Full text: Hessenland (6.1892)

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lrsuls. 
r 
II 
Eine Geschichte aus Waldesgründen 
von Wilhelm Speck. 
c 'gn voller Herlichkeit war der Tag angebrochen, 
As als ich den Zug verließ. Zu meinen Füßen 
^ lag in Morgengluth getaucht die kleine Stadt 
mit ihren zahlreichen Giebeln und Thürmen. 
Der Frühschein glänzte in den Fenstern, er 
umleuchtete die thaufeuchten Linden vor den 
Häusern und warf sein schimmerndes Netz über 
den Strom aus, in dessen Wellen sich liebliche 
Gürten spiegelten. Während ich den steilen 
Pfad in's Thal hinabstieg, begannen die Glocken zu 
schlagen, und gleich darauf erklang vom Berge 
jenseits eine feierliche Musik, welche der Stadt 
musikus nach altem Herkommen als Morgen 
gruß darzubringen hatte. Wie immer erweckte 
auch dieses Mal die schöne waldumrauschte Stadt 
in mir das Verlangen, hier Rast zu halten, 
aber eingedenk meines Entschlusses, mich in welt 
fernen Bergen und Thälern umzusehen, wider 
stand ich diesem Wunsche und schritt schnell durch 
die winkligen, mittelalterlichen Gassen, vorbei 
an dem sprudelnden Brunnen mit dem Rolands 
bild, hinaus auf die Landstraße. An einem 
Bäumlein machte ich endlich Halt; die kühle, 
klare Fluth war durch eine hölzerne Röhre ge 
leitet und erquickte gerade einen Handwerks 
burschen. Er fragte mich: „Wohin des Weges, 
Kamerad?" 
„Das weiß der liebe Gott," antwortete ich, „ich 
gehe auf gut Glück." 
„Das habe ich auch lange gethan, aber nun 
bin ich bald daheim," erzählte er mit leuchtenden 
Augen. „Bin lange unter den fremden Menschen 
gewesen und komme nun abgerissen nach Haus." 
Er zeigte mir einige Dörfer, welche an der 
Straße lagen. „Es ist im Grunde eines wie das 
andere", meinte er. „Wenn es dem Herrn auf 
gute Verpflegung ankommt, so möchte der Weg 
dahin zu empfehlen sein, wenn Ihnen aber daran 
gelegen ist, einen schönen, schier unberührten 
Wald zu durchwandern, so führt dieser Seiten 
weg vorbei an der Mühle gerade mitten in die 
Herrlichkeit hinein." 
Ich dankte ihm und ging dem Walde zu. 
Was ich dem Manne gesagt hatte, war die 
Wahrheit, ich ging auf gut Glück. Als ich am 
Morgen zum Bahnhof unserer Stadt eilte, wußte 
ich noch nicht, wohin mein Geschick mich führen 
würde, denn ich hatte beschlossen nach dem ein 
förmigen, geregelten Leben für einige Wochen 
ganz allein Laune und Zufall über mich ge 
bieten zu lassen. Es war eine traurige Zeit, 
! welche ich durchlebt hatte; aus der lieben Stadt 
der Musen und der Wissenschaften wurde ich an 
| das Bett meines vereinsamten Vaters gerufen 
und kam gerade zur rechten Zeit, um seinen 
letzten Händedruck zu empfangen und ihm einen 
Platz neben der dunkeln Rose frei zu machen, 
welche auf meiner Mutter Grab ihre Blüthen 
verstreute. Aus den lichten Hörsülen der Uni 
versität warf mich mein Geschick in die dunkeln 
Kohlengruben der Firma Menger, und von dem 
gemüthlichen Studiertisch versetzte es mich an den 
Stehpult, auf welchem Rechnungen, Frachtbriefe 
und allerlei Wunschzettel meines alten Buch 
haltersin traurigem Durcheinander der Erledigung 
warteten. Und nun gar unser liebes freund 
liches Haus, war es nicht wie ausgestorben, und 
verhallte nicht jeder meiner Schritte seltsam, so 
daß man gar nicht mehr aufzutreten wagte? 
Wenn ich Abends in dem stillen Hause saß, 
dann fragte ich mich zuweilen: Könnte nicht 
ein holdes Weib mir gegenübersitzen, welches 
mich mit seinen freundlichen Augen aufrichtete, 
und, wenn ich der kleinlichen Geschäfte des Tages 
müde mich nach Ruhe sehnte, mir diese Ruhe 
gewährte in dem trauten Frieden seiner Nähe? 
Könnten nicht liebliche Kinder mich umspielen 
und mit ihren zarten Händen mir das Haar 
von der sorgenvollen Stirn streichen, mit ihrem 
fröhlichen Geplauder diese öde Stille durchbrechend? 
Aber wo fand ich diese Eine, diese Einzige, 
welche ich mir wohl in die traulichen Räume 
wünschen könnte, in welchen meine theueren Ent 
schlafenen einst gewohnt, Glück und Leid mit 
einander getragen hatten? Wenn ich mich solchen 
Gedanken hingab. dann war es mir freilich kein 
Trost, die schlürfenden Schritte meines Haus 
drachens neben mir zu hören und von der alten 
Frau mit argwöhnischen und prüfenden Blicken 
beobachtet zu werden. Ich konnte es nicht mehr 
leugnen, dieses Jnventarienstück unseres Hauses 
hatte sich einen bevorzugten Platz ausgesucht, 
oft genug ertappte ich mich dabei, wie ich mit 
den unsicheren Augen eines Knaben nach meiner 
früheren Pflegerin ausspähte, und ich fühlte, 
daß jeder Tag meines einsamen Lebens mich 
tiefer in die Abhängigkeit bringen würde. Ach 
Christinchen, wenn Du wüßtest, wie hart Deine 
liebevolle Fürsorge mir geworden ist! Was 
wird sie sagen, wenn sie das Nest leer und den 
Vogel ausgeflogen findet? Wird sie es ahnen, 
daß dieses der erste Schritt zur Freiheit ist? —
	        

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