Full text: Hessenland (6.1892)

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Ein Krinnerunasblalt. 
Von Fr. von 
m Schlosse der fürstlichen Residenzstadt 
Bückeburg hängen im großen Ballsaal 
, zwei sehr schöne Gemälde, die sich eindrucks 
voll und hell von dem dunklen Hintergründe der 
alten, sehr kostbaren Gobelintapete abheben; es 
sind die lebensgroßen Bilder des Herrscherpaars, 
welches zu den glorreichen Vorfahren der jungen 
Königen Charlotte von Württemberg gehört hat, 
nämlich der berühmte portugiesische Feldherr 
Wilhelm, regierender Graf von Lippe- 
Schaumburg, und seine hohe Gemahlin, ge 
borene Gräfin von Lippe-Biesterfeld. Um 
geben von militärischen Emblemen, heroisch und 
kraftvoll wie ein deutscher Eichbaum steht der 
geniale General da, neben ihm seine Gemahlin, 
zart wie eine weiße Blume, ein Urbild der ächtesten 
Weiblichkeit. 
Als glaubwürdige Beschreibung dieser Gemälde 
sollen hier die Worte eines Zeitgenossen mitge 
theilt werden, nämlich der Bericht des berühmten 
Philosophen Moses Mendelssohn. Er schrieb dar 
über in seinen Anmerkungen zur Herausgabe 
von Abbt's Werken: „Ich habe diesen seltenen 
Fürsten in Pyrmont kennen gelernt, er erschien 
mir gleich vollkommen berechtigt, einem jugend 
lichen, dem Guten und Geistigschönen ergebenen 
Gemüthe, wie unser Freund Abbt es besaß, den 
warmen Enthusiasmus einzuflößen, den er für 
ihn hegte. 
Ich sah also einen Mann von riesiger Gestalt, 
stark von Gliedmaßen, abgehärtet und rauh. 
Sein Aeußeres bildete mit dem sanften, menschen 
freundlichen Wesen seines Entgegenkommens einen 
auffallenden Kontrast. Er besaß die feinste 
griechische Seele in einem fast rauhen 
westfälischen Körper! In seinem Aeußer- 
lichen, in Kleidung, Gang und Benehmen nach 
lässig bis zum Sonderbaren, ward er für gemeine 
Augen oft lächerlich. In seinen Reden sorgsam 
bis zum Gesuchten, war er in seinen Gesin 
nungen ungeziert und edel bis zum Erhabenen! 
Seine Gemahlin besitzt eine seltene Schönheit 
von Körper und Seele. In ihren Gesinnungen 
ist sie ganz von seinen Meinungen abhängig. 
Sie lieben sich mit der innigsten Zärtlichkeit, 
vielleicht sind sie darum kein ganz glückliches 
Ehepaar, denn allzu große Empfindsamkeit schadet 
der menschlichen Glückseligkeit." 
In der deutschen Literatur hat Wilhelm von 
Lippe-Schaumburg sich einen schönen Namen er 
worben durch seine Freundschaft für den geistvollen 
ohmhausen. 
Schriftsteller Thomas Abbt, der ein einsames, 
mühevolles Leben in dem Städtchen Rinteln 
führte, obgleich er von Lessing, Gleim, Lavater, 
Herder und allen Berühmtheiten damaliger Zeit 
gefeiert wurde. Seine herrliche Abhandlung 
„Vom Tode sür's Vaterland", zu welcher ihn 
Friedrich der Große begeistert hatte, erregte die 
Bewunderung des Grafen Wilhelm, er erfuhr 
mit sehr freudiger Ueberraschung, daß der Ver 
fasser in seiner Nähe lebte, und beschloß, denselben 
aus den dortigen drückenden Verhältnissen zu 
befreien. 
Eines Tages sahen die Bewohner von Rinteln 
den Hofwagen mit den bekannten sechs Isabellen 
aus Bückeburg von der dürftigen Behausung 
Abbt's halten, und man erfuhr mit freudigem 
Staunen, daß er zum Regierungsrath ernannt 
sei. Er schrieb an Mendelssohn voller Entzücken: 
„Der regierende Herr von Bückeburg ist für 
mich ein wahres Fest gewesen, nicht weil er ein 
so hochstehender Mann ist, sondern weil er der 
Welt ein so glänzendes Beispiel gegeben hat, 
wie man die Geisteskultur pflegen soll. Er kennt 
alle berühmten Schriftsteller. Aus Shakespeare 
kann er die schönsten Stellen auswendig, und von 
lateinischen Autoren führt er Citate an, die mich 
und andere gelehrte Tafelgenossen beschämen." 
Es herrschte bald ein wahrer Enthusiasmus 
der gegenseitigen Anerkennung zwischen dem 
jungen Rcgierungsrath und seinem neuen Herrn. 
Der Unterschied des Ranges und des Alters war 
gänzlich verschwunden. Leider sollte jedoch Abbt 
dieses Glück nicht lange genießen, er starb 
schon nach Jahresfrist, am 3. November 1760. 
Sein hoher Freund war untröstlich, er wußte, 
daß dieser Verlust nie zu ersetzen sein würde. 
Herder schrieb über Abbt einen hochpoetischen 
Nachruf. In Folge dessen erhielt er die An 
stellung als Hofprediger in Bückeburg, wo er 
mehrere Jahre in sehr glücklichen Verhältnissen 
lebte; er übte namentlich einen wirksamen Ein 
fluß auf die Entwicklung der Intelligenz in 
Westfalen aus. Als Seelsorgerstand er dem Herscher 
paare tröstend zur Seite, als der Verlust des 
einzigen Töchterchens eintrat. Der Tod vereinigte 
bald die ganze Familie in dem kleine Mausolelun 
des Jagdschlößchens „Zum Baum", welches in 
tiefster Waldeinsamkeit, unweit der Bergkette 
der westfälischen Pforte, dieser Krone der schönen 
Weserlandschaft, liegt und noch oft wie ein weihe 
voller Wallfahrtsort von sympathischen Wanderern 
besucht wird.
	        

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