Full text: Hessenland (6.1892)

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gewirkt. Die Bewohner derselben sind ihm zum 
größten Danke verpflichtet, und sein Andenken in 
Hessen-Nassau wird stets ein gesegnetes bleiben. 
Das neueste Oratorium von Heinrich Fidelis 
M n Her: Die Passion unseres Herrn Jesu 
Christi in sieben Bildern, nach Worten der heiligen 
Schrift für Soli und gemischten Chor mit Klavier 
begleitung, welches vor wenigen Wochen im Verlage 
von Aloys Maier in Fulda erschienen ist, hat über 
all, wo es bis jetzt aufgeführt wurde, in Berlin, 
Köln, Erfurt, Kassel, Speyer, Karlsruhe, Dortmund, 
St. Gallen, Utrecht, Leyden, Mastricht, Chicago, 
St. Francisco, Richmond, einen ganz außerordent 
lichen Erfolg erzielt. Unser als Komponist und 
Kunstkritiker rühmlichst bekannter hessischer Landsmann, 
der Musikdirektor IW. Heinrich Henkel in Frank 
furt a M. fällt folgendes Urtheil über diese hervor 
ragende Komposition des Dechanten H. F. Müller 
zu Amöneburg, das er in der „Frankfurter Zeitung" 
veröffentlichte: 
„Ein bleibend eindrucks- und wirkungsvolles 
Kunstwerk entsteht, wenn Talent, Wissen und Können, 
Ueberzeugung und Begeisterung zusammengewirkt 
haben Diese Bedingungen finden wir erfüllt in 
dem soeben im Verlag von Aloys Maier in 
Fulda neu erschienenen Werk: Die Passion 
unseres Herrn Jesu Christi, für Soli und 
geulischten Chor (op. 16) von Heinrich Fidelis 
Müller Der Autor, Dechant in Amöneburg und 
seit Kurzem zum Ehrenmitglied der altehrwürdigen, 
berühmten Akademie St. Cücilia in Rom ernannt, 
hat sich bereits durch Schaffung anderer voraus 
gegangener kirchlicher Werke einen geachteten Namen als 
Komponist erworben, nämlich durch sein „Weihnachts 
oratorium", „Die heiligen drei Könige" und „Tie 
heilige Elisabeth" (alle drei in oben genanntem Ver 
lag erschienen). Diese Merke wurden bereits in zahl 
reichen Städten aufgeführt, und mit Freude erinnern 
wir uns der vor einigen Jahren im hiesigen Saal 
ban stattgehabten Darstellung des Weihnachtsoratoriums 
mit lebenden Bildern. Dem in Rede stehenden 
Werk „Die Passion" liegt kein neuer llxtlicher 
Gegenstand zu Grunde; der Text ist nach den Worten der 
heiligen Schrift verfaßt. Die Leidensgeschichte des 
Heilandes wird seit vielen Jahrhunderten bis zur 
Gegenwart in der katholischen Kirche in der Char- 
woche als Theil der Liturgie in lateinischer Sprache 
nach alten Tonweisen gesungen. Für die protestantische 
Kirche vorzugsweise haben Heinr. Schütz, S. Bach, 
Ph. Telemann, H. Graun, Schicht, Spohr u. A. 
durch geniale Kompositionen der Leidensgeschichte 
Christi gewirkt. Die vorliegende neue Passion von 
Müller ist keineswegs als eine spezifisch für den 
katholischen Kultus gedachte Arbeit zu betrachten, 
sondern sie ist der Ausdruck jedes gläubig empfin 
denden christlichen Gemüthes, und mit Recht enlpfiehlt 
der Verfasser, daß man an sein Werk tnit frommem 
Sinn und in weihevoller Stimmung herantreten 
möge. Es ist für alle christlichen Gesangvereine 
geschrieben, seien sie katholisch oder Protestantisch. 
Der Gegenstand ist in sieben Bilder oder Szenen 
getheilt In jeder derselben wechseln Chöre mit 
Soli und Recit itiven ab, welche theilwcise durch 
Jnstrumentalsätze eingeleitet werden Den Chören 
liegen alte geistliche Kirchenlieder zu Grunde. Der 
kontrapunktische Satz ist vorzüglich und zeugt von 
eingehendem Studium der besten Meister Den 
Singstimmen ist nach Höhe und Tiefe nichts Er 
schwerendes zugennlthet, die Stimmführung ist natür 
lich und sangbar. Der instlumentale Theil kann 
durch Orchester oder auch nur Orgel, selbst Har 
monium oder Klavier ausgeführt werden. Bei Auf 
führungen in größerein Raume werden die lebenden 
Bilder (sie sind vom Verleger in acht Stahlstichen 
nach Gemälden von Mosler, Fra Bartolomeo und 
Overbeck als Vorlagen beigefügt) im Verein mit 
Musik und Gesang von besonders erhebender Wir 
kung sein; doch sind sie nicht unbedingt nothwendig, 
wo die Verhältnisse es nicht gestatten. Ans gleicher 
Ursache, wenn ein tüchtiger Solist für die Recitative 
nicht zu gewinnen wäre, können letztere melodramatisch 
deklamirt werden. Schreiber dieser Zeilen wünscht 
durch Veröffentlichung derselben die allgemeine Auf- 
merksamkeit auf das besprochene Werk hinzulenken, 
da es seinem Zweck nach für unsere Gegenwart eine 
bedeutende, allen Chordrrigenten auf's Eindringlichste 
zu empfehlende Erscheinung ist." 
Wir dürfen nicht unterlassen, hier noch der äußern 
Prachtvollen Ausstattung des Werkes rühmend zu 
gedenken, die dem Verleger zur Ehre gereicht. 
Das kürzlich von uns angekündigte dramatische 
Werk unseres hessischen Landsmannes A d a m T r a b e r t 
in Wien: „Elisabeth, Laudgrttfin von 
Thüringen und Hessen," ist soeben zu Wien 
im Druck erschienen. Die Wiener Zeitung „Vater 
land" hat nicht zu viel behauptet, als sie diesem 
Drama „groß angelegten dramatischen Aufbau, ge 
schickte Verwerthung des kulturhistorischen Stoffes, 
poetische Detailmalerei, Schönheit der Sprache, 
musterhafte Plastische Zeichnung der Charaktere und 
nicht zuletzt überall hervortretende bühnentechnische 
Gewandheit" nachrühmte. Das sind in der That 
Vorzüge, durch welche sich die Dichtung ans das 
Vortheilhafteste auszeichnet. Wir werden darauf 
zurückkommen. 
Das neueste Heft der „Deutschen Rundschau" ent 
hält einen sehr beachtenswerlhen Aufsatz aus der 
Feder des Geheimen Medizinalraths Professor
	        

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