Full text: Hessenland (5.1891)

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Hin poetischer Wettstreit, 
geführt zu Ulzburg jetzt vor hundert Kahren 
Von <6. Th. Dikhmar. 
Auch Marburg erfreute sich einer Blütheperiode * 
der Poesie. Ich habe jedoch nicht jene ältere l 
Blüthezeit vor Augen, das sechszehnte Jahrhundert, 
als ein Durieius Lorckus und Eobanus Hessus, 
Meister in der Sprache Roms, hier ihre carmina 
schufen, die noch jetzt unsere Bewunderung ver 
dienen. Ich versetze mich in das letzte Jahrzehnt 
des vorigen Jahrhunderts, also in die Zeit, wo 
die Sterne erster Größe, ein Goethe und Schiller, 
ihren Glanz ausstrahlten. Besaß Marburg auch 
nicht in jener Zeit Dichter von gleicher Größe, 
so lebten und dichteten doch in unserer Stadt 
hochbegabte Männer, deren Namen und Werke 
noch jetzt im Gedächtniß fortleben: ein von 
Wildungen, ein K. W. Justi, ein David 
Busch, ein Engelschall (von ihm: „Schnell, 
begleitet von zwei treuen Hunden" rc.), ein 
Eschstruth, ein von Waitz u. A.*) Der 
Mäcenas dieser Runde von Sängern war der 
in hohem Ansetzn stehende Geheime Justizrath, 
Vizekanzler und Professor an der Universität 
Erxleben. Oftmals wurden ihm von An 
hängern und Freunden edle Gaben als Zeichen 
der Dankbarkeit gewidmet. 
Im Jahre 1790 verabredeten sich drei von 
Marburgs Dichtern, ihrem Gönner, dem Herrn 
G. J.-R. Erxleben einen poetischen Neujahrs- > 
Wunsch für das nahe anrückende Jahr 1791 zu J 
schreiben. Die Form dieses Neujahrswunsches > 
wurde fest bestimmt. Nämlich verschiedene nicht ! 
unglückliche Versuche, nach ausgegebenen End- : 
reimen Gedichte auszuarbeiten, veranlaßten die > 
Herren v. Wildungen, Busch und v. Waitz, ! 
dieser nicht leichten Aufgabe formgerecht nach 
zukommen. Dem Herrn Erxleben, dem Beglück 
wünschten , ward die Entscheidung überlassen, 
welchem von den drei eingesandten Gedichten der 
Vorzug und der Preis gebühre. Als Siegespreis i 
sollte nach gethaner Verabredung der drei Sänger ! 
dem Verfasser von I. nämlich dem v. Waitz, wenn er ! 
der Ueberwiuder wäre, eine Berlocke, dem Autor II, ! 
Busch, weun's ihm gelänge, eine Partie Prikken | 
(Neunaugen), und dem Dichter von III, v. Wil- ! 
düngen, wenn er die Gegner ausstäche, Pulver und j 
Schrot, jeder Preis einen Thaler werth, auf Kosten i 
der Ueberwundenen zuerkannt werden; Jedwedem 
also im Falle des Sieges ein Preis, der in sein Fach 
*) Dichtende Frauen gab es damals wohl nicht in 
Marburg. Jetzt fehlt es glücklicher Weise hier nicht an 
Dichterinnen. 
oder in seine Passion einschlüge, v. Waitz scheint 
viel auf das Aeußere gehalten. Busch scheint ein 
gutes Frühstück geliebt zu haben, v. Wildungen 
war ein leidenschaftlicher Jäger, daneben war er 
ein begabter Dichter, der bedeutendste vielleicht 
seiner Zeit in dem Lande Hessen. Lange Zeit 
haben sich von ihm die Verse hier im Gedächtniß 
erhalten: 
Holdes Grün, wie lieb' ich dich! 
Augenlust bist du für mich, 
Bist, so wahr ich Waidmänn bin, 
Aller Farben Königin. 
Sein Grab mit einem Denkstein ist bis zu 
diesem Tag im Forstgarten wohl erhalten. 
Zum Neujahrswunsch für Erxleben waren die 
verabredeten vorgeschriebenen Reime: 
Büffel, Küßt, Trüffel, Gerüst. Scheitern, 
Qualm, Leitern, Salm, Asche, Bär, Tasche, Hehr, 
Leber, Reis, Heber, Eis, Fluchen, Knall, Buchen, 
Stall (von einem Schall gelesen), Schnizzeln, 
Duft, Kizzeln, Kluft. 
Wir sind nun darauf gespannt, wie die Auf 
gabe von den drei Wettstreitenden gelöst wird, 
welcher von denselben den Beglückwünschten in 
geschickter Art preisend, einmal von den auf 
gegebenen Worten den richtigen Gebrauch machen 
und dieselben dann auch ohne harten Zwang 
durch sinnvolle Verse in ungekünstelten Zusammen 
hang bringen wird. Denken wir auch, wie ja 
damals auch geschah, nicht einstimmig über den 
Werth der einzelnen Gedichte, der Geschmack ist 
ja verschieden, so haben wir doch Ursache, jedem 
der drei Gedichte Beifall zu zollen, und so mögen 
denn die Leser dieselben kennen lernen, Interesse 
daran finden und sie gerecht beurtheilen. Das 
Versmaß ist der damals noch wenig gebrauchte 
alte Alexandriner. 
I. Das Gedicht von v. Waitz lautet so: 
Geschenke trägt im Osten heut der träge Büffel, 
Indeß ein Schmeichlerheer die gnäd'gen Hände küßt. 
Am Fürstentische prangt die leckerhafte Trüffel 
Und mancher Wunsch erschallt von Kanzel und Gerüst. 
So soll, mein Theuerster, dies Herzenslied nicht scheitern, 
Dem Wunsch des Freundes ziemt nicht leerer Worte Qualm, 
Der Vers strebt nicht umher, erhöht aus Himmelsleitern 
Zu des Parnassus Höh'n vom Munde glatt wie Salm: 
Er wünscht Dir Wonne, Heil bis über Grabes Asche. 
Wie dort im Norden strahlt am Firmament der Bär, 
Indeß Fortuna Dir mit Gaben füllt die Tasche. 
So glänze Themis Dir stets heilig, hoch und hehr. 
Dein froher Sinn, der stets der Freudigkeit Beleber, 
Gewähr Dir mehr Genuß bei mag'rer Kost und Reis 
Als Pracht dem Wollüstling, wenn seine Hand den Heber 
Zn tiefe Fässer taucht bei vollen Schüsseln Eis.
	        

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