Full text: Hessenland (6.1892)

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der Nacht mit großer Uebermacht an, so daß die Jäger- 
Mühe hatten, nach der Mühle hin zu entkommen, 
umzingelte dieselbe und traf Anstalten, sie in Brand 
zu stecken. 
Indessen lag es gar nicht in der Absicht Wrede's, 
sich in diesem hierzu wenig geeigneten Gehöfte 
irgendwie hartnäckig zu vertheidigen. Er brach 
vielmehr, nachdem er in erwähnter Weise seine 
Mannschaft in Kolonnen auf dem Hofe formirt 
hatte, alsbald wieder, jedoch in größter Stille, den 
blanken Hirschfänger in der Faust, mit. seinen Leuten 
aus dem Gehöfte heraus und gelangte, begünstigt 
durch die Finsterniß, mitten unter die Feinde, ohne 
von ihnen erkannt zu werden, worauf er sich dann 
mit wildem Geschrei unter dieselben stürzte und ein 
fürchterliches Gemetzel anrichtete. Durch das Un 
gewohnte dieser Kampfesweise auf das Aeußerste 
erschreckt, stob der Feind nach allen Seilen ausein 
ander, so daß Hauptmann von Wrede Gelegenheit 
fand, mit einem verhältnißmäßig ganz unerheblichen 
Verlust zu entkommen. 
Aus dem Jahre 184 8. Am 18. Mai 1848 
wurde in der Paulsürche der alten Reichsstadt 
Frankfurt das deutsche Parlament eröffnet. 
In zahlreichen Gedichten wurde dieses Ereigniß ge 
feiert. Eins derselben, das wohl zu den besten 
zählt und unserer Meinung nach den Geist, der da 
mals im deutschen Vo'rke herrschte, treffend wieder 
spiegelt, fanden wir kürzlich in der Sonntagsbeilage 
der „Vossischen Zeitung" in einem Artikel, welcher 
die Literatur des Jahres 1848 behandelt, veröffent 
licht. Es ist dem ^deutschen Parlamente" gewidmet, 
und Verfasser desselben ist unser hessischer Landsmann, 
der damalige Gymnasiallehrer Jakob Gegen- 
baur*), der am 17. September 1889 als Pro 
fessor zu Fulda verstorben ist. Wir lassen hier das 
Gedicht folgen. 
Dem deutschen Parlamente. 
Von I. Gegen baue. 
Als der frische Saft im Baume wieder schwellend aus 
wärts schoß 
Und zur Blüthe voll und duftig sich der junge Keim 
erschloß; 
Als die klaren Wasserfluthen aus der Wälder grünem Dom 
In die blüthenreichen Wiesen niedersandte jeder Strom: 
Sieh! da kam ein neues Leben in das ganze deutsche 
Land, 
Welche Wonne! Lenz und Blüthen weben ihm ein 
prächtig Band! 
Aber höher schwoll der Busen, aber weiter ward die 
Brust, 
Als der deutsche Mann sich wieder seiner Freiheit ward 
bewußt! 
Aber kühner blitzt das Auge, als das Volk die Ketten 
brach, 
Drin es jahrelang gefesselt duldsam trug die böse Schmach; 
*) S. „Hessenland", Zahrg. 1888, Nr. 20 u. 21, und 
Jahrg. 1889, Nr. 19. 
Wie ein Simson zornerglühend sprang es aus der Sklaverei 
Und zerbrach mit stolzem Nacken keck das Joch der Tyrannei. 
Auch in Flammen schlug der Funken, der in Aschen 
haufen lag; 
Heil dir, Licht des deutschen Volkes, das in unser Dunkel 
brach; 
Heil der Gluth, die heiß entglommen aus der langen 
Winternacht, 
Drin wir traurig und verzweifelnd manches herbe Jahr 
vollbracht. 
Darum euch, des Reiches Ständen, euch sei dieser Gruß 
gebracht. 
Daß ihr treue Zionswächter nicht verzagt in heißer Schlacht, 
Daß ihr ausharrt fest, entschieden, muthige Spartaner 
schaar ! 
„Für das Volk und seine Rechte!" sei der Wahlspruch 
immerdar! 
Kurhessen war in der deutschen Nationalversamm 
lung zu Frankfurt durch elf Abgeordnete vertreten. 
Die Wahl derselben hatte am 18. April stattgefun 
den. Es waren gewählt worden im 1. kurhessischen 
Wahlkreise Kassel: Obergerichtsanwalt Ludwig 
Schwarzenberg in Kassel; im 2. Wahlkreise Eschwege- 
Schmalkalden: Bibliothekar Dr. K. Bernhardt von 
Kassel; im 3. Wahlkreise Hofgeismar-Rinteln: 
Regierungsrath K. W. Wippermann von Kassel; 
im 4. Wahlkreise Fritzlar-Wolfhagen: Obergerichts 
anwalt H. Henkel von Kassel; im 5. Wahlkreise 
Hersfeld-Rotenburg: Gymnasiallehrer W. Jacobi in 
Hersfeld; im 6. Wahlkreise Melsungen-Witzenhausen: 
Dr. phil. Philipp Schwarzenberg von Kassel; im 
7. Wahlkreise Ziegenhain-Homberg: Generalpost- 
direktionsrath Dr. Adolf Cnyrim in Frankfurt a. M.; 
im 8. Wahlkreise Marburg-Frankenberg-Kirchhain: 
Professor Dr. Bruno Hildebrand in Marburg; im 
9. Wahlkreise Fulda-Hünfeld: Obergerichtsrath 
V. Werthmüller in Fulda; im 10. Wahlkreise 
Hanau: Oberbürgermeister August Rühl in Hanau; 
im 11. Wahlkreise Gelnhausen-Schlüchtern: Bürger 
meister I. Förster von Hünfeld. — Von diesen 
elf hessischen Nationalvertretern gehörten in der 
Paulskirche zu Frankfurt die Abgeordneten Ludwig 
Schwarzenberg, Du. Bernhardt, Wippermann, Henkel, 
Jacobi und Cnyrim dem konstitutionellen rechten 
Zentrum, Werthmüller dem linken Zentrum und 
Dr. Philipp Schwarzenberg, Professor Hildebrand, Rühl 
und Förster der demokratischen Linken au. Ludwig 
Schwarzenberg, Bernhardt, Wippermann, Henkel, 
Jacobi, Cnyrim, Hildebrand, Rühl sind schon vor 
langer Zeit gestorben. Werthmüller starb 1882 zu 
Fulda, Dr. Philipp Schwarzenberg 1885 in Italien. 
Ob Förster noch lebt, ist ungewiß Er war vor 
vierzig Jahren nach Nordamerika ausgewandert. 
Sein letztes nach Deutschland gelangtes Lebenszeichen 
stammt aus der Mitte der achtziger Jahre und be 
stand in einer bei der Stadtbehörde zu Fulda ein 
gegangenen Urkunde aus Cincinnati, wenn wir nicht 
irren, die er als Notar beglaubigt hatte. Förster 
war zu Soisdorf im Kreise Hünfeld zu Ende des
	        

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