Full text: Hessenland (5.1891)

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gewordenen Wahrheiten von irdischer Vergänglich 
keit, von sterblicher Schwäche und Unvollkommen 
heit von Neuem ableite, aber gewiß hat es 
jeden von uns kalt angerührt, so ost die Nach 
richt erscholl: Auch der ist hinüber, gleich als 
habe der Fittich des ernsten Engels im Vorbei 
schweben die eigene Stirne gestreift und gezeichnet, 
und wie oft bebte nicht von einer nachweinenden 
Lippe die bange Frage: Wen werden wir nun 
als den Nächsten hinaustragen in die Stadt, 
von wannen Niemand wiederkehrt, die stille 
Stadt mit den eisernen Thoren und dem 
gellenden Sterbeglöcklcin? Wie heilsam, wie 
nothwendig, aber wie schneidend und schrecklich 
zugleich der Widerspruch im menschlichen Leben, 
daß die nächste Stunde so tiefe Eindrücke wieder 
verwischt, daß dicht neben der Trauer um unsere 
Verlorenen, unmittelbar nach den durchweinten 
Nächten des ersten Schmerzes die alltägliche 
Pflicht mit grauendem Morgen wieder an die 
Fenster pocht, die unerbittliche Gewöhnlichkeit 
ihre Ansprüche an uns wiederum geltend macht. 
Dem inneren Auge verschwindet bald das liebe 
Bild, wenn cs die äußere Anschauung nicht mehr 
auffrischt, die Lücke füllt sich, und weil kein 
Stillstand in der Maschine sichtbar oder fühlbar 
wird, meinen mir in oberflächlicher Beruhigung, 
nun sei Alles im alten Geleise. 
Die Hand auf's Herz, meine Herrn — ist cs i 
nicht auch diesem Todten so ergangen? Der 
Weg zu seinem Grabe, den wir vor kaum drei 
Wochen gewandelt sind, liegt er nicht verschneit, 
verlassen, unbetreten, wie sein Gedächtniß ver 
deckt und versenkt in die Tiefe eines fahrlässigen | 
Sinnes, der die Mahnung an den Tod sich! 
gern und gewaltsam fern hält? Und doch wer 
ist mehr als Bach uns Allen gestorben? Ihnen, 
weil er in wissenschaftlichem und staatlichem 
Gebiete neben Ihnen, vor Ihnen, nach Ihnen 
schritt, weil Sie Kinder oder Brüder seiner 
Leitung anvertrauten, weil seine Gesinnung, 
seine Kenntniß Ihnen werth war. Uns Lehrern 
und Schülern . . . . o, ich brauche ja nicht zu 
wiederholen. wie und warum er uns starb! 
Wohlan, Sie alle zu seinem Ehrengedächtniß 
hier Versammelten, die in diesem Augenblicke 
ein gemeinsames Gefühl zu Freunden macht, 
wie fern Sie einander auch stehen mögen, lassen 
Sie einen so theuren Hort nicht in schmählicher 
Vergessenheit versenkt bleiben; entreißen wir sein 
Bild, seinen Namen, seinen Geist nicht blos in 
augenblicklicher Rührung, sondern in standhafter 
und treuer Anhänglichkeit den Fluthen einer 
achtlos und zerstörend über alle Gräber brausenden 
Gleichgültigkeit, stiften wir einen Bund zu seinem 
Andenken, indem wir einander herzlich zu dem 
selben verpflichten und fleißig anhalten! Das 
Leben eines Schulmannes — so sprach es 
neulich an dem geliebten Grabe unser _ ehr 
würdiger Aeltester aus — ist arm an äußeren 
Ereignissen, arm an Glanz und an Triumph 
vor der Welt, aber es ist dennoch darum ein 
scgenreiches, ist tief und unmerklich in viele 
Gencrazionen verzweigt und mit den Herzen 
guter Familien innigst verwachsen. So sei denn 
auch sein Tod ein still aber tief empfundener, 
ein leise aber laug beklagter, sein Name ein 
bescheidener, fester, gesegneter, sein Gedächtniß 
ein unvergängliches in Liebe und Dankbarkeit. 
An wen kann ich diese letzten Worte näher 
und beschwörender richten, als an Euch, meine 
jungen Freunde, die ihr seine, unsere, meine 
Schüler heißt? An diejenigen unter Euch zumal, 
die unbewußter Kindlichkeit bereits entwachsen, 
die gefährliche Gabe der Unterscheidung schon 
besitzen oder doch zu besitzen glauben, die das 
ernste werdende Leben schon an manche Gräber 
gestellt hat, Gräber von Eltern, Lehrern und 
Jugendgenossen, die endlich dem Verewigten 
selbst und persönlich verbunden waren — an 
Euch, wackere Zöglinge unserer Prima und 
Secunda! Fürchtet keine Vermahnung, keinen 
misbilligenden Wunsch, keinen versteckten Tadel; 
sic sollen den wehmüthigen Eindruck dieser 
Stunde nicht beeinträchtigen. Das Beste und 
Eindringlichste, was ich Euch in derselben zu 
bieten vermag, ein köstliches Fidei-Kommiß 
Eures seligen Freundes, ist ein seinem Ernste 
selten entfallendes Lob, ein Ausdruck der 
Freude über den in Euch vorhandenen wissen 
schaftlichen Geist und Eure anerkenncnswerthe 
sittliche Haltung. So sprach er sich aus in einer 
seiner letzten Unterredungen mit mir, und ich 
müßte mich schlecht auf Euer jugendliches Herz 
verstehen, wenn nicht sein richtiger Sinn darin 
gleich kräftigen Lohn und Sporn fände. Wollt 
Ihr ihn erhalten, diesen von dem verklärten 
Meister an Euch mit Wohlgefallen wahrge 
nommenen Geist, den Geist der Ordnung, des 
Eifers, des Anstandes, des wahren Ehrgefühles? 
Nicht blos erhalten, bis Ihr aus dem Banne 
der Schule geschieden seid, sondern auch unter 
Euch, den in das Leben Ziehenden, und unter 
diesen, den uns länger Verbleibenden? Wird von 
Euch, von Bachs letzten Jüngern, von denen, 
die ihn zur Gruft auf eigenen Schultern trugen, 
sein Geist, nicht im todten Buchstaben des Ge 
setzes, in der Form und Zucht der Schule, nein 
sein Geist in der Wahrheit und in der Liebe 
übergehen und fortstreben wie eine Seele im 
Körper der von ihm regenerirten Anstalt? Und 
empfindet Ihr nicht schon jetzt in dem wohl 
thätigen Bewußtsein erfüllter Pflicht, welches 
Eure Wange höher färbt, daß dieser Geist ein
	        

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