Full text: Hessenland (5.1891)

76 
War man auch in Fulda, früherer Zeiten 
eingedenk, den Hessen nicht besonders hold, so 
war doch die Proklamation des Kurfürsten von 
seinen neuen Unterthanen gut aufgenommen 
worden, was man sich sonst auch von den Eigen 
heiten und der festhaltenden, karg verschlossenen 
Hand des neuen reichen Landesfürsten erzählen 
mochte. 
Auf den Monat Mai des Jahres 1816 war 
die Ankunft des Kurfürsten Wilhelm in Fulda 
zur Einnahme der Huldigung angesagt. Alles 
beeiferte sich zu einem glänzenden Empfang. 
Leider sollte es dabei nicht ohne schweifwedelnden 
Servilismus abgehen, der doch sonst den biederen 
Altfuldaern nicht eigen war. Ganz besonders 
i that sich darin ein alter Sonderling, der Advokat 
! Adam Diez, hervor. Er fühlte sich poetisch an- 
! gehaucht, und wie er im Jahre zuvor zur Ver- 
! herrlichung Preußens ein Gedicht geschmiedet 
J hatte, das mit dem Reime schloß 
Ja, Lob und Ehr und Preis 
j Gebührt fürwahr dem tapfern Preuß! 
! so verkündete er jetzt drollig genug das Heil, 
I welches dem Fuldaer Lande durch seine Ver- 
! bindung mit Hessen erblühen würde. Die 
physiologisch-anschauliche Weise, in der er diese 
Vereinigung schilderte, spottet der Wiedergabe, 
und gab hinlänglichen Stofs zum Lachen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Kin Justizmord. 
Historische Miz;e von 3f. Awenger. 
Ein Justizmord war es, den das schwedische 
oligarchische Regiment verübte, als dasselbe am 
13. März 1719 den Freiherrn von Schlitz, 
genannt von Görtz, den Minister und Günstling 
Karl's XII., einen Hessen von Geburt, öffentlich 
hinrichten ließ. Was immer auch dieser Staats 
mann verschuldet haben mag, so gewissenlos auch 
seine staatsmännischen Grundsätze gewesen sein 
mögen, die Verurtheilung und Hinrichtung 
desselben bleibt ein dunkler Fleck — und zwar 
nicht der einzige — in der Geschichte Schwedens. 
Georg Heinrich, Freiherr von Schlitz, genannt 
von Görtz, entstammte einem fränkischen reichs- 
ritterschastlichen Geschlechte, das schon im frühen 
Mittelalter die reichsunmittelbare Herrschaft 
Schlitz an der Fulda erworben hatte und in 
nahen Beziehungen zu den Landgrafen von Hessen 
und zu dem angrenzenden Hochstifte Fulda stand. 
Georg Heinrich von Görtz war 1668 als der 
Sohn des Hauptmauns im fränkischen Kreise 
Philipp Friedrich von Görtz und einer von 
Minnigerode geboren. Nach Beendigung seiner 
Studien zu Jena, wo er im Zweikampfe ein 
Auge verlor, verschaffte ihm sein Oheim, der 
kurbrandenburgische Kammerpräsident von Görtz, 
eine Bestallung als Kammerherr in holstein- 
gottorpischen Diensten. Beim Ausbruche des nor 
dischen Krieges folgte er dem Herzoge Friedrich IV. 
von Gottorp in das Feldlager des Königs Karl XII.; 
nach der Schlacht bei Klissow (1702) überbrachte 
er die Nachricht von dem Tode seines Gebieters 
der Wittwe des Gefallenen, der Herzogin Hedwig 
Sophie, nach Stockholm, die ihn als Negentin 
für ihren unmündigen Sohn Karl Friedrich 
(geb. 1700) zum Geheimen Rathe ernannte. 
1706 führte ihn eine diplomatische Mission von 
Neuem in Karl's XII. Hauptquartier nach Alt- 
Naustüdt. Georg Heinrich von Görtz erwarb 
sich das Vertrauen dieses Königs, den er bis 
1715 auf allen seinen Zügen begleitete. Derselbe 
übertrug ihm im letztgenannten Jahre die oberste 
Leitung der Finanzen und der auswärtigen 
Angelegenheiten. Es ist nicht unsere Aufgabe, 
den verschlungenen Irrwegen der Politik von 
Görtz zu folgen. Wir wollen uns nur mit seiner 
Persönlichkeit beschäftigen. Seine Geschmeidigkeit 
und Findigkeit, seine Keckheit und Kaltblütigkeit 
— Görtz rühmte sich seines „Ministerialphlegmas" 
— wuchsen mit den größeren Verhältnissen, in 
die er sich hineingestellt sah. Berühmt und 
berüchtigt sind seine Finanzoperationen, seine 
Einführung der kupfernen Werthzeichen, die den 
Gesammtwcrth des schwedischen Nationalvermögens 
repräsentiren sollten. Görtz wurde das Vorbild 
für einen Law in Frankreich, dessen anfängliche 
Erfolge mit den Mississippiaktien, daun wieder 
in England die Südseekolonie rc. anregten. Eine 
hohe staatsmänuische Begabung und bewunderns 
würdige Hingebung für die Sache, der er sich 
jedesmal weihte, ist Görtz nicht abzusprechen, 
aber er bleibt, wie einer seiner Biographen schreibt, 
„der Typus für die anrüchige Kabinetspolitik 
des 18. Jahrhunderts, er zählt zu den Virtuosen 
unter jenen Roulettespielern der hohen Politik, 
die mit kleinen Mitteln Großes erreichen wollten." 
Der Tod Karl's XII., — derselbe wurde bekannt-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.