Full text: Hessenland (5.1891)

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dem Platz. Der Tod Neumehers war gerächt 
und zwar in einer Weise, welche den Gedanken 
erwecken mußte, daß hier das Schicksal eine 
merkwürdige Vergeltung geübt hatte, denn wie 
Neumeyer sich nicht mit dem Polen hätte zu 
schlagen brauchen, so würde es dem Major Nie 
mand haben verübeln können, wenn er die Be 
leidigungen, die der -Kapitän ihm zugefügt, als 
die Ausbrüche eines geistig Gestörten betrachtet 
hätte. So aber bestimmte cs der ewig waltende 
Richter, daß der Major gerade in dem Augen 
blick, wo das Leben ihm in den Armen eines 
geliebten Weibes erst recht begehrenswertst 
erscheinen mußte, von der tödtlichen Kugel hin 
weggerissen wurde. Neumeyers junges, frisches 
Leben hatte er vernichten Helsen, ob in hämischer 
Freude am Bösen oder aus toller Verblendung, 
mag dahingestellt bleiben, und nun fiel er selbst 
ein Opfer des Wahnwitzes. Gottes Wege sind 
dunkel, aber gerecht! - 
Der Kapitän wurde zu Festung verurtheilt 
und saß seine Zeit auch ab. Als er wieder frei 
kam, stand er völlig allein in der Welt da. 
Elise war aus der Residenz, in der sie so 
Schreckliches erlebt, in ihren Geburtsort zurück 
gezogen und hat sich später mit einem höheren 
Justizbeamten recht glücklich verheirathet. Der 
Kapitän lebte nun ganz seinem düstern Ver 
folgungswahn hin, der ihm alle Lust am Da 
sein raubte. Er hatte sich eine Wohnung vor 
dem Thore gemiethet und besorgte alle seine 
Einkäufe selbst. In einen langen, weißen, lei 
nenen Rock gekleidet, eine Art lederne Jagd- 
mütze auf dem Kopf, auf dem Rücken einen 
Ranzen oder Schubsack, erschien er wöchent 
lich zweimal an den Markttagen in der 
Stadt; auch das Trinkwasser holte er sich selbst 
an einem entlegenen Brunnen. Oft traf ihn 
meine Frau auf dem Markt und wenn sie ihn 
mit „Guten Morgen, Herr Kapitän!" anredete, 
so erwiederte er leise, mit einer chevaleresken, 
aber abwehrenden Handbewegung: „Jetzt nicht, 
verehrte Frau, jetzt nicht! Hier bin ich mein 
Knecht!" — Hörte er Jemand husten, so fing 
auch er an in schrcckenerregender Weise zu husten; 
in Folge dessen wurde er mehrfach aus der 
Kirche gewiesen. 
Ich traf mit dem Kapitän Scheller nicht 
wieder zusammen, aber eines Nachts träumte 
mir, daß er zu mir eintrat und Abschied von 
mir nahm. Es war ein sehr lebhafter und 
beängstigender Traum, sodaß ich ganz unwohl 
erwachte. Als am Morgen die Zeitung kam, 
j fiel mein erster Blick auf die Todesanzeige des 
! Kapitäns. Er war in der Nacht plötzlich ge- 
• starben. 
Einem Todten. 
I. 
Ich wollte einst Dich schreibend schildern, 
Da fiel der Stift mir aus der Hand. 
Das heißt: In fremdem Forste wildern! 
Dein Herz hat Gott allein gekannt: 
Und Deines Lebens ernste Zeichen 
Zu deuten — mir kommt es nicht zu. 
Du sprachst nicht viel, und doch Dein Schweigen 
Ließ mehr als Deine Reden zu. 
II. 
Einst glaubte ich: Du seist nicht wahr! 
Nun aber seh' ich's sonnenklar: 
Wahr scheint uns nur, was wir versteh'n. 
Du mußtest unverstanden geh'n, 
Weil mir vom Auge nicht die Binden 
Gesunken waren, Dich zu finden 
Mit klarem Blick im tiefsten Wesen, 
Nun kann ich Deine Seele lese». 
Dir nahe kommen in Gedanken — 
Da Zweige schon Dein Grab umranken 
Und über eignen Lebens Weh'n 
Die Sonne sank von ihrer Höh'n. 
III. 
Vorüber nun Dein schwerer Kampf 
Um die Erkenntniß ew'ger Wahrheit. 
Ein tiefer, letzter Athemzug, 
Dann ew'ge Ruh — dann stete Klarheit, 
Begraben jedes Zweifelwvrt! 
Du bleibest still, was Du gewesen! 
Gott hat den gült'gen Richterspruch 
Der müden Seele schon gelesen. 
Du bettelst kein Gedenken Dir, 
Liegst still dem Leben abgewendet 
Und fragst nicht, wer des Lorbeers Zier 
Und wer die Rosen Dir gespendet. 
IV. 
Du wirst mir niemals wieder sagen: 
Kehr um! Kehr um! Du handelst schlecht! 
Sie haben Dich zu Grab getragen, 
Und was ich thu', ist Jedem recht. 
Die Augen, welche mir nicht logen, 
Zerfielen längst. Ein neu Geschlecht 
Hat ringsumher die Welt bezogen, 
Und was ich thu', ist Jedem recht.
	        

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