Full text: Hessenland (6.1892)

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Diese Fragen legte ich mir vor, während ich an 
der Seite des Mühlbaches hinauf schritt, aber 
ich vergaß alles, was bedrückend auf meinem 
Herzen lag, als ich mich dem Walde nahete. 
Es ist das so schon, daß man erst ganz allmälig 
in den Laubwald hinein kommt, immer mehr 
wird das Herz von einem heimlichen Zauber 
umfangen, und immer mehr Glocken in uns 
werden angerührt, daß sie leise tönen und klingen, 
bis man endlich in der rechten Stimmung in 
die grünen Hallen hineintritt. Mein Weg führte 
meist freundlich dahin, nur eine kleine Strecke 
wanderte ich durch einen finsteren, tannenbe 
wachsenen Grund, bald aber kam ich wieder in 
lichthelle, von Vogelfang wiederklingende Wald 
thäler. So ging ich eine lauge Zeit dahin, 
endlich that sich der Wald auf, die Bäume 
standen weiter aus einander, aber nun umringten 
mich die Sträucher und Blumen. Brombeeren 
schlangen ihre Zweige über das Gestein bis tief 
in den Weg hinein, welcher in zahllosen Win 
dungen in den Grund hinableitete. Blaue Li 
bellen und Schmetterlinge mit goldglänzenden 
Flügeln flatterten lebendigen Blumen gleich von 
Blüthe zu Blüthe. Und dieser Gesang in den 
Lüften und Zweigen, welcher tausend süße Ge 
heimnisse verrieth! Gar zutraulich sahen mich 
die niedlichen Sänger an, sie flogen vor mir her 
und lockten mich. Dazwischen erklang vom Weiß 
dorn der warnende Ruf des Rotschwänzchens: 
Hüte dich! hüte'dich! In unbeschreiblichem Glanze 
lag das Sonnenlicht über dieser Waldeinsamkeit 
ausgebreitet, von jedem Busch fielen blitzende 
Fäden nieder, ein Strahlenkleid umhüllte die 
weite thauige Halde, vom Baume herab bis 
zu den zitternden Halmen und wieder hinauf 
in die rauschenden Wipfel war alles in Silber- 
gluth getaucht. Es war wie in einem Wald 
märchen, welches süß aus vergangener Zeit zu 
uns herüberklingt, es lebte alles, und doch war 
alles wieder wie in einem Traum. 
„Das ist ja eine wahre Zauberwelt", rief ich 
entzückt, schrak aber sogleich zurück, denn ganz 
in meiner Nähe hörte ich einen angstvollen Schrei. 
Hoch aufgerichtet stand vor mir die schlanke Ge 
stalt eines Mädchens. Schneeweiß war das 
Kleid der Fremden, aber die zarten Spitzen 
dunkler Farren und allerlei Waldblumen, welche 
sie zum duftigen Strauß geordnet am Mieder 
und im Gürtel befestigt hatte, brachen die Ein 
tönigkeit ihres Gewandes. Das Antlitz war schmal 
und ernst, die tiefen schönen Augen aber ver 
liehen ihm Farbe und Leben, und ihre goldene 
Haare, die in wildem Gelock über die Schultern 
fielen, bildeten einen wunderschönen Rahmen für 
das liebliche Angesicht. Doch jetzt lag über ihr 
in so tiefer Schrecken, wie er mir niemals vor 
Augen gekommen war. Die Arme hingen wie 
gelähmt an ihrem zitternden Körper hinab, und 
ihr Antlitz war todtenbleich. Da ich über den 
weichen, nachgiebigen Moosgrnnd gegangen war, 
so mochte sie meine Schritte überhört haben, 
aber der Schrecken, welcher über sie förmlich 
einen Bann geworfen hatte, war doch größer, 
als ihn sonst eine unerwartete Begegnung her 
vorzurufen Pflegt. 
Ich war durch ihre tiefe, schmerzliche Angst er 
schüttert. „Fürchten Sie sich doch nicht, mein 
Fräulein," bat ich, „ich bin nur ein harmloser, 
bescheidener Wandersmann und thue keinem etwas 
zu Leide. Ich bin wirklich so harmlos wie die kleinen 
Sänger, welche uns umflattern, aber wenn ich 
Ihnen Furcht einflöße, werde ich sogleich weiter 
gehen." 
Allmälig kam sie wieder zu sich, eine Gluth- 
welle überfloß ihr Antlitz, doch kehrte die Blässe 
alsbald wieder zurück. 
„Ich fürchte mich nicht mehr," sagte sie tief auf- 
athmend, „ich bin nun nicht mehr ängstlich. Ich 
bin ein wenig furchtsam, das liegt in meiner 
Natur, denn ich habe einmal etwas Furchtbares 
erlebt, und seitdem, wenn etwas Plötzliches an 
mich herantritt, legt sich mir die Erinnerung 
wie ein Alp auf die Seele. Sie kamen ein 
wenig schnell in mein Reich." 
„Das ist aber ein wunderbares Reich," rief ich 
aus, „mir ist das Herz aufgegangen. Niemals 
zuvor habe ich den Wald in so traumhafter 
Schönheit gesehen, niemals das Zusammenklingen 
von so vielen lieblichen Stimmen gehört. Und 
wie zutraulich ist diese ganze Welt, wie furchtlos 
schauen diese Vöglein zu uns hinab?" 
„Ja, es ist keine Furcht in ihnen," antwortete 
sie, „in ihrem Frieden greift nur selten eine 
störende Hand. Die Leute hier haben es als 
Kinder gelernt, das stille Glück der Natur zu 
schonen, und schärfen es nun auch ihren Kindern 
ein. Dieser singende Wald ist ihr Lohn." 
„Das ist schön," sprach ich, „ich habe wieder ein 
mal den frischen, freien Wald durchwandern 
wollen, und nun bin ich ganz besonders froh, 
daß ich meinem Drachen entlaufen bin." 
„Sie sind jemandem entlaufen?" fragte sie, indem 
sie mich verwundert ansah. 
„Nur meiner alten Hausmeisterin, welche mich 
wie einen goldnen Schatz bewacht, sonst habe ich 
ein gutes Gewissen." 
„Wohin gedenken Sie zu wandern?" fragte sie 
wieder. 
„Wohin ich eigentlich will, weiß ich selbst nicht, 
in's Ungewisse hinein. Doch würde ich die 
Nähe eines Dorfes für einen freundlichen Zufall 
ansehen." 
„Es ist ein Dorf in der Nähe, sehen Sie dort!"
	        

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