Full text: Hessenland (5.1891)

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dem Ober-Appellationsgerichts-Präsidenten Fer 
dinand von Schenk zu Schweinsberg, dem Dom 
kapitel und der gesummten Militär- und Zivil- 
Staatsdienerschaft empfangen und zur Stiege 
des Schlosses geleitet. 120 gleich gekleidete, mit 
Blumen und Bändern geschmückte junge Mädchen 
bildeten Spalier. Abends war die ganze Stadt 
beleuchtet. Der alte Herr war sehr gerührt und 
soll zu den Vertretern der Fuldaischen Bürger 
schaft geäußert haben: „Sagen Sie den Ful- 
daern, daß sie es nicht reuen würde, mich zum 
Großherzog bekommen zu haben." 
Am andern Tage — den 21. Mai — war 
nach der Parade große Cour und Festtafel im 
Schlosse und am Abend besuchte der Kurfürst 
das Liebhabertheater im Orangeriegebäude. Der 
Verein der Musenfreunde hatte daselbst eine 
besondere Festlichkeit veranstaltet. 
Am Mittwoch den 22. Mai 1816, Abends 
9 Uhr, brachten die Lyceisten und Gym 
nasiasten unter Anführung gewählter Marschälle 
einen Fackelzug mit Musik. Abgeordnete der 
Studierenden überreichten bei dieser Gelegenheit 
Serenissimo ein Gedicht, das ein Lyceist verfaßt 
hatte. Nach beendeter Musik und ausgebrachtem 
dreimaligem Lebehoch, bewegte sich der Fackel 
zug nach dem Domplatze, wo unter Absingung 
eines vom Kanzleirath " F. E. Petri verfaßten 
Liedes nach der Melodie von 6oä .save the 
King, die Fackeln verbrannt wurden. 
Um auch die Ankunft des Kurfürsten in 
religiöser Hinsicht zu feiern, fand am 23. Mai 
ein feierliches Dankfest statt. Uin 9 Uhr Vor 
mittags hielt der Propst und Geueralvicarius 
Heinrich von Warnsdorf, dem der Landesfürst 
an diesem Tage die Dekoration des goldenen 
Löwenordens 1. Klasse verliehen hatte, in der 
Domkirche ein feierliches Hochamt mit nach 
folgendem 1s Oeuin. Der Kurfürst und der 
Kurprinz wohnten mit ihrem Hofstaate diesem 
feierlichen Gottesdienste bei und wurden bei ihrer 
Ankunft von der Geistlichkeit an dem Portale 
empfangen und ebenso zurückgeleitet. Nach 
beendetem Gottesdienst überreichten sechs i» ihre 
Nationaltracht gekleidete schmucke Bauernmädchen 
und eben so viele junge Burschen aus dem Amte 
Großenlüder dem Kurfürsten ein die Wünsche 
besagten Amtes aussprechendes Gedicht und 
fanden ganz besonders freundliche Aufnahme. 
Für den Abend desselben Tages hatte der 
Verein der Musenfreunde in dem Vereinssaale 
(Orangeriegebäude) einen glänzenden Ball ver 
anstaltet, dem der Kurfürst und der Kurprinz 
mit sichtlichem Vergnügen beiwohnten. 
Am 24. Mai besuchte der Kurfürst in Beglei 
tung seines Generaladjutanten, Generalmajors 
H. A. von Thümmel und seines Flügeladjutanten, 
des Kammerherrn, Stallmeisters und Ritt 
meisters Karl von Buttlar, die Landes 
bibliothek und trug sich als „Wilhelm K. 
G.-Herzog zu Fuld" in das Fremdenbuch ein. 
Am Abend desselben Tages fand im Saale 
der Musenfreunde ein vom herzoglich sachsen- 
meiningischen Kammermusikus Wassermann ver 
anstaltetes Konzert statt, zu dem aber nur der 
Kurprinz erschien. Am Vormittag des 25. Mai 
erfolgte die Abreise des Kurfürsten nach Hanau. 
Das waren die Festlichkeiten, welche die Stadt 
Fulda ihrem neuen Landesherrn während seiner 
fünftägigen Anwesenheit bot. Der Kurfürst 
schien von der Aufnahme, die er bei seinen 
neuen Unterthanen in der Hauptstadt des zu 
einem Eroßherzogthum avancirten ehemaligen 
Fürstenthumes Fulda gefunden, sehr befriedigt 
zu sein, bis auf die Theatervorstellung und den 
— Platzregen von Gedichten, der sich über ihn 
ergoß. Die in den meisten der letzteren sich 
breit machende überschwengliche Liebedienerei soll 
— unser Gewährsmann ist der Bauinspektor 
Karl Arnd — sogar auf einen so selbstherrlichen 
Regenten, wie doch der Kurfürst einer war, einen 
nichts weniger als günstigen Eindruck gemacht 
haben. 
Es liegt uns eine große Anzahl jener Gedichte, 
mit welchen der Kurfürst damals angesungen 
wurde, vor, deutsche und lateinische, in allen 
möglichen Versmaßen, und wir müssen gestehen, 
daß sie auch uns wegen der darin kundgegebenen 
servilen Gesinnung höchst peinlich berührt habe». 
Auch erheben sich nur wenige über die Mittel 
mäßigkeit, am besten sind verhältnißmäßig noch 
die lateinischen. Fulda scheint damals keine 
Heimstätte der Poesie gewesen zu sein. Wir 
können es uns nicht versagen, hier ein sog. 
Leistengedicht wiederzugeben, das der Pfarrer 
Römheld von Burghaun dem Kurfürsten in 
Hüufeld überreichte. Es kann als Master der 
übrigen dienen : 
„Wähle Buchonia dir nur unter den Fürsten in Deutschland: 
Ammer ist doch der Katten Beherrscher der Edelste 
BestG; 
Lang ersehnt von dem Volk, wie von den Kindern ein 
VateW. 
Ater ist Hüls' und Rath, Gerechtigkeit, Ordnung und 
TreuG, 
Gin Beglücker des Lands, das huldigt dem mächtigen 
SzepteA. 
Lern' Zhn kennen, den Weisen, den Milden, den 
Redlichen ganz erSt, 
Wehr, als And're zuvor, wird Dieser dir sein der 
GeliebtG ! — 
Muse, verhülle dein Haupt! (Schluß folgt.)
	        

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