Full text: Hessenland (5.1891)

hatte der schlichte Gelehrte, allen geräuschvollen 
Ovationen abhold, dankend abgelehnt. 
Die Hauptbedeutung des Professors Gies liegt 
in seiner ausgezeichneten Lehrgabe. Wir haben 
schon bei anderer Gelegenheit hervorgehoben, 
daß unter ihm das Fuldaer Gymnasium ge 
wissermaßen als Pflanzschule für die mathemati 
schen Wissenschaften gelten konnte, wie einst vor 
mehr als 1000 Jahren unter dem Abte Eigil 
Fulda für die hohe Schule der Baukunst an 
gesehen wurde. Ein zutreffendes Urtheil über 
Professor Gies befindet sich im Jahrgange 1883 
der Zeitschrift für mathematischen Unterricht, 
das aus der Feder eines warmen Verehrers und 
dankbaren Schülers stammt. Wir können es uns 
nicht versagen, dasselbe hier wieder zu geben: 
„Gies war ein gottbegnadeter Lehrer. Er 
verstand es wie Wenige, seine Schüler für die 
von ihm vertretenen Wissenschaften zu begeistern. 
Sein Unterricht zeichnete sich aus durch meister 
hafte Klarheit und Anschaulichkeit, überall suchte 
er und verstand er es. die Schüler auf das 
Wesen der Sache hinzuführen und das Denk 
vermögen in hohem Grade anzuregen — und 
das ist ja der Kernpunkt des ganzen mathe 
matischen Unterrichts. Nichts war ihm verhaßter 
als Oberflächlichkeit, als mechanisches Abrichten 
und Dressiren, als das vielfach zu Paradezwecken 
geübte Einpauken. Wie hoch seine pädagogische 
und didaktische Erfahrung und seine reichen 
Kenntnisse auch bei den vorgesetzten Behörden 
geschätzt wurden, geht u. a. daraus hervor, daß 
er bei dem in kurhessischen Zeiten für die 
Kandidaten des höheren Lehramtes vorgeschriebenen 
zweiten, praktischen Examen lange Jahre hin 
durch Mitglied der Prüfungskommission war." 
Die Thätigkeit des Professors Gies beschränkte 
sich aber nicht allein auf den mathematischen und 
naturwissenschaftlichen Unterricht am Gymnasium, 
er war ein Gelehrter von umfassendem allgemeinem 
Wissen, wissenschaftliche und gemeinnützige Bestre 
bungen verfolgte er mit lebhaftem Interesse, sein 
Rath und sein Urtheil hatten Gewicht, sie trafen 
fast stets das Rechte. Er besaß eine ausgezeichnete 
Rednergabe, und in früheren Jahren hielt er 
oft in Vereinen wissenschaftliche Vorträge, die 
vortrefflich nach Form und Inhalt namentlich 
Lehren aus der Physik zum Gegenstand hatten 
und sich eines ungetheilten Beifalls seitens des 
Publikums erfreuten, wußte er sie doch ebenso 
verständlich und lehrreich, wie fesselnd zu ge 
stalten. 
Auch als Fachschriftsteller hat er sich einen 
geachteten Namen erworben. Im Wintersemester 
1842/43 schrieb er die Dissertation „De helici- 
bus, quae supeificiebus rotatione sectionis 
conicae genitis inscribuntur“, auf deren Grund 
ihm im Februar 1843 von der Universität 
Marburg die philosophische Doktorwürde ver 
liehen wurde. Im Jahre 1847 gab er die 
Schrift „Anleitung zum Bestimmen der offen- 
blüthigen Gewächse für Anfänger, besonders für 
Schüler der kurhessischen höheren Schulen" heraus, 
der dann „Die Flora für Schulen. Zum Ge 
brauche beim botanischen Unterricht in Deutsch 
land und der Schweiz und zum Selbstbestimmen 
der Pflanzen", Leipzig 1853 (3. Auflage 1873) 
und 1859 die Schrift „Ueber den naturwissen 
schaftlichen Unterricht an Gymnasien" folgten. 
1851 erschien zu Fulda sein „Leitfaden für einen 
gründlichen Unterricht im Rechnen", 1867 seine 
„Anleitung zur methodischen Behandlung des 
Rechenunterrichts an Volksschulen und den unteren 
Klassen höherer Lehranstalten" (Fulda bei G. Nehr- 
korn), und 1875 sein „Uebungsbuch für den 
Rechenunterricht". 
Gleichen Schritt mit seinen hervorragenden 
Geistesgaben, mit seinen reichen Kenntnissen auf 
fast allen Gebieten des Wissens hielten seine 
vortrefflichen Charaktereigenschaften, in deren 
Lob alle einstimmig sind, die ihn kannten. In 
seinen politischen Ansichten — er huldigte den 
liberalen Anschauungen — war er entschieden 
und konsequent. 
Mit voller Genugthuung und erhebendem 
Selbstgefühl konnte Professor Dr. Gies auf seine 
langjährige segensvolle Lehrtätigkeit zurückblicken. 
Er war ein Muster an Eifer und Pflichttreue, 
sein Name wird fortleben in der ruhmvollen 
Geschichte der Fuldaer Gelehrtenschule, zu deren 
hervorragendsten und verdienstvollsten Vertretern 
er zählte. Er war, um uns eines biblischen 
Spruches zu bedienen, nicht nur ein Berufener, 
er war auch ein Auserwählter. Ehre seinem 
Andenken. 
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