Full text: Hessenland (5.1891)

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Nie soll das Schicksal Dir, dem Glücklichen, hie fluchen, 
Nie schreck ein Unheil Dich wie plötzlich Donnerknall, 
Leb' so vergnügt wie unterm Schatten kühler Buchen 
Der Schäfer lebt und mancher Knecht im Bauernstall! 
Laß nur Fortunens Hand an Deinem Scheitel schnizzeln. 
Bald opfern wir ihr dann gerechten Weihrauch-Dust, 
Sie wird dann schmeichelnd jeden Deiner Wünsche kizzeln. 
Und weichet nicht von Dir bis an des Grabes Kluft. 
II. Die Gratulation des Prof. D. Busch. 
Im goldgestickten Rock, im abgetragnen Büffel, 
Schmückt alles heute sich und gratulirt und küßt. 
Aus der Pastete dampft das Feldhuhn und die Trüffel, 
Und manches fette Kalb bestieg das Blutgerüst. 
Der Braten zischt am Feu'r von vieruitdzwanzig Scheitern, 
Es sprudelt — doch hinweg mit all' dem Küchenqualm! 
Ein Odendichter lieh mir seine Himmelsleitern. 
Horcht aus! Denn jetzt beginnt mein Gratulanten-Salm! 
.Hoch hebe sich Dein Ruhm, du Phönix aus der Asche. 
Cujaz und Godofreds, vom Südpol bis zum Bär, 
Der sern im Norden glänzt. Am Hals und in der Tasche 
Trag Alt und Jung Dein Bild und halt es hoch und hehr. 
Jnfarktus müssen nie im Bauch »och in der Leber 
Dich foltern, immer grün Dein Körper wie ein Reis, 
Das Alter beug' ihn nicht gleich einem krummen Heber 
Und Deinen Scheitel bleich der Jahre Silbereis! 
Nie müss' aus Deinem Schlaf ein Trunkenbold Dich fluchen, 
Nie schrecke Dich daraus der Bursche Peitschenknall. 
Erquickend schlase Du, wie unter kühlen Buchen, 
Beglückte Liebe schläft bei Philomelens Schall*). 
Spät müfle noch für Dich Cupido Pseile schnizzeln, 
Und Flora hülle Dich in steten Rosendust. 
Sanft müsse Dich Freund Hein mit seiner Hippe kizzeln, 
/ Ein Pigal hau' den Stein zu Deines Grabes Kluft." 
•?f (Gab es einen Bildhauer Pigal? Ist Pigal 
vielleicht ein Beinaine des Nahl gewesen?) 
III. Die Arbeit des Herrn v. Wildlingen. 
Mich ekelts, Theuerster! wenn heut' der Wann im Büffel 
Dem sammtnen Mann die Hand beim festen Gliickwunsch küßt. 
Wär' ich ein sammtner Mann, wahrhastig keine Trüffel 
Schenkt' ich dem Sängerschwarm vom Harlekins-Gerüst. 
Dir aber sing ich selbst. Laßt meine Kunst nicht scheitern 
Ihr Musen! Hört mein Fleh'» bei dieser Lampe Qualm, 
Steigt jetzt zu mir herab auf goldne» Himmelsleitern 
Und gebt dem Liede Kraft, sonst bleibt es matter Salm. 
.Sei glücklich, bied'rer Freund! Dich lieb' ich bis zur Asche, 
„Lüg' ich, so würge mich des Forstes Wols und Bär. 
.Trüg' ich ein Diadem, und Du die Hirtentasche, 
„Doch wär' Dein Freundschaflskuß mir heilig stets und hehr. 
„Wärst Du ein schaler Kopf— frei red' ich von der Leber, 
.Denn niedrer Schmeichelei gebührt kein Lorbeer-Reis, 
„Wie Judas falsch und stolz wie ein Licent-Erheber, 
„Kalt blieb ich gegen Dich wie Nova Zemblas' Eis. 
.Heut' wünsch' ich Dir beim Styx, doch halt! ich will 
nicht fluchen, 
.Als Waidmann schwör' ich nur bei meiner Büchse Knall. 
.Mehr Freuden, als im Lenz dort Blätter an den Buchen, 
.Mehr als Insekten sind in meiner Doggen Stall. 
„Doch lange will ich nicht an diesem Glückwunsch schnizzeln, 
.Dein edles Herz verschmäht ja allen Weihrauch-Duft, 
.Auch würd' ich schlecht Dein Ohr durch harte Reime kizzeln, 
.Wozu man heut' mich zwang. — Wie schloss' ich sonst 
mit Kluft?' 
(Mir für meine Person würde es angenehmer 
lauten, wenn der mit Stall endende Vers etwa 
verändert würde in: 
„Mehr als mein Schimmel je gestriegelt ward im Stall.") 
*) Der Verfasser hat sich verlesen. Hier sollte stehen 
Stall °, etwa: in eines Esels Stall! 
Diese Streitgedichte wurden dem Herrn Geh. 
Iustizrath, Professor Erxleben als poetische 
Wünsche zu dem neuen Jahr 1791 dedicirt 
(ohne Namensunterschrift). Der Beglückwünschte 
schwankte, welchem Lobgedicht von den dreien er 
den ersten Preis zuerkennen sollte. Da er sich 
selbst in dieser Streitsache nicht für eine kom 
petente Instanz hielt, sandte er, um ein Gut 
achten bittend, die Arbeiten an den damaligen 
außerordentlichen Professor der Dicht- und Zeich- 
nungskunst und Poet zugleich Joseph Friedrich 
Engelschall, welcher keinen Anstand nahm, das 
Gedicht Nr. II für das gelungenste und preis 
würdigste zu erklären. Die Entscheidungsgründe 
Engelschall's lauten: 
„Da in dem Gedicht (Nr. II) das Ineinander 
fügen aller einzelnen Theile zu einem arrondirten 
Ganzen, der ungezwungene Fluß der Rede und 
ein harmonischer Versbau sehr wesentliche Eigen 
schaften eines schönen Gedichts sind, so glaube 
ich, ohne die beiden übrigen herabzuwürdigen, 
demjenigen Gedicht den Vorzug einräumen zu 
müssen, welches anfängt: „Im goldgestickten Rock, 
im abgetragnen Büffel" rc. 
Urkundlich meiner Namensunterschrift und bei 
gedruckten Jnsiegels. 
Marburg, am 12. Januar 1791. 
(L. 8.) I. F. E." 
Nach Empfang des von Engelschall ertheilten 
Gutachtens ließ Erxleben ein Dankschreiben an 
die drei Sänger ergehen, welches lautet: 
„Wäre mir ein Funke des Dichterfeuers, wäre 
mir ein Spürchen der Ihnen ganz eigenen Gaben 
zu Theil worden, so sänge ich eine Ode oder 
versuchte wohl gar, nach der Weise: Büffel, küßt 
mich vernehmen zu lassen. Da aber mir armen 
Wicht am ganzen Körper nicht ein poetisches 
Aederchen schlägt, da mich das poeta nascitur 
zurückscheucht, so nehmen Sie meinen Dank für 
die poetischen Neujahrswünsche in einer nackten 
und kunstlosen Prosa an. 
Nun soll ich gleich dem Hirtenknaben Paris 
über drei schöne Wesen ein Urtheil fällen, soll 
zwar über keinen goldenen Apfel, doch über 
Prikken, Schrot und Berlocken erkennen. Ich 
bin nicht bestochen wie jener, sondern bekenne 
frei, daß nach meinem Dafürhalten das Lied, 
welches anhebt: „Im goldgestickten Rock, im 
abgetragnen Büffel" unter den mir vorgelegten 
drei vortrefflichen Geistesprodukten den Preis 
errungen habe. Schwerlich kann Ihnen mit 
Darlegung der Gründe meines Urtheils gedient 
sein. Ich fürchte durch die: Obwohlen, Sinte 
malen und Weniger nicht rc., womit wir Fakul- 
tisten uns auszudrücken pflegen, Sie zu ermüden. 
Empfehle mich gehorsamst." 
Nachdem so dem Herrn D. B. (David Busch) 
(W 
’A.-r ) - 
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