Full text: Hessenland (5.1891)

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fortlaufende Reihe durcheinander geworfner 
Steine an seinem Rande ist der letzte Ueber- 
rest der einstigen starken Brustwehr, mit der 
das Lager umgeben war. Die auf Befehl des 
Oontinontal 0onKrtz88 errichteten Baracken waren 
unansehnliche Bauwerke, die aber in der jahre 
langen traurigen Gefangenschaft den Hessen will 
kommenen Schutz gegen Wind und Wetter im 
Winter. gegen die heißen Sonnenstrahlen im 
Sommer gewährten. Noch im Jahre 1841 
standen die meisten dieser Baracken und Hütten, 
wenn auch stark verfallen, um dann dem Erd 
boden gleich gemacht zu werden. 
Zur Bewachung des Lagers wurden vom 
Lieutenant Eckert 80 Mann von der Besatzung 
in Reading kommandirt, die sich in Abtheilungen 
von je 40 Mann ablösten, denn diese geringe 
Anzahl hielt man für ausreichend zur Bewachung. 
Diese Wache war auf's Beste bewaffnet. Den 
Gefangenen wurden alle Waffen, selbst die 
Taschenmesser abgenommen. Sie mußten Holz 
zur Feuerung herbeischleppen, Wasser aus den 
nächsten Quellen holen und andere niedrige 
Dienste im Lager verrichten. Die Verpflegung 
war eine sehr kärgliche. Einige der Gefangenen 
wurden im weiteren Verlaufe des Krieges 
sammt Pferden, welche mit erbeutet waren, zur 
Dienstleistung an benachbarte Farmer, Bau 
unternehmer und Maschinenfabriken vermiethet. 
So an Georg Ege, Besitzer einer Eisenhütte in 
Charming Forge, an John Patton, Besitzer des 
Berkshire Hüttenwerks, das während des Krieges 
den Freiheitskämpfern Kanonen und Kugeln im 
Werthe von ca. 60000 Mark (£ 2894) lieferte. 
Es mag auffällig erscheinen, daß die Hessen 
niemals versucht haben, ihre Wächter zu über 
wältigen und sich zu befreien. Steine und 
Stöcke hätten ihrer Ueberzahl genügende Waffen 
gegen die 40, wenn auch gut bewaffneten Wacht- 
mannschaften geboten. Aber ihre Kraft war 
gebrochen, schlechte Ernährung und dabei An 
strengung aller Art hatten ihre Gesundheit er 
schüttert. Und was hätten sie für Hoffnung 
haben können durch das von amerikanischen 
Truppen angefüllte Land ihren Weg zur Frei 
heit zu finden! Ein sicherer Tod durch die 
Hand dieser mit Haß gegen sie erfüllten Frei 
heitskämpfer wäre ihr sicheres Loos gewesen. 
Größer noch war ihre Furcht vor den im Lande 
herumstreifenden Indianern, eine Furcht, welche 
auch ihre Wächter theilten. Wie groß diese 
Furcht war, zeigt eine Begebenheit, welche sich 
am Weihnachtstag 1781 zutrug. Früh am 
. Morgen dieses Tages wurde das Lager durch 
das Erscheinen von 20 mit Flinten bewaffneten 
Indianern überrascht und in panischen Schrecken 
versetzt. Es waren amerikanische Soldaten, 
Nachzügler von Van Campen's Truppen, auf 
dem Wege von Mc-Clure's Fort in Sunburg 
nach Washington's Lager in Philadelphia, welche 
sich den Scherz gemacht gatten, als Indianer 
bemalt und mit Federn geschmückt, das Lager 
zu erschrecken. Ihre Absicht gelang ihnen voll 
ständig. Bei ihrem Erscheinen war es der 
Wachtposten, welcher zuerst nebst der gesammten 
Wache Reißaus nahm. Ein Gleiches thaten aber 
auch die vermeintlichen Indianer selbst, welche 
eine solche Uebermacht im Lager nicht vermuthet 
hatten und schleunigst ihr, wie sie glaubten, be 
drohtes Leben in Sicherheit brachten. Zitternd 
vor Furcht, nicht wissend, wohin sie fliehen soll 
ten, um sich der Gefahr skalpirt oder wieder 
ergriffen zu werden, zu entziehen, blieben die 
armen Gefangenen allein und unbewacht im 
Lager zurück. Währenddem schlugen die Wacht- 
mannschaften überall Lärm und stürzten über 
Hals und über Kopf nach Reading mit dem 
Angstrufe „ganz Niagara mit seinen Indianern 
ist losgelassen." In Reading aber wußte man 
von dem Scherz und schickte die Ueberlisteten 
mit Hohn und Spott nach dem Lager zurück. 
Als der Krieg zu Ende war, 1784, erhielten 
die Hessen ihre Freiheit wieder. In wenigen 
Wochen waren sie wie durch Zauberei verschwun 
den. Ein Theil wurde von gewissenlosen und 
betrügerischen englischen Unternehmern auf 
gegriffen, welche sie nach Deutschland zurück 
brachten um die ausgesetzte Rückkehrprämie 
von 700 Thalern einzustreichen, andere wurden 
von Neuem gefangen und um's Leben gebracht, 
ehe sie einen sicheren Platz erreichen konnten. 
Die meisten zerstreuten sich auf die umliegenden 
Farmen in Berks County, um sich wie Sklaven 
zu verdingen. Die Nachkommen dieser sind die 
einzigen Hessen, welche bis auf diesen Tag in 
und um Reading noch vorhanden sind. 
Ein Gefühl der Demüthigung und Erniedri 
gung hat ihre Väter, so lange sie lebten, nicht 
verlassen, und sie selbst verheimlichen ihre Ab 
kunft auf das Sorgfältigste, wie ein Skelett im 
Hause vor des Nachbars Blicken. Und mit 
Spott und Verachtung blickten stets die deutschen 
Farmer des Schuylkill-Thales, welche während 
des Krieges gute Amerikaner waren, auf die 
ehemaligen hessischen Gefangenen. Ja bis auf 
die gegenwärtige Generation hat sich dies Gefühl 
erhalten. „Those d — cowardly Hessians, 
afraid to strike“ hieß es von den Arbeitern in 
Reading, welche sich an dem großen Eisenbahn- 
strike vor zwei Jahren nicht betheiligen wollten, 
bei den Strikenden in Pottswille, Port Rich- 
mond und Philadelphia. 
Die alten hessischen Familien bekennen sich 
niemals als solche, und beleidigt und ohne
	        

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