Full text: Hessenland (6.1892)

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„Nein!" bornierte Winfried, „Gottes, des 
Allinächtigen, Stimme ist's, sein Zorn ist's, 
der Dich und Deine Lügenbrut vernichten wird." 
So gewaltig wirkte das in Begeisterung 
strahlende Antlitz, die feurigen Augen, die stür 
mende Rede Winfrieds, daß wie im Zauberbann 
die Augen der Menge an ihm hafteten und 
selbst das drohende Wetter vergessen ward. 
„Männer von Hessen," klang Winfrieds Rede, 
„ich bringe Euch das Heil, das ewige, ich bringe 
Euch den wahren Gott, der Himmel und Erde 
geschaffen mit dem Hauch seines Mundes —, 
vor dessen Willen Ihr Staub seid, den der 
Wind verweht. Ich bringe Euch des Himmels 
Seligkeit. 
Wollt Ihr sie von Euch stoßen? Den elenden 
Götzen opfern, die Euch Eure falschen Priester 
lügen," 
Ein Blitz zuckte hernieder, dem ein jäher 
Donner folgte. 
„Hört Jhr's? —, er spricht für mich —, er, 
dessen Haupt die Sterne säumen, dessen Schemel 
diese Erde ist —, er spricht für mich —, sein 
Zorn erschüttert diese Lüfte." 
Todtenstille herrschte auf dein weiten Feld 
unter dem düsteren Himmel. 
„Ich will Euren Gott, dessen altes Heilig 
thum dort zu den Wolken ragt, Euch zeigen —, 
ihn und seine Macht. Gebt Acht." 
Er erhob das zu seinen Füßen liegende Beil, 
schritt rasch durch die entsetzte schweigende Menge 
auf den heiligen Hain zu —, stand hochaufgerichtet 
neben der dem Gott geweihten Eiche —. „Seht her! 
Seht Euren Gott!" und mit gewaltigem Arm 
hieb er in den Baum, daß die Splitter flogen, — 
zweimal und ließ die Axt dann im Baume 
stecken. Kein Athemzug war zu hören, entsetzt, 
gebannt standen Alle. 
Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Menge, 
dann war Alles wieder still, kein Athemzug war 
zu hören, und Jeder erwartete, daß des Gottes 
rächender Hammer herniedersausen werde, den 
Frevler zu vernichten. 
Mit ruhigem Läch eln stand Winfried eineWeile 
vor der tieferregten Menge, dann trat er lang 
sam vor bis an den Rand des Gehölzes und 
rief: „Seht, das ist Euer Gott." 
Da stand er, allein, furchtlos, — und wie ein 
Seufzer der Erlösung vom Schreckensbann klang 
es leise durch das Volk. 
In diesem Augenblicke öffneten sich die ab 
ziehenden Wolken ein wenig, und Sonnenstrahlen 
fielen hindurch und auf Winfried's hochauf 
gerichtete Gestalt und das Kreuz, welches er in 
der rechten Hand emporhielt. 
Mächtig ergriff nach dem gewaltigen Vorgang 
die Menge dieses Bild —, die Eiche zerschlagen. 
des Gottes Heiligthum —, und unverletzt stand 
dort der kühne Mann — beleuchtet vom Strahl 
der heiligen Sonne. 
Welch' eine Macht mußte in dem geheimniß 
vollen Zeichen liegen, das er dort im Sonnen 
strahl emporhielt. 
Mit einem einzigen gewaltigen Griff war 
diesen schlichten Seelen die alte Götterwelt ent 
rissen, zertrümmert: Donar war machtlos —, 
es war nicht seine Stimme, welche aus den 
Wolken sprach. 
„Wer sich auf Christum bekennt, trete zu mir." 
Ilntcr Führung von Sturm und Wilbod zog 
die kleine Christenschaar zum Haine Douar's. 
Die beiden Glaubensboten saugen leise: 
Vs cksuin lauckarans. 
Mit Schreck, Staunen, Bewunderung hatten 
Childerich, Heribert und Hilda dem Allen zu 
gesehen. Hilda lag vor Aufregung weinend an 
Heribert's Brust, dessen Augen in hoher Be 
geisterung glühten. 
„Ich biete Euch das Heil, Ihr Männer von 
Hessen—, Euer Götze liegt in Trümmern da —, 
kommt und bekennt Euch zu dem wahren Gott, 
alles Heil ist nur in Jesus Christus." 
Stumm standen Alle, regungslos. 
Da nahm Heribert Hilda's Hand und schritt 
so auf Winfried zu. 
Vor ihm stehend, sagte er mit bebender Stimme: 
„Ich will Deinen Gott bekennen, Winfried —, 
ich und diese Jungfrau, meine Traute, — hier 
vor allem Volke —, im Herzen fühle ich, wie 
mächtig er ist —, ich will sein Gefolgsmann 
sein im Leben und im Tode." 
Mit tiefer Rührung sprach Winfried: „Ja, 
Atheling, Dein Herz hat Gott gerüht — so wie 
das Deine, holde Jungfrau. Knieet nieder." 
Sie knieten vor ihm. 
Er legte die Hände auf ihre geneigten Häupter 
und sprach: „Im Namen des Vaters, des Sohnes 
und des heiligen Geistes nehme ich Euch aus 
in die christliche Gemeinschaft. Christus sei 
Euer Herr für und für." 
Sie standen auf, und mit glücklichem Lächeln 
umarmte Wilbod den Neubekehrten und seine 
Traute. 
Wie auf ein seltsam' Wunder blickten die 
Menschen auf das feierliche Bild, als der kühne, 
wilde Heribert sich demüthig knieend dem neuen 
Gotte weihte, und Viele, welche der Lehre schon 
geneigt waren, aber sie nicht laut zu bekennen 
wagten, traten jetzt hinzu und bekannten sich 
zu ihr. 
Libes mit seinen Priestern war, als er dies 
erblickte, still und finster abgezogen, fast un 
bemerkt bei der hohen Erregung Aller. 
Auch Andere, denen der alte Glaube jäh in
	        

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