Full text: Hessenland (5.1891)

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lungen über Ergehen und Schicksal der hessischen 
Gefangenen während ihrer Gefangenschaft und 
nach Beendigung des Krieges suchen. Und doch 
sprechen die vorhandenen Ueberreste eines Ge 
fangenenlagers am südlichen Abhange des Penn- 
Berges, etwa eine englische Meile von der Stadt 
Reading entfernt, noch beredt von dem einstigen 
Aufenthalt und Leben dieser unglücklichen Ge 
fangenen. Die Geschichte dieses Lagers ist die 
Geschichte der hessischen Gefangenen in Amerika 
von ihrer ersten Gefangennahme bis zu ihrem 
endlichen völligen Verschwinden von der Ober 
fläche der Gesellschaft. 
Durch einen schmachvollen Vertrag mit 
Georg III. von England erklärte sich Landgraf 
Friedrich II. von Hessen im Jahre 1775*) bereit, 
zur Fortsetzung des Krieges mit den amerika 
nischen Kolonien 17000 hessische Soldaten an 
England zu verkaufen. Als Kaufpreis empfing 
Friedrich II. annähernd 11 Millionen Thaler 
(8 Millionen Doll.) Zugleich war für jeden 
Hessen, welcher im Kriege fallen oder aus irgend 
welchem Grunde nicht in sein Vaterland zurück 
kehren würde, eine Entschädigungssumme von 
700 Thalern (500 Doll.) ausbedungen, während 
für jeden nach Beendigung des Krieges wohl 
behalten zurückkehrenden eine gleiche Summe 
zurückgezahlt werden sollte. 
Ein großer Theil dieser hessischen Truppen 
traf im Anfange des Jahres 1776 in Amerika 
ein und nahm thätigen Antheil an den Kämpfen 
um New-Pork und in New-Jersey. Am 25. 
Dezember desselben Jahres 1776 wurde eine 
Abtheilung Hessen in einer Stärke von 1500 
Mann vor Tagesanbruch bei Trenton von 
General Washington überrumpelt und mit ihrem 
Anführer, General Rall, gefangen genommen 
und zwei Tage später auf Washingtons Befehl 
unter Bedeckung nach Lancaster in Pennsylvanien 
gebracht. Da aber das leichter erreichbare 
Reading, damals schon eine beträchtliche auf 
strebende Stadt, für die Aufnahme der Ge 
fangenen geeigneter erschien, so wurden dieselben 
bald dorthin transpvrtirt und in einem im 
Süden der Stadt angelegten Lager untergebracht. 
In entsetzlicher Weise wütete hier Krankheit 
unter den Gefangenen, Hunderte starben aus 
Mangel an geeigneter Nahrung und Pflege da 
hin. Im Mai des Jahres 1777, nach wenigen 
Monaten der Gefangenschaft, waren von den 
1500 nur noch 300 Mann übrig. Die Todten 
fanden ihr Grab auf „Pottersfield". dort be 
legen, wo heutzutage l^ortb Lixtb-streat near 
*) Der Vertrag wurde im Zanuar 1776 unterzeichnet. 
— Wir glauben an der Darstellung des Verfassers nichts 
ändern zu dürfen. Vergl. Hessenland II. S. 4 ff. 
Walnut ist. Es bestand die Absicht, den kleinen 
Rest der Gefangenen im Jahre 1779 nach New- 
Jersey überzuführen, doch kam dieselbe nicht zur 
Ausführung. Ende Juni 1780 war die Zahl 
der Gefangenen bis auf 100 zusammengeschmolzen. 
Ein Jahr später, am 16. Juni 1781, traf 
ein neuer Transport gefangener Hessen, 1050 
Mann, im Lager ein. Sie waren mit General 
Burgoyne in Saratoga gefangen genommen und 
wurden jetzt durch die Pork-Cvunty-Miliz nach 
Reading gebracht. Zu ihrer Bewachung wurden 
von dem Befehlshaber der Besatzungstruppen 
von Reading zwei Kompagnien der Sixth Berks 
County Regular Militia unter dem Befehl des 
Major Bayley kommandirt. Bald darauf traf 
noch ein weiteres kleines Detachement Hessen ein, 
sodaß die Zahl der Gefangenen im Lager wieder 
auf 1200 Mann stieg. 
Da das Verhältniß zwischen den Einwohnern 
von Reading, welche gute Patrioten waren, und 
den Gefangenen kein freundliches war, und 
häufig Reibereien und Schlägereien, welche zu 
Blutvergießen und Todtschlag auf beiden Seiten 
führten, stattfanden, so wurde wiederholt bei dem 
6ontin6ntal Congress wegen dieser Belästigungen 
Klage geführt und die Entfernung der Gefangenen 
verlangt. In Folge dessen erging unter dem 
27. Juni 1781 an Lieutenant Eckert ein Schrei 
ben des Präsidenten des Continental Congress 
in dem es heißt: es scheine rathsam, das Lager 
auf eine der Höhen bei Reading zu verlegen, 
an eine Stelle, wo Holz und Wasser zur Hand 
sei, Oberst Morgan habe ein Stück Land be 
zeichnet, das William Penn's Söhnen gehört 
habe und wohl für diesen Zweck passend gelegen 
sei. Auf Grund dieses Schreibens wurden nun 
drei Männer, Lieutenant Valentin Eckert, Major 
Bayley und Oberst Wood in Lancaster mit der 
Auswahl eines geeigneten Platzes beauftragt. 
Nach einigen Schwierigkeiten einigten sie sich in 
der Wahl einer im Osten der Stadt am Berges 
hang gelegenen Stelle für das Lager, auf der 
Baracken und Hütten zur Unterbringung der 
Gefangenen errichtet wurden. In dies neue 
Lager, das etwa 400 Fuß über Penn-Street 
liegt und 6 Acres umfaßte, wurden dann die 
Gefangenen übergeführt. Dasselbe hat den 
Namen Hessen-Lager, „the Hessian Camp“, den 
es damals erhielt, bis auf den heutigen Tag 
bewahrt. Ein herrliches Plätzchen auch in dieser 
Jahreszeit noch. Steht man dort oben, so hat 
man vor sich Reading, eine blühende Industrie 
stadt, mit reichen Landsitzen in meilenweitem 
Umkreise, und dunkelblaue Hügel erstrecken sich 
nach allen Seiten, soweit das Auge reicht. Der 
Lagerplatz selbst ist nur mit Gras bewachsen, 
aber von dichtem Gehölz umsäumt. Eine
	        

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