Full text: Hessenland (6.1892)

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der Sarg war schon vor seinem Tode gearbeitet. 
.Damit sie dich nicht mit meinem letzten Haus über 
das Ohr hauen, Ursula? sprach er. — Ich sollte ihn 
mir bei dem Schreiner ansetzn, ob er auch nach 
der Anweisung gearbeitet wäre, aber das wollte 
ich nicht, es ging gegen die Natur. „Ein alter 
Römer muß alles können", sagte er. ,Warum 
weinst Du, mein Liebling? Ueber den Tod Deines 
Vaters? Daß er Dir vorangeht, das ist natürlich 
und recht. Wenn Du weinen willst, so beklage den 
Untergang einer schönen, reichen Gedankenwelt, 
welche mit jedem Menschen begraben wird? Er 
hatte viele Bücher, mein Vater, aber sie sind alle 
verkauft, dahin und dorthin, ich habe nur eins 
gerettet." 
Sie öffnete ein Täschchen und zeigte mir einen 
abgegriffenen Horaz. „Es ist sein Handexemplar", 
erklärte sie. „Ich habe es bei dem Konkurs bei 
Seite gebracht, es hatte ja auch keinen Werth für 
die Anderen." 
Sie wurde ganz roth, als sie das Eingeständniß 
machte. 
„Sie bemerken diese Schriftzüge am Rande, 
es sind werthvolle Glossen von seiner Hand. Aber 
eigentlich hätte auch dieses Buch verkauft werden 
müssen, wir hatten gar viele Schulden." 
„Oh", sagte ich, uni nur etwas zu erwidern. 
„Ja, denken Sie," versetzte sie lebhaft, „viele 
Schulden. Ich hätte es auch nicht geglaubt, 
denn wir lebten wie die Römer in ihrer besten 
Zeit. Da waren Bücherrechnungen, und es fanden 
sich auch verschiedene Bürgschaften, welche der 
Vater geleistet und dann natürlich vergessen hatte. 
Eines Tages erhalten wir den Brief. Der 
Vater las ihn, dann sagte er: ,Komm doch ein 
mal, Ursula, und lies dieses, es ist urulkig? So 
war es auch, wir waren ganz verwundert. Wir 
schlugen verschiedene Rechtslehrer über das Wesen 
der Bürgschaft nach, aber wir kamen zu keinem 
anderen Resultat als demjenigen, welches uns 
aus dem Freidank bekannt war: darumb hüt 
man bürge, daz man die armen würge. Vater 
vermochte freilich nicht mehr zu zahlen, aber ich 
war seine Erbin." 
Schweigend ging sie einige Zeit neben mir, 
dann zeigte sie mir die Dächer von Germerode, 
welche ganz nahe zu sein schienen. 
„Wir sind nun fast im Thale. Wenn es Ihnen 
angenehm ist, werde ich Ihnen noch einen Platz 
zeigen, von welchem Sie einen guten Ueberblick 
über die Gegend haben." 
Als ich meine Bereitwilligkeit ausgesprochen 
hatte, ging sie durch die Büsche, nur zuweilen 
bückte sie sich, um eine Erdbeere in ein Körbchen 
zu pflücken. Kurze Zeit darauf traten wir auf 
einen Felsen, welcher von einer mächtigen Eiche 
überschattet und von dem Fluß bespült wurde. 
Nur wenige Fuß unter uns glitt das Wasser 
dahin und floß dann in weitem Bogen um das 
Dorf. Einzelne Häuser schmiegten sich an das 
Ufer, der größere Theil von Germerode aber lag 
weiter hinauf in den Wiesen, und die weißen 
Häuser mit den rothen Dächern blickten aus dem 
Grün der Obstbäume gar schön hervor, ©in 
zarter Hauch lag über dem Dorfe und vermehrte 
das Anheimelnde des Eindruckes, welchen das 
friedliche Bild hervorbrachte. 
„Hier bin ich gern," sagte meine Führerin, 
„es ist mein Tuscnlanum. Aber nun will ich 
Mahlzeit halten. Sie sind eingeladen: Brot und 
Erdbeeren." 
Sie setzte sich auf eine niedrige Steinbank und 
begann sogleich zu essen, ließ auch mich von den 
rosigen Früchten nehmen. Dabei beobachteten mich 
ihre Augen nachdenklich. 
„Werden Sie lange Zeit in Germerode Raft 
halten?" fragte sie endlich. 
Ich erklärte ihr, daß ich gern bleiben würde, 
falls sie mir erlaubte, wieder zu kommen. 
Eine Weile saß sie schweigend da, dann nahm 
sie wieder von mir Notiz. „Sie können nun 
gehen. Halten Sie sich links, dann kommen Sie 
an den Steg. Es ist mir angenehm gewesen, und 
sollten Sie hier bleiben, so dürfen Sie mich 
wieder besuchen. Grüß Gott, cura, ut valeas." 
Der Ton, in welchem sie mich verabschiedete, 
war ernst und würdevoll, weniger würdevoll war 
mein Abgang, denn diese Verabschiedung kam 
mir ein wenig rasch und unerwartet. Erst als 
einiger Raum zwischen uns lag, wagte ich es, 
mich umzusehen. Sie saß still aus ihrem Platz 
und hielt das Haupt in die Hand gestützt. Die 
breitästige Eiche warf weiten Schatten um sie, 
doch fand ein Sonnenstrahl den Weg durch die 
Blätter und lag wie ein schimmernder Kranz in 
ihrem Haar. 
Was ist das für ein seltsames Mädchen ? was 
für ein wunderliches holdes Geschöpf! — wieder 
holte ich immer wieder, während ich dem Dorfe 
zuschritt. 
Dortselbst mußte ich aber meinen Gedanken 
für eine Weile Ruhe lassen, um mich der Hunde 
zu erwehren, welche mich kampflustig umsprangen. 
Es war ein unmuthiges Dorf und verlor auch nichts 
in der Nähe, die Straßen waren breit und reinlich 
und die Hofräume überall mit einem farbigen 
Gitter abgegrenzt. Ein Wässerchen glitt unter 
Erlen- und Weidengebüsch mitten durch das Dorf, 
hier und da standen Frauen im Bach, ihr Linnen 
auswaschend. Im Wirtshaus fand ich keine Unter 
kunft, man sagte mir, ich könnte wohl bei ihnen 
essen, aber nicht wohnen, denn für Fremde wäre 
das Haus zu klein, es käme auch nicht häufig 
vor, daß ein Reisender Herberge begehre. Auf
	        

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