Full text: Hessenland (5.1891)

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Zögern würden sie die Frage, ob ihre Urgroß 
väter wirklich Hessen waren, verneinen. Es 
gibt aber in und bei Reading noch viele ehren- 
werthe und wohlhabende Familien. welche be 
kanntermaßen von jenen unglücklichen hessischen 
Söldnern abstammen, denen ihr Unglück als 
Verbrechen angerechnet wird." I. Hl. 
Es kann uns nicht Wunder nehmen, in dem 
obigen von einem Amerikaner geschriebenen 
sensationellen Artikel der New - Pork Times 
wieder den landläufigen Verleumdungen der 
Hessen, wegen ihrer Betheiligung an dem 
amerikanischen Krieg auf Seiten der Engländer, 
zu begegnen. Indem wir gegen Ausdrücke wie 
„schmachvoller Vertrag", „Verkauf hessischer 
Soldaten" und die sonstigen Entstellungen mit 
aller Entschiedenheit Protest erheben, verfehlen 
wir nicht, auch unsererseits auf den in den 
Nummern 1—5 des Jahrganges 1888 unserer 
Zeitschrift enthaltenen Aufsatz „Ueber die angeb 
lich nach Amerika verkauften Hessen" zu ver 
weisen. — Dem hochgeschätzten Herrn Einsender 
des Artikels aber statten wir für seine Mit 
theilung unseren verbindlichsten Dank ab. 
Die Redaktion. 
■i-ae* 
Guöwig von Wegen zu Wechten, 
Landgräflich Heffen-Kaffelischer Oberstlieutenat, der Erfinder der sog. Schwarzkunst. 
Von Franz Gunöls ch. 
Am Montage nach dem Sonntage Oculi 
(6. März) 1458 bescheinigt „Johannes Egkehardes 
von Siegen, Schrieber vnd Diner des wolgeborn 
vnd Edeln Junghern Philipps Graven zcu Nassaw ! 
vnd zcu Sarbrugk", daß er von dem Landgrafen 
Ludwig (II., dem Herzhaften) von Hessen für 
„getreuwen willigen vnd angenomen Dinst" mit 
einer jährlichen Rente von sechs Gulden Geldes 
„zcu Rechten manlehen" beliehen sei. Johann 
Eckhard von Siegen stammte aus einem Kölner 
Patriziergeschlechte, welches auch zur Westphälischen 
Ritterschaft gehörte. — Arnold von Syegen, 
Burger vnnd Bürgermeister zu Köln, besaß um 
1527 die sogenannten Arnoldshäuser in Köln, 
sowie vor der Stadt die Höfe Comar und 
Klettenberg. Am Donnerstag nach Margarethe j 
(14. Juli) 1530 stellt derselbe zu Augsburg 
einen weiteren Lehensrevers aus, nach welchem 
er von dem Landgrafen Philipp dem Groß 
müthigen von Hessen für sich und seine Leibes 
erben mit dem Hof und Gut zu Sechten 
(unweit Bonn) lehensweise bedacht wird. — Ein 
vermuthlicher Nachkomme Arnolds, Johann 
von Siegen, wird als Fürstlicher junger 
Herrschaft Hofmeister im Ritter-Collegio und 
Regierungsrath zu Kassel im Jahre 1620 ge 
nannt. Er war mit einer Holländerin, Anna 
von Perez, der Wittwe eines Hermann von 
Breil und Tochter des Marcus de Perez und 
der Ursula Lopez de Villa nova vermählt und 
erzeugte in dieser Ehe neun Kinder, von welchen 
1674 noch vier am Leben waren. Von diesen 
war Ludwig von Siegen das jüngste. *) 
1609 in Holland geboren, kam er in den 
traurigsten Jahren des dreißigjährigen Krieges 
nach Kassel an den Hof des jungen Wilhelm 
des Sechsten und wurde hier Page, dann Kammer 
junker und zuletzt, nachdem er einige Zeit als 
Oberstwachtmeister dem Herzog von Braunschweig- 
Wolfenbüttel gedient hatte, Oberst-Lieutenant 
im Heere der Landgräfin Amelie Elisabeth von 
Hessen. Ludwig von Siegen war von etwas 
schmächtiger Gestalt und zeigte schon früh ein 
nachdenkliches und fast finsteres Wesen, welches 
noch dadurch besonders unfreundlich erschien, daß 
er sein struppiges Haar — nach der Sitte da 
maliger Zeit — bis an die Augen herabgekämmt 
trug und wenig sprach und noch seltener lächelte. 
Seine Lieblingsbeschäftigung war das Zeichnen, 
nnd dadurch, daß er seine Mitschüler, die Zög 
linge der von dem Landgrafen Moritz 1618 ge 
stifteten Ritterakademie, in freien Stunden 
portraitirte, erlangte er mit der Zeit eine so 
große Fertigkeit, daß er mit wenigen Strichen 
eine überraschende Aehnlichkeit hervorzubringen 
wußte. Von großem Interesse war auch für 
ihn das Studium von Kupferstichen aller Art, 
besonders reizten ihn die damals schon sehr 
verbreiteten Kupferstiche der Künstlerfamilie 
Merian in Frankfurt a. M., und er suchte 
') Anna von Perez besaß aus ihrer ersten Ehe noch 
einen Sohn, Markus von Breil, welcher holländischer 
Kapitän-Lieutenant war und bei seiner in Utrecht wohnenden 
Mutter verstarb.
	        

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