
Ziel kannte, das Heimweh nach dem Lehrer, den 
ich nie wiedersehen sollte —, sie waren es, die 
nach einem Ausdruck rangen. Aber in dieses 
Innenleben hinein tönten doch auch Stimmen 
der bewegten Außenwelt, Eindrücke ganz anderer 
Art empfing ich während der Ferien in meinem 
elterlichen Hause, in dem ich übrigens immer 
nur liebevolle Förderung, niemals Widerspruch 
gefunden habe. Doch es herrschte darin, vom Vater 
ausgehend, ein dem Mystischen durchaus ab 
gewandter, freier Geist, der, sich namentlich in 
politischen Dingen äußernd, mich nicht selten in 
Konflikt mit mir selber brachte. Die Lösung 
konnte auch hier nur auf poetischem Wege herbei 
geführt werden. Der Niederwerfung der Revolution 
von 1848 war ein Stillstand und Rückschlag 
gefolgt, den man besonders schwer in meinem 
vielgeprüften Vaterlaude empfand. Das Wieder 
auftauchen der schleswig-holsteinischen Frage 
war das Erste, was wieder Leben in diese 
Stagnation brachte — neue Hoffnungen, welche 
die blutigen Tage von Jdstedt und Missunde 
nur allzubald grausam zerstörten und der Tag 
der Demüthigung, der von Olmütz, für immer
	        

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