Full text: Hessenland (5.1891)

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lich am 11. Dezember 1718 in den Laufgräben 
von Friedrichshall erschossen — kreuzte seine 
weitgehenden Pläne, und nun triumphirten die 
zahlreichen Feinde von Görtz. 
Unmittelbar nach Karl's XII. Tode erfolgte 
in Schweden eine Adels-Revolution, welche längst 
vorbereitet war. Der schwedische Senat lies; die 
Nachricht vom Tode des Königs nicht eher bekannt 
machen, als bis er alle Maßregeln ergriffen hatte, 
um sich der Regierung zu bemächtigen. Er ließ 
nicht allein sogleich den Freiherr» von Gör tz 
und dessen Vertraute verhaften, sondern er 
nannte auch mit Umgehung des jungen Herzogs 
von Holstein, eines Sohnes von Karl's älterer 
Schwester, die jüngere Schwester des verstorbenen 
Königs, Ulrike Eleonore, welche mit dem Erb 
prinzen Friedrich I. von Hessen-Kassel vermählt 
war, zur Regcntin. Außerdem wurde das Recht 
dieser Prinzessin an den Thron nur unter der 
Bedingung anerkannt, daß sie in eine völlige 
Umänderung der bisherigen Verfassung einwillige; 
und endlich ward schon auf den Februar 1719 
ein Reichstag ausgeschrieben, um eine neue Ver 
fassung einzurichten. 
Die neue Revolution in Schweden bestätigte 
gleich Anfangs durch das Verfahren gegen Görtz 
den alten Satz, daß unter allen Despoticen die 
einer aristokratischen Oligarchie die furchtbarste 
und verderblichste ist, weil sie dauerhafter ist, 
als die demokratische, welche ihrer Natur nach 
nur vorübergehend sein kaun, und weil eine 
monarchische Despotie sich am Ende selbst isolirt. 
Görtz wurde vor ein Gericht gestellt, welches 
aus einem Ausschüsse der Stände, d. h. aus 
lauter Feinden des Angeklagten bestand. 
Vorsitzender des über den Freiherrn von Görtz 
eingesetzten Blutgerichts war der Präsident des 
im Februar 1719 versammelten schwedischen 
Reichstags, Peter Ribbing, welcher ebenso wie 
der bekannte Obcrrickter Jakob's II. von England, 
Jeffreys, und der in der französischen Revolution 
berüchtigt gewordene Staatsanklägcr Fouquier- 
Tinvillc, eine traurige Unsterblichkeit erlangt hat. 
Die Geschichte dieser drei Männer beweist, daß 
keine Staatsverfassung an und für sich gegen 
die Frevel der Leidenschaft schützt. Der Engländer 
wüthete im Auftrage eines Monarchen; der 
Franzose trotzte dem Recht im Vertrauen auf 
den herrschenden Haufen und der Schwede sprach 
im Namen adeliger Oligarchen den Gefühlen der 
Menschheit öffentlich Hohn. 
Das Gericht über Görtz, der, so lange er in 
schwedischen Dienste» war, immer nur mit Ein 
willigung oder auf Befehl des Königs Karl XII. 
gehandelt hatte, verletzte, wie F. C. Schlosser 
in seinem bekannten Werke: „Geschichte des 
18. Jahrhunderts", 1. Bd. S. 190 schreibt, 
Gesetz und Herkommen, Schicklichkeit und Anstand, 
Regel des Verfahrens und Billigkeit ans gleiche 
Weise; der Erfolg war derselbe, welchen der 
Mißbrauch der Rechtsformen stets zu haben pflegt. 
Görtz ward, obgleich man sein ehemaliges Be 
tragen in Holstein als gewissenlos verabscheute, 
durch diesen Prozeß der Gegenstand allgemeiner 
Theilnahme und das Verfahren seiner politischen 
Gegner brachte dieselben in allgemeine Verachtung. 
Unter vierhundert Anklagepunkten gegen Görtz 
war kein einziger, der eine Prüfung ausgehalten 
hätte; man erlaubte daher auch nicht, daß eine 
solche angestellt wurde, und machte den Minister 
verantwortlich für das, was sein König gesündigt 
hatte. Görtz allein sollte den Münzzetteln einen 
gezwungenen Umlauf im Reiche gegeben haben; 
Görtz hätte, wie diese Heuchler von Richtern, 
um die Bauern zu erbittern, sich ausdrückten, 
Kupfermünzen zu einem Gebalt, der mit ihrem 
inneren Werthe in keinem Verhältnisse stehe, mit 
dem Bildniß heidnischer Götzen ausprägen lassen. 
Die Beisitzer dieses Blntgcrichts leisteten keinen 
Eid, dem Beklagten ward keine der gesetzlichen 
Ncchtswohlthaten verstattet, es wurden ihm keine 
Vertheidiger gegeben. Er ward nur einmal 
verhört und mußte während dieses Verhörs vier 
Stunden lang stehen; die Protokolle wurden 
einseitig und nach Belieben geführt und nicht 
vorgelesen; die Anklage erst mitgetheilt, als das 
Todesurtheil schon gefällt war. Das schmähliche 
Urtheil des Blutgerichts ward gleichwohl von 
der Mehrheit des Reichstags bestätigt, nur neun 
Stimmen des letzteren waren gegen de» Justiz 
mord. Ter Präsident Peter Ribbing charakterisirte 
seine Roheit durch de» Ausruf: „Was bedarf 
es der Formen, als Schelm hat er gelebt, als 
ein Schelm muß er auch sterben." 
Am 13. März 1719 wurde Görtz öffentlich zu 
Stockholm enthauptet. Er starb mit würdiger 
Fassung. Einige Stunden vor seinem Tode 
machte er sein Testament, worin er seinem Bruder, 
dem holsteinischen Oberstlieutenant Otto Heinrich 
von Görtz, eine jährliche Rente ans seine in 
Holstein erworbenen Güter festsetzte, die Güter 
selbst seinem einzigen Sohn Georg Heinrich, und 
jeder seiner beiden Töchter, die ihm von seiner 
Gattin Christiana Magdalena, geb. von Revcntlow 
geboren waren, 100000 fl. vermachte. Zu seiner 
Grabschrist bestimmte er die Worte: Mors regis 
fidesque in regem et ducem est mors mea. 
Sein Leichnam wurde auf dem Richtplatze ein 
gescharrt, jedoch von seinem Kammerdiener bei 
Nacht ansgegraben und nach Schlitz in die Gruft 
seiner Väter übergeführt. Die Verwandten des 
Hingerichteten ehrten die Treue des wackeren 
Dieners durch einen Freisitz in Schlitz und noch 
jetzt lebt daselbst sein Gedächtniß.
	        

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