Full text: Hessenland (6.1892)

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Standpunkte aus zu betrachten und zu beurtheilen. 
Denn ich glaube kaum, daß Herr -t bisher anders 
Gelegenheit gehabt hat, mit historischen Darstellungen 
in Berührung zu treten als vielleicht wenn es galt, 
etwas darin einzuwickeln. — Nun zur Sache! Da 
ist es zunächst charakteristisch, daß der Mitarbeiter 
der „Kasseler Nachrichten" mich als Mitglied des 
christlich-sozialen (soll wohl heißen: evangelischen) 
Arbeiter-Vereins denunzirt. Da ich diesem Vereine 
nie angehört, auch zu keiner Zeit in Beziehungen 
zu demselben gestanden habe, giebt sich die über 
mich gebrachte Nachricht als eine dreiste, völlig 
aus der Luft gegriffene Unwahrheit, 
offenbar ersonnen in der freundlichen Absicht, meine 
Person den Lesern der „Kasseler Nachrichten" 
verächtlich zu machen. Denn in den Augen dieses 
Blattes bezw. des Herrn -t muß es wohl etwas 
sehr Schimpfliches sein, dem christlich-sozialen 
Arbeiter-Verein (er selbst beliebt die Schreibung 
Arbeiter-(l)Verein) anzugehören. Daß im vorliegen 
den Falle ihr Tadel gänzlich unberechtigt ist, hat 
die Redaktion in ihrer Zeitung selbst bereits aus 
sprechen müssen, hätte ich den Vorwurf aber verdient, 
so würde ich ihn mit männlicher Fassung, zugleich 
mit vielen hochehrenwerthen Mitgliedern des genannten 
Vereins, zu ertragen wissen. 
So viel hierüber! Den eigentlichen Kernpunkt 
der Ausstellungen der „Kasseler Nachrichten" be 
langend, so hatte ich in der Schlußfolge meines 
mehrerwähnten Aufsatzes gesagt, daß die Regierung 
streng auf die Heilighaltung der Feiertage gesehen 
habe, nicht bloß bei der christlich-deutschen, auch bei 
der jüdischen Bevölkerung. „Denn", hieß es weiter, 
„wie auch heute wieder benutzten die Juden damals 
mit Vorliebe die christlichen Sonntage, um mit dem 
Landmanne an diesem Tage Händel abzuschließen, 
und ihr Wucher war der ausgesogenen Bevölkerung 
so unerträglich, daß 1655 die hessischen Stände in 
den Landgrafen drangen, ihnen den landesherrlichen 
Schutz aufzukündigen. Wilhelm VI., wie viele in 
dem Irrthum befangen, daß die Judenfrage eine 
religiöse sei, glaubte dieses Volk durch besonders an 
geordnete Predigten zum Besseren bekehren zu können, — 
wie sich voraussehen ließ, ohne Erfolg. Die Hoffnung 
aber, ihrer auf andere Weise los zu werden, erwies 
sich als trügerisch. Denn als das Jahr 1666 heran 
kam, glaubte man allgemein, der Weltuntergang 
stehe bevor, und zwar lediglich aus dem Grunde, 
weil in dieser Jahreszahl alle römischen Zahlzeichen 
(MDCLXVI) vereinigt waren. Deshalb machten sich 
viele Juden aus Hessen und der Nachbarschaft unter 
der Führung eines Messias auf den Weg, um das 
verhängnißvolle Jahr im gelobten Lande selbst zu 
erwarten. Als sie aber in die Türkei kamen und 
ihr vermeintlicher Messias, in türkische Gefangenschaft 
gerathen, gar zur muhamedanischen Religion über 
trat, da wurden sie irre und kehrten wieder um." 
Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich meine 
hier dargelegte Wissenschaft den hessischen Landes 
ordnungen bezw. der hessischen Geschichte von Rommel 
entnommen habe. Trotzdem wagen es die „Kasseler 
Nachrichten", meine Worte des t e n d e n z i ö s e n A n 1 i - 
semitismus zu zeihen, noch dazu in einer ge 
hässigen , ganz unqualisizirbaren Ausdrucksweise. 
Üebersetzen wir dies ihr Vorgehen in's Allgemeine, 
so heißt es nichts anderes als: wer Geschichte schreibt, 
hat alles zu unterdrücken, was für die Juden un 
günstig lautet, wären es auch rein geschichtliche That 
sachen, — bei Strafe der Denunziation als Anti 
semit. Hört da nicht die Weltgeschichte auf? möchte 
man in der That ausrufen. Uebersteigt es nicht die 
alte bundestägliche Censur, wenn der „Freiheitsmann" 
Herr -t eine solche Tyrannei aufrichten will? Was 
die erlauchtesten Herrscherhäuser sich gefallen lassen 
müssen, daß ihre Vorfahren von der Geschichte be- 
und nicht selten verurtheilt werden, das wollen die 
„Kasseler Nachrichten" in Rücksicht auf das Treiben 
der Juden vor länger als 200 Jahren untersagen? 
Gottlob, daß die von ihnen gerügte Art antisemitischer 
Gesinnung mir mit vielen unserer hervorragendsten 
Kulturhistoriker gemeinsam ist, davon kann Herr -I 
sich jederzeit unterrichten, wenn er mir die Ehre 
schenkt, mich auf der hiesigen Landesbibliothek zu be 
suchen, von deren Vorhandensein ihm mein von ihm 
richtig wiedergegebener Titel wohl Kenntniß verschafft 
haben wird. 
Zum Schluß erkläre ich, daß ich ein für alle Mal 
Verwahrung einlege dagegen, daß man aus dem 
Rahmen einer größeren Darstellung einen einzelnen 
Passus herausgreift und ihm eine tendenziöse Absicht 
unterschiebt, zu welcher weder der Charakter des 
Ganzen noch die eigene historisch-sachliche Ausführung 
Anhalt gewähren. Ein solches Beginnen ist selbst 
tendenziös und daher verwerflich. Ich stelle es dem 
Urtheile der Leser des „Hessenlandes" anheim, den 
geeigneten Ausdruck dafür zu finden, daß eine Tages 
zeitung von dem Range der „Kasseler Nachrichten" 
es wagt, rein historisch gehaltene, aller Parteifärbung 
entbehrende Darstellungen in die trübe Strömung 
der eigenen Parteiauffassung hineinzuziehen, Redaktion 
und Mitarbeiter zu verhetzen. Für selbstlose wissen 
schaftliche Arbeit sollte man wenigstens gegenüber 
derartigen Verunglimpfungen nicht umsonst an den 
Dank der Geschichtsfreunde apelliren. Herrn -t aber 
rathe ich, Erzeugnisse der historischen Literatur in 
Zukunft lieber wieder daraufhin prüfen zu wollen, ob 
sie sich zum Einschlagen der Nahrung für den Leib 
eignen; ihr geistiger Gehalt hat bei ihm leicht, so 
scheint es, eine ähnliche Wirkung wie das bekannte 
rothe Tuch. Auch seine oologischen Kenntnisse stellt 
er in Zukunft besser lediglich in den Dienst Merkurs! 
Kassel, den 26. März 1892. 
Dr. Hugo Brunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek. 
Herausgeber und verantwortlicherRedakteur: F.Zwenger in Fulda, Druck und Verlag vonFriedr. Scheel inKassel.
	        

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