Full text: Hessenland (6.1892)

6 
daß die zu dem Hofe gehörigen Hube», falls sie 
wüste oder herrenlos würden, demselben wieder 
zufallen sollten. So wurden die derzeitigen 
Besitzer derselben gleichzeitig gezwungen, das 
Land auch wirklich zu bauen, was bei dem 
Mangel an Vieh und Arbeitskräften sicher nicht 
leicht war; unterließen sie es, so fielen die Huben 
dem Hofe wieder zu. Der letztere Umstand, 
daß Hof und Huben als zusammengehörig an 
gesehen wurden, ist zugleich ein Beleg dafür, 
daß damals in Hilgershausen die alte Mark 
verfassung noch ihre Wirkungen äußerte. — Der 
Hof ist übrigens noch heute vorhanden und heißt 
der Gräbenhof *). 
Die allgemeine Noth an Arbeitskräften lehrte 
sogar Duldung. Die Wiedertäufer, wenn sie 
sich still und eingezogen hielten, durften unan 
gefochten in dem Besitze des Ihrigen bleiben; 
und nur wenn sie es sich beikommen ließen, an 
andern Bekehrungsversuche zu machen, wurden 
sie bedeutet, binnen drei Monaten das Land zu 
verlassen. ** ***) ) 
Jede Hand, die arbeitete, war eben willkommen. 
Denn wie der Ackerbau so lagen auch alle anderen 
Erwerbszweige, Bergbau, Handel und Gewerbe, 
darnieder. Landgraf Wilhelm VI. suchte ihnen 
nach Kräften aufzuhelfen. Gerade bezüglich des 
Handels aber hatte er vielfach mit der Willkür 
seiner Beamten zu kämpfen, die, anstatt den Ver 
kehr nach Kräften zu fördern und bei den schlechten 
Zeiten alle Preissteigerungen und Aufschläge auf 
die Waaren möglichst zu verhüten, im Gegen 
theil von den zum Verkaufe in die Städte ge 
brachten Waaren, ja den gewöhnlichsten Lebens 
mitteln erst einen Theil als den ihnen gebührenden 
Tribut in Anspruch nahmen, ehe sie die Er 
laubniß zum Feilhalten ertheilten. Umgekehrt 
aber ließen sie die zu, welche sie besser Hütten 
fern halten sollen, das fahrende Gcsindlein, das 
nach dem Kriege massenhaft das Land über 
schwemmte, die Gaukler und Schwindler, die 
Bären- und Affenführer, die Fechter, Spieler, 
Störger, Wurmvertreiber, die Wurster, Dreh 
bretthalter, Sänger und Reimensprecher, und wie 
sie alle hießen, die bei den Jahrmärkten und 
außerdem ihre Künste anpriesen. Sie alle 
fanden reichlichen Zuspruch, zumal aber die 
Wahrsager und Krystallseher, nachdem in den 
Kriegszeiten der Aberglaube wieder mächtig iu's 
Kraut geschossen war. Wurden sie auf dem Be 
trug ergriffen, so ging es ihnen an Leib und 
Leben, denn an Verordnungen fehlte es auch 
früher nicht; aber sofern sie nur in klingender 
*) Die betreffende Urkunde verdanke ich der Mittheilung 
des Herrn Pfarrers Schilling in Kassel. 
**)-H.-L.-O. Reformationsordnung v. 1657, Kap. VH. 
Münze den Beamten ihre Erkenntlichkeit dar 
legten, drückten diese oft beide Augen zu und 
machten sich so zu Mitschuldigen jener Gesellen, 
die dem Volke das Geld aus der Tasche lockten. *) 
Diesem Unwesen suchte Wilhelm VI. jetzt 
durch seine Sportel-Ordnung vom Jahre 1656 
auf's Neue zu steuern. Gleichzeitig trat er energisch 
auch gegen einen anderen Unfug auf, der sich 
bei den Gerichten eingeschlichen hatte, indem die 
Beamten von den Verklagten durch Androhung 
von Gefängniß oder geradezu durch Einsperruug 
möglichst hohe Gebühren und Bußgelder zu er 
pressen suchten, die ihnen dann zufielen. 
Diesem elenden Schacher, der nicht wenig zur 
Entsittlichung des Volkes beitragen mußte, wurde 
ein Ende gemacht. Für die Heranbildung und Er 
ziehung eines tüchtigen Beamtenstandes, besonders 
der Justizbeamten, sorgte Landgraf Wilhelm VI. 
sodann gleichzeitig durch seine berühmte Kanzlei- 
ordnung vom selben Jahre, welche fortab die 
Grundlage für das in Hessen übliche Gerichts 
verfahren gebildet hat. Es galt auch hier, die 
Beamten wieder an Ordnung und Pflicht zu 
gewöhnen, welche der Krieg gelehrt hatte, nur 
zu oft fünf gerade sein zu lassen. Auch die 
alten Rügegerichte wurden wieder hergestellt, wo 
durch für schnelle Schlichtung bäuerlicher Grenz- 
irruugen, Bestrafung von Garten- und Feld- 
dicbstahl und die Handhabung der Landespolizei 
überhaupt gesorgt wurde. 
Wenn, wie oben gesagt wurde, jede Hand, 
die arbeiten wollte, recht und willkommen war, 
so durfte andererseits aber auch nicht geduldet 
werden, daß müßige Leute von dem Erwerbe 
der übrigen zehrten. Und doch hatte gerade in 
jenen Jahren die Menge des Gesindels, das die 
Lande durchzog, in erschreckender Weise zuge 
nommen. Bettler, Männer wie Weiber, meist 
jung und rüstig, drängten sich herein und wurden 
zur Landplage. Am leichtesten konnte man noch 
in de» Städten Abhilfe **) schaffen, obwohl auch 
hier die Bettelvögte nicht selten mit dem Gesindel 
gemeinsame Sache machten und gegen ein Trink 
geld oder einen Antheil am erbettelten Brode 
jenen freie Hand ließen. Auf dem Laude 
aber fehlte, zumal in entlegenen Dörfern und 
Höfen, oft jeder Schutz und Selbsthilfe, so 
hart sie oft sein mochte, war das einzige 
Mittel, die schlimmen Gesellen sich vom Halse 
zu halten. Die Strafe war hart, aber, wenn 
man bedenkt, wie oft ein solcher Strolch, zumal 
wenn er eine Wehre bei sich hatte, ganze Ort 
schaften brandschatzte, sicher nicht unverdient?**) 
*) H.-L.-O. Sportel-Ordnung v. 16. Mai 1656. 
**) Bettelordnung vom 27. September 1651. 
***) Interessante Beispiele erzählt Vilmar in seinem 
Historienbüchlein, 2. Ausl. S. 113.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.