Full text: Hessenland (6.1892)

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geübte Vor- und Nachtrinken von ganzen oder 
halben gemessenen Trünken zum so und so 
vielten Male wiederum und bei hoher Strafe 
verboten und befohlen wurde, daß Bürger wie 
Soldaten sich mit dem, wie es heißt, „zu sonder- 
bahrcm Nutz" allhier eingerichteten Zapfenstreiche 
aus den Wirthshäusern nach Hause verfügten. 
(Fortsetzung folgt.) 
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lein erster Waffengang. 
Von Julius Dodenberg. 
c ^ r s ist mit dem ersten Buche wie mit der 
ersten Liebe; man kann Empfindungen wie 
diese nur einmal im Leben haben, wenn sie neu 
sind und dann mit einer Kraft wirken, die, noch frei 
von jeder Berechnung, einem natürlichen Impulse 
zu gehorchen scheint. Sie prägen sich der Er 
innerung mit tiefen Spuren ein, die keine Zeit 
völlig verwischt, Schatten, die lebendig werden, 
sobald ein unerwarteter Lichtstrahl, ein sym 
pathischer Ton sie trifft. Die zweite, vielleicht 
erst die dritte Liebe, — denn wir sind allzumal 
Sünder! — mag zu glücklicherem Ende führen, 
das zweite Buch größeren Erfolges sich rühmen: 
einerlei, der Zauber der ersten Liebe wie der 
des ersten Buches kehrt niemals, niemals wieder. 
Alle freundlichen Illusionen der Jugend ver 
binden sich mit ihm, alle Qualen, alle Hoffnungen; 
wenn man erst einmal enttäuscht worden ist, 
dann glaubt man nicht mehr so bald, man wagt 
nicht mehr, man erwägt, man zögert zu ge 
winnen, wo nian an's Verlieren denkt, man 
stürzt sich nicht länger voll göttlichen Feuers 
in das Unbekannte, mit welchem doch, indem es 
entschwindet, des Daseins schönster Reiz sich 
erschöpft. Es schwindet die Spannung, welche 
zu großen Thaten spornt, wenn sie sie gleichwohl 
nicht vollbringt; es schwindet die naive Selbst 
überschätzung, welche die höchsten Preise träumt, 
bevor sie die dornigen Wege kennen gelernt, die 
selbst zu bescheidenen Zielen führen; das Ge 
heimniß und das Geheimnißvolle schwindet, aus 
welchem alle diese Regungen hevorgegangen sind. 
„Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen" — 
und ist es nicht nur für Liebende. Sprechen 
können, wenn man sprechen dürfte! Welch' ein 
holder Zwang bindet die Seele, die sich ihres 
Glückes bewußt ist! Wie hoch über den Alltag 
hinaus und seine Stimmung erhebt diese stille 
Sicherheit, dieses Uebermaß von Freude, welches 
*) Erschien so eben in Verbindung mit „Klostermanns 
Grundstück" im Verlage der Gebrüder Paetel in Berlin. 
Dank dem freundlichen Entgegenkommendes Herrn Verfassers 
sind wir in der Lage, die interessante Schilderung aus 
seinem eigenen Leben hier zum Abdrucke bringen zu können. 
D. Red. 
die Brust verschließen muß! Schwebten wir 
damals nicht wie in einem Himmel, und sind 
nicht diejenigen zu preisen, denen ein Andenken 
daran geblieben, nachdem sie lange wieder auf 
der Erde wandeln? Alle die süßen Wonnen 
und Schmerzen der ersten Liebe, sie sind mir zu 
Theil geworden mit dem ersten Buche. Denn es 
erschien Anonym. 
Und — um in diesem wahren Bekenntniß 
auch ganz bei der Wahrheit zu bleiben: es war 
noch nicht einmal ein Buch, sondern nur ein 
Heft von vierzehn Seiten und auf jeder nichts 
als ein Sonett. 
Ich war, als ich sie schrieb, auf dem weiland 
kurhessischen Gymnasium zu Rinteln, Ober 
primaner und dicht vor dem Abgang. Lateinische 
Verse mußten wir, deutsche durften wir machen; 
aber sie drucken lassen — wer hätte daran 
gedacht? Die Geschichte seines ersten Buches 
erzählen, möchte wohl dem Einen mehr, dem 
Andern weniger gelingen; aber wer erzählt die 
Geschichte seines ersten Gedichts! Wer schildert, 
wann und wie diese besondere Fähigkeit des 
menschlichen Ausdrucks im Knaben erwacht ist, 
wie sie sich anfänglich ohne jeden Nebengedanken 
äußert und allmülig au den Vorbildern ihrer 
bewußt wird? Wie der Sprache, wie dem Lied 
wird es ihr wohl eingeboren sein, daß sie ver 
nommen zu werden wünscht. Die Resignation 
kommt gemeiniglich erst später. Mir — und 
auch das will ich hier nicht verschweigen — war 
die harte Lektion früher scholl ertheilt worden. 
In ganz jungen Jahren, als ich noch Sekundaner 
war, hatt' ich der Versuchung llicht widerstanden, 
ein Gedicht, imb noch obendrein mit etueni 
durchsichtigen Pseudonym, zu veröffentlichen, an 
das ich noch heute mit Betrübniß denke, wiewohl 
es den kräftigen Titel führte: „Nieder mit den 
Dänen!" Veranlaßt durch die politische Be 
wegung jener Tage, war es im Sonimer 1848 
erschienen und brachte mir eitel Kummer und 
Kränkung ein. Daß die Lehrer mein Vergehen 
gegen die Schuldisziplin einstimmig unb scharf 
verurteilten, war noch das Geringste für mich; 
schlimmer war, daß das Prodllkt wirklich nichts
	        

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