Full text: Hessenland (6.1892)

— 
— 127 — 
ich müsse mich wirklich in die Fluth hinabstürzen, 
denn es gab eine Stunde in meinem Leben, in 
welcher ich alles um diesen Platz gegeben hätte. 
Es war finstere Nacht, eine kalte, neblige, feuchte 
Nacht, und ich lief, was ich nur konnte, aber 
ich kam nicht von der Stelle. Da liegt ein 
Stein, und ich falle, ich raffe mich wieder auf 
und laufe. O mein Vater —, rufe ich, o mein 
lieber Vater. Er war mir ganz nahe, aber er 
lag im Grabe." 
„Das ist eine dunkle Geschichte", sagte ich 
bewegt. 
„Ja, eine sehr dunkle Geschichte", antwortete 
sie und richtete sich dabei mit einem Ruck auf, 
als wollte sie etwas von sich abschütteln. „Ich 
bin froh, aus der finsteren Stadt in dieses Wald 
thal versetzt zu sein," fuhr sie fort, „jetzt wohne 
ich bei meinem Oheim, ich habe es Ihnen schon 
gesagt." 
(Fortsetzung folgt.) 
•!«’!" 
Das Mirck. 
Ein Bettler an der Krücke, 
Gelähmt von Gram und Noth, 
Der nie genaht dem Glücke, 
Dem nie die Hand es bot, 
Der liegt in dumpfer Keuche, 
Von Lumpen schlecht gedeckt; 
Ihn hat die Armenseuche 
Auf karges Stroh gestreckt. 
Den das Geschick zergeißelt, 
Der allen Jammer trug, 
Fahl auf die Stirne meißelt 
Sich ihm des Todes Zug. 
Schon fielen ihm die Lider 
Von lähmender Gewalt, 
Da beugt zu ihm hernieder 
Sich eine Lichtgestalt. 
Das Glück! Er sieht es bebend. 
Mit nie gekannter Lust, 
Den letzten Odem hebend 
Aus der zerstörten Brust. 
Was er geträumt vermessen, 
Wird ihm zu eigen jetzt; 
Es hat ihn nicht vergessen —, 
Es kommt zu guter Letzt. 
So hält ihn voll Erbarmen 
Die holde Trösterin, 
Er stirbt in ihren Armen, 
An ihrem Herzen hin. 
Nie durft' es bei ihm rasten, 
Nie war ihm nah' das Glück, 
Nun legt es dem Erblaßten 
Das müde Haupt zurück. 
I. Saus. 
Gbscheed.*) 
(Schwälmer Mundart.) 
Melodie: Morgen muß ich fort von hier. 
Zün Saldöre 2 ) müß ich nü 
O muß Obscheed namme 3 ). 
Schatz, meng Schatz, bos flännst') da dü! 
Stich mer net zesamme! 
Aus demm Häz kemmst dü mer net. 
Glööws 5 ), bei jerem Schreit ö Trett 
Wär ich o dich dänke. 
Möß ich eesöm Poste stich, 
Mond ö Stärn bewache, 
Dänk ich: Ach, bie wärs doch schie 6 ), 
Kinn 7 ) ich inet der lache 
Hengerm Büsch im stelle Hähnj") 
Ö der immer, immer sähnj l0 ), 
Däß ich dich nür liewe. 
Gückt der mol züm Fänster nie 
Hebsch dr Mond ö schmonzelt 
Dünk da ööch: Es wor doch schie, 
Bann mer ins gemonzelt 12 ). 
Dünk ööch, däß verget die Zeiht, 
Däß Berlin jo net ze weiht, 
Däß mer ins könn schreiwe. 
Kurt N«hn. 
i) Abschied, 2 ) Soldaten, 3) nehmen, 4 ) weinest, 
5) glaube es, 6) schön, 7 ) könnte, 8) hinter dem, 9) Hain, 
ro) sagen, n ) lächelt, i g ) geküßt. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Skizzen aus der Hessischen Kriegsgeschichte. 
Von Freiherrn Maximilian von Ditfurth, 
weiland kurfürstlich hessischem Hauptmann. 
XXVI. 
Auf Vorposten bei Crutschen'sMühle 
in Pennsylv a nien. Als sich die Jägercom 
pagnie des Hauptmanns von Wrede einst genöthigt 
sah, in einer sehr finsteren Nacht unweit von 
Crutschen's Mühle in Pennsylvanien eine sehr nach- 
theilige Vorpostenstellung behaupten zu müssen, ge 
brauchte ihr Führer die Vorsicht, die Mannschaft 
dahin zu unterrichten, sich, falls ein überraschender 
Anfall des Feindes erfolgen sollte, eiligst nach jener 
Mühle hin zurückzuziehen und in dem Mühlengehöft 
so rasch als möglich in Sektionskolonne zu formiren. 
Zu diesem Ende ließ er die Mühle durch einige Jäger- 
besetzt halten und die nöthigen Vorbereitungen treffen. 
Wirklich griff auch der Feind jene Vorposten in
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.