Full text: Hessenland (6.1892)

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Trümmer gebrochen war, folgten dem Beispiel 
Heriberts, unter ihnen Maldra, der Hörige, 
und die Glaubensboten gewannen viele Seelen 
Gott dem Herrn. 
Auch Rodwalt trat hinzu und empfing die 
Handauflegung. 
„Mich hat schon Dein hehres Lied bezwungen, 
Wilbod," sagte er zu diesem, „denn immerfort 
sah ich, seit ich's hörte, den Gottessohn am 
Kreuze hangen urib für die Menschheit dulden, 
solch' großem Beispiel folg' ich gerne." 
Zu Childerich's Füßen lag Hilda und sah 
mit feuchtem Auge zu dem greisen Vater auf: 
„Sei ruhig, Hilda —, treibt Dich Dein Herz 
zum fremden Gott —, diene ihm —, bleibst doch 
mein Herzeusliebling. Ich bin zu alt, um einen 
neuen Gott zu hegen —, ob Donar schon in 
Trümmer liegt —. Mag's Euch glücklich machen, 
Kinder." 
Niemand hatte des gefangenen Sachsen ge 
achtet, der, vom Todesschrecken erlöst, Allem ver 
wundert und ergriffen zugeschaut hatte. Er 
trat jetzt zu Winfried und sagte: „Dein Gott 
hat mich dem Tode entrissen, Mann, wenn er 
mich brauchen kann, will ich seine Schlachten 
schlagen, ich bin Wittung, der Sachse." 
„Bleibe bei mir, Mann," sagte lächelnd Win 
fried zu den: wilden Sachsen, „und lerne ihn 
erkennen, und willst Du dann sein Kreuz auf 
Dich nehmen, soll Dir's werden." 
Mit tiefinnerer Freude hatte der Graf all' 
Dem angewohnt, er trat jetzt zu Winfried: „Du 
ächter Bekenner des Heilandes, Du hast Großes 
vollbracht — und gold'ne Herzen Dir gewonnen. 
Es ist ein starres Volk, dieses Volk der Hessen, 
aber was sie einmal lieb haben, glaube mir, 
daran halten sie mit unverbrüchlicher Treue fest, 
es ist ein mannhafter Schlag." 
Schon rüsteten sich Männer, um die Eiche 
unter Wilbod's Führung zu füllen. 
„Was willst Du mit dem Baum beginnen, 
Winfried?" fragte der Graf. 
„Aus ihrem Holz das erste Kirchlein zimmern 
lassen, in dem das Wort des Heiles erklingen soll." 
„So sei es." 
Und heute noch stehen die letzten Reste des 
Kirchleins, welches einst aus Donar's Eiche 
gebaut wurde, in der Nähe des alten Friedeslar, 
und heute noch preist das Volk der Hessen den 
kühnen Glaubesboten, der ihm in finsterer 
Geistesnacht das Licht des Heils gebracht. 
Die Todten. 
Die des Stüdtleins Pflastersteine 
Einst mit mir betreten haben, 
Sind zerstreut in alle Winde 
Oder lange schon begraben. 
Aber, geh' ich Nachts im Traume 
Wieder durch die alten Gassen, 
Sind sie alle noch zur Stelle, 
Deckt sie nicht der Kirchhofsrasen. 
Grüßen aus den hellen Fenstern, 
Stehen winkend in den Thüren, 
In der Werkstatt, in den Scheunen 
Seh' ich ihr geschäftig' Rühren. 
Ihre schnellen Worte hör' ich, 
Ihren Streit um Gott und Erde; 
Ihre Noth um's Brod für Morgen, 
Ihre Mühsal und Beschwerde. 
Ihre Güte, ihre Treue 
Fühl' ich tröstend mich umwehen, 
All' die Liebe, die sie trugen, 
Feiert leis' ihr Auferstehen. 
Laut're Herzen, die da modern, 
Leicht sei Euch der Heimath Boden 
O, er ist so heilig worden, 
Durch die vielen lieben Todten! 
All' die Schönheit, all' die Jugend, 
All' die Kraft und Geistesfülle, 
All' die Schwachheit, all' das Elend — 
Hingesunken in die Stille. 
Noch mit amtlich stolzen Mienen 
Seh' ich den und jenen schreiten, 
Und die altgeword'nen Mädchen 
Wieder jung im Tanzsaal gleiten. 
Höre wieder werbend' Flüstern, 
Stumme Bitte, stolzes Siegen, 
Lebe wieder in der Spannung, 
Ob sich auch die Beiden kriegen! 
Hochzeitzüge in den Straßen! 
Glocken klingen! Schleier wallen! 
Aus der Kinder ros'gen Fingern 
Blumen auf die Steine fallen. — 
Schwarze Flore weh'n im Winde, 
Und die Herbstesnebel sinken, 
In dem fahlen Laub am Boden 
Thränen gleich die Tropfen blinken. 
Hochgetragen die sechs Brettlein, 
Ausgestritten —, ausgelitten —, 
Schwarze, weinende Gestalten, 
Blasse Waisen in der Mitten. - 
Seh' das Elternhaus, das liebe, 
Fromm umhegt von Lindenbäumen, 
Hör' den Sturm die Wolken peitschen, 
Seh' der Mondnacht Lenzesträumen. 
Elternhaus — in fremden Händen —, 
Fremd das Licht in seinen Scheiben,
	        

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