Full text: Hessenland (5.1891)

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sich durch eine Reihe von Versuchen auch eine 
gewisse Fertigkeit im Kupferstechen zu erwerben. 
Aber seine militärische Laufbahn vergönnte ihm 
in der rauhen Kriegszeit nur wenige Muße 
stunden, um sein Zeichnentalent auszubilden, bis 
ihn im Jahre 1641 eine gewisse Ungnade bei 
der Landgräfin veranlaßte, sich zu seiner Mutter, 
welche sich nach dem Tode ihres Mannes nach 
Holland zurückgezogen hatte, zu begeben. Hier 
erwachte seine alte Leidenschaft zum Zeichnen 
und Kupferstechen auf's Neue, angeregt durch die 
vielen Künstler und Kunstwerke dieses interessanten 
Landes, in welchem die Kunst gleichsam den 
Mangel an schöner Natur ersetzen zu wollen 
schien. Er machte die Bekanntschaft verschiedener 
holländischer Maler und Kupferstecher und nahm 
schließlich seinen Aufenthalt in Amsterdam, um 
sich selbst zu vervollkommnen, und bei seinen 
wiederholten Versuchen in der Behandlung der 
Kupferplatten erfand er Plötzlich eine ganz neue 
Art in Kupfer zu arbeiten. 
Bis dahin hatte man nämlich die Zeichnung 
mit dem Grabstichel in die geglättete Kupfer 
platte geritzt, gestochen und geschnitten, oder auch 
nur punktirt; Siegen dagegen wählte die ent 
gegengesetzte Manier, indem er die Kupferplatte 
mit einem Messer von bogenförmiger Klinge 
und zwei Griffen, der Wiege, so sehr nach 
allen Richtungen zerschnitt, daß dieselbe eine 
ganze rauhe Fläche annahm, in welche er nun 
mit einem Schabeisen seine Zeichnung ohne 
Contour flach eintrug, bald mehr, bald weniger 
tief; dadurch erzielte er eine äußerst feine Ab 
schwächung von Licht und Schatten in den 
weichsten Uebergängen, welche im Abdrucke fast 
die Wirkung eines getuschten Bildes hervorbrachte. 
Die Sache erscheint so einfach, und doch war 
vor ihm noch keiner der vielen Kupferstecher 
auf diesen Gedanken gekommen. Nach ver 
schiedenen kleineren Versuchen, welche über alle 
Erwartung günstig ausfielen, faßte er den Plan, 
in dieser neuen Manier das Portrait seiner 
bisherigen Gebieterin, der Landgräfin Amelie 
Elisabeth, auszuarbeiten. In Kassel hatte er 
nicht nur seine Kameraden, sondern auch 
die Angehörigen der fürstlichen Familie und 
die Landgräfin selbst öfters im Geheimen 
gezeichnet. und da er aus damaliger Zeit 
noch ein recht ähnliches Bild der hessischen 
Heroine in der von ihr getragenen Wittwen- 
tracht in seiner Studienmappe aufbewahrt hatte, 
so unternahm er mit großem Eifer sein Werk 
und wählte dazu eine so große Kupferplatte, wie 
er es bis dahin noch nicht gewagt hatte. Es 
war im Frühjahre 1642, als er diesen Entschluß 
gefaßt hatte, und schon am 19-/29. August 1642 
übersandte er von Amsterdam dem Landgrafen 
Wilhelm VI. von Hessen die ersten Abdrücke 
von dem Bilde der Landgräfin-Mutter mit einem 
eigenhändigen Schreiben jenes Datums (alten 
und neuen Styls), welches unter den Manuskripten 
der Kasseler Landesbibliothek noch jetzt vorhanden 
ist^). Er sagt in demselben unter anderem: 
„Weiln aber ich eine gantz newe jnvention 
„ob sond bahre noch nie gesehene arth 
„hierinne erfunden, Von solchem kupffer 
„(nit wie von gemeinen mit thausende) 
„alhier nur etlich wenige wege subtilheit 
„d arbeit abdrucke habe lasse könne vnd 
„dwegen nur etliche zu verehre habe, Alß 
„hab zu vordst ahn Ihr Fürst, gnaden ich 
„billig den ansang mache vnd jnsondheit 
„Deroselben lauth darunnd stehender schlifft 
„es Vndthenig auch ckeäiciren solle vnd 
„wollen " 
und ferner bemerkt er, daß 
„kein kupfferstecher od kunstler außdenke 
„noch errathen könne, wie dieses werck 
„gemacht werde". 
Die dem erwähnten Briefe beigegebenen Stich 
proben sind leider nicht mehr aufzufinden und 
mögen im Lause der Zeiten verloren gegangen 
sein, da sie nicht gleich dem Briefe der Repositur 
eines Archivs anvertraut wurden. Es kommen 
zwar in Kunstversteigerungs-Katalogen zuweilen 
einzelne dieser ersten Abdrücke vor, jedoch nur 
äußerst selten. So weist z. B. der Katalog XII 
von C. G. Börner in Leipzig vom Jahre 1874 
auf Seite 124 unter Nr. 1744 ein solches Blatt 
aus dem Kabinet des Hosraths und Pro 
fessors vr. Karl Friedrich Heinrich Marx in 
Göttingen auf, mit dem Bemerken, daß dieses 
Kapitalblatt von höchster Seltenheit die mit der 
Feder in 1643 veränderte römische Jahreszahl 
1642 trage. — Auch in Frankfurt a. M. kam 
vor einer Reihe von Jahren dasselbe Blatt in 
der Sammlung einer Frau von Brentano vor 
und soll mit 120 Thalern bezahlt worden sein. 
Ein sehr wohlerhaltenes Exemplar sieht man 
unter Glas an der Wand des Kupferstichkabinets 
im Königl. Museum zu Berlin fund zwar mit 
der gestochenen Unterschrift: Amelia Elisabetha. 
D. G. Hassiae Landgravia etc. Comitissa 
Hanoviae Muntzenb. Illustrissimo ac Celsissimo 
Pr: ac Dnno. Dnno. Wilhelme» VI. D. G. 
Hassiae Landgr: etc. hanc Serenissimae matris 
et Incomparabilis Heroinae effigiem, ad vivum 
a se primum depictam novoq. jam sculpturae 
modo expressam dedicat consecratq. L. a. 
J ) Dieser Brief existirt auch in einem meisterhaften 
Abdruck, welcher ebenfalls aus der Kasseler Bibliothek auf 
bewahrt wird, und zwar in deni handschriftlichen Nachlasse 
Landau's in dem Fascikel „Maler und Kupferstecher". 
Diesem Abdruck sind die angeführten Stellen entnommen.
	        

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