Full text: Hessenland (6.1892)

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Ita&t unö Waö AofgeLsmar. 
Von R. Neuber. 
(Fortsetzung.) 
<^Mei dem berüchtigten Hochverrathsprozesse, 
welcher in der zweiten Hälfte des 14. Jahr 
hunderts zu Kassel gegen eine Reihe von Per 
sonen wegen Verbindung mit dem gegen Hessen im 
Felde liegenden Landgrafen Balthasar von Thü 
ringen eingeleitet wurde, waren auch von Hof 
geismar Gebürtige, nämlich Werner von Geis 
mar, welcher auf dem Altstädter Marktplatz zu 
Kassel mit Kunz von Seheweis und Hermann 
Schultheis hingerichtet wurde, und sein Vetter 
Hermann von Geismar, der sich gleichem Schick 
sale durch die Flucht entzog (1391), betheiligt. 28 ) 
Große Unbilde mußte Hofgeismar 1400 aus 
stehen. In diesem Jahre wurde bekanntlich 
Herzog Friedrich von Braunschweig, welcher sich 
um die damals durch die Absetzung des Kaisers 
Wenzeslaus erledigte deutsche Kaiserkrone be 
worben hatte und bereits zu Frankfurt a. M. 
erwählt worden war, auf seinem Zuge von 
dort in die Heimath, obwohl ihn mehrere 
Fürsten und 930 Reisige (nongenti et triginta 
armati) begleiteten, in einem Hohlwege bei 
Klein-Englis in der Nähe von Fritzlar von 
einem Haufen Bewaffneter unter Abschneidung 
von seinem Gefolge überfallen und ermordet 
(5. Juni 1400). 29 ) 
An der Spitze der Wegelagerer hatten gestanden 
Graf Heinrich von Waldeck und die Ritter 
Friedrich von Hertingshausen und Kunzmann 
von Falkenberg. Da diese in Mainzischen 
Diensten waren, griffen die Verwandten des 
Getödteten, die Herzoge von Braunschweig und 
Landgraf Hermann von Hessen, zu den Waffen 
und rückten mit Heeresmacht vor verschiedene 
Mainzische Städte, obgleich der Erzbischof seine Un 
schuld öffentlich betheuerte und die genannten Führer 
jede Betheiligung seinerseits in Abrede stellten. 
Insbesondere hatte Hofgeismar, wohin sich 
Friedrich von Hertingshausen geflüchtet hatte, 
der Mainzischer Amtmann daselbst war, eine mit 
28 ) Zeitschrift rc., neue Folge, Bd. III, S. 48 fg. 
29) Hartmann, 1. e. pars I, cap. 9, § 27; Falcken- 
heiner a. a. O., Bd. I, S. 256 fg; II, S. 297 fg., s.auch 
Vortrag des Dr. Brunner, 28. April 1890, abgedruckt in 
Heßler's Geschichte von Hessen (Kassel 1891), S. 190 sg. 
Ausplünderung und Brandschatzung der Umgegend 
verbundene Belagerung auszuhalten. Hierauf be 
zieht sich die bekannte Sage vom W ü r f e l t h u r m, 
welcher, wie aus Flurkarten des vorigen Jahr 
hunderts zu ersehen, in der Stadtmauer zwischen 
dem Mühlenthore und dem zum Theil noch 
vorhandenen Pulverthurm gelegen war und gegen 
Ende des vorigen Jahrhunderts abgebrochen wurde. 
Als die Noth der Belagerten das äußerste 
Maß erreicht hatte, namentlich alle Vorräthe 
in der Stadt aufgezehrt worden waren, kamen 
die Streittheile überein, daß das Loos entscheiden 
solle, und zwei Männer, einer von den Belagerern 
und einer von den Belagerten, mußten mit drei 
Würfeln würfeln. Der erstere warf den zweit 
höchsten Satz, also 17 (sewwenteine). Da über 
kam den Anderen große Angst: „Da kriechde 
de, den se ut der Stad eschicked hadden en 
grauten Schrecken“ —, aber er dachte, er 
müßte doch nun einmal würfeln, würfelte 
und warf in dieser verzweifelten Lage — den 
höchsten Satz: 18 (achteine). Damit war die Sache 
zu Gunsten der bedrängten Stadt entschieden, 
die Belagerung wurde eingestellt und dem 
Sieger von seinen Mitbürgern ein Denkmal 
auf dem Thurme, in dessen Nähe das Würfel 
spiel stattgefunden, errichtet, indem man auf 
demselben drei Steine als Würfel ausgehauen 
mit sichtbaren 18 Augen anbrachte. 30 ) 
Uebrigens wußte sich während dieser Kämpfe 
der Erzbischof von Mainz wieder in den Allein 
besitz des Schönebergs zu setzen; er versprach zwar 
im Frieden zu Friedberg (1406) mit Hesieu 
und Braunschweig Herausgabe des Braun 
schweigischen Antheils von Schöneberg (Idem 
partem castri Greismariae vicini, Schonenberg 
nomine, Othoni Brunsvicensi restituat) 30 “), 
aber niemals ist wieder die Rede von den 
Braunschweigern. 
so) Zeitschrift rc., a. F., Bd. I, S. 363 fg. — Der 
Rest des Pulverthurmes ist im September 1887 bei den 
Verbesserungsarbeiten an dem durchfließenden Bach ab 
getragen worden, s. auch Kasseler Tageblatt Nr. 261. 
30a) Joannes (Francof. a. M. 1722) Rerum Mo- 
guntiacarum Yol. I, p. 721 sq. Hartmann 1. c., pars 1, 
cap. 9, § 37.
	        

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