Full text: Hessenland (5.1891)

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erkannten und belobten darum auch in dem 
Verstorbenen zu wiederholten Malen seine höchsten 
und hohen Vorgesetzten, und selbst vom Throne 
unseres Herrn herab, dem er seit seinem landes 
kindlichen Schwure mit unverbrechlicher Treue 
anhing, beleuchtete ihn nicht selten ein Stral 
hochsürstlicher Gnade. Wahrlich, ein verdienter, 
ein schöner Lohn für das Tagewerk eines Mannes, 
dessen Lebenskreise ausschließlich innerhalb dieser 
Mauern liefen, der kein Interesse, kein Ziel, 
kein Glück außer seinem Berufe kannte. dem 
dieser seine eigene Schöpfung war und seine 
einzige Welt! 
Seine einzige? — Nein, noch eine weiß ich, eine 
stille, liebe, schöne, an der auch wir, seine Nächsten 
theilnahmen zu guten Stunden, in der manches 
neue Jahr einfach, aber traulich begrüßt worden 
ist, eine Welt, in der sein reiches und warmes 
Herz sich überquellend und überraschend kundgab, 
während es vom geselligen Zirkel sich scheu 
zurückzog, eine Welt, in der er der liebreichste, 
der gütigste, der kindlichste Mensch war. Ver 
langen Sie, meine Herrn, daß ich Ihnen auch 
diese zeigen soll? Seinen Familientempel, den 
Heerd seiner Häuslichkeit, sein Allerheiligstes? 
Nein, ich will Sie nicht rühren, will, was das 
Licht und den Tag flieht, nicht in den Bereich 
des lauten Mitleids treiben, will den Vorhang 
von einem herzzerschneidenden Bilde nicht weg 
ziehen. Ach ! er bedeckt ja nur Trümmer, auf 
denen in sorgloser Ahnungslosigkeit fünf Kinder 
ihr rührendes Spiel treiben, und mitten unter 
ihnen die gebeugte und verlassene Gestalt einer 
Unglücklichen, welche über die kaum angelegten 
Trauergewänder um eine ferne Mutter, den 
schwarzen Wittwenschleier warf. — O genug, 
mehr als genug, mehr als zuviel schon! Die 
Kraft meiner Rede erlahmt, es versagen mir 
die Worte, ich steh' am Ende. 
Und nun, meine Herrn, nachdem ich Sie 
schonungslos an der ganzen Tiefe unseres 
gemeinsamen Verlustes vorübergeführt habe, 
verlangt Ihr Auge von mir höhere Punkte, 
um sich an ihnen zu halten, Hoffnungen und 
Trostgründe zur Emporrichtung, eine ver 
söhnliche Auflösung schmerzlicher und nach 
zitternder Misklänge. Trost und Hoffnung? 
Ich habe keine, meine Herrn, ich finde keine, keine, 
ich will keine. Nicht als ob ich den unziemenden 
Zweifel hegte, es würde eine hohe Behörde der 
verwaisten Schule nicht alsbald einen neuen 
Vater, und zwar den rechten wählen und senden, 
nicht als ob ich der vereinten Kraft und dem 
edlen Willen eines trefflichen Kollegiums mis 
traute, nicht endlich, als ob ich der frommen 
Seele die beruhigende und entzückende Fernsicht 
auf ein Wiederfinden jenseits des Grabes ver- 
j kümmerte. O nein, das sei fern von mir! 
! Aber in einer Zeit, wo der Guten so Viele 
! sterben, und der Andern so Manche verderben, 
wiegt eine Persönlichkeit als solche in der Schule 
der Lebendigen und Wirkenden unendlich viel, 
und als Verlust au sich ist daher jedes Ver 
schwinde» und Einbüßen einer solchen unersetzlich 
und ties-bcklagenswerth. Ich brauche hier nicht an 
jene schnell auf einander folgenden Todes 
botschaften zu mahnen, welche dem kaum ent 
schwundenen Jahre in der politischen und 
litterarischen Welt eine so traurige Bedeutung 
gaben, nicht hinzuweisen auf die entfernten 
Gräber eines edlen deutschen Fürsten, eines 
vortrefflichen Ministers, eines ausgezeichneten 
Poeten, vieler weiser und berühmter Räthe, 
Aerzte, Naturforscher, Kunst- und Alterthums- 
Kenner und Schriftsteller*). Leider liegen inner 
halb der dunklen Mauern unserer kleinen Stadt 
Belege genug für meine Klage, und wenn ich 
den Kreis noch enger schließe, so bietet die 
Chronik dieser Schule allein in dem letzten 
Lusirum eine niederschlagende Menge von Ver 
lusten und Wechseln, seien sie durch den Tod**) 
oder durch das wandelbare Geschick des Staats 
dienstes veranlaßt. Wem schwebte bei solchen 
Worten nicht gleich das feine geistreiche Gesicht 
des Mannes vor, den wir heute vor einem 
Jahre, den wir so oft an dieser Stätte unter 
den Gönnern unserer Anstalt willkommen hießen, 
des Mannes, der in einer dunklen nächtigen 
Stunde sein glänzendes und weithin wirkendes 
Leben einsam und hilflos beschließen mußte, der 
unserem Vorsteher, seinem Gleichgesinnten und 
Freunde, nur um einen Mondenwechsel voraus 
ging ***), beide gleich rasch unserer Mitte 
entrückt, gleich schwer vermißt, gleich allgemein 
betrauert? Wer dächte nicht bei dem Anblicke 
dieses so verjüngten und verminderten Lehrer 
kreises an die vielen Dahingeschiedenen, deren 
Grabhügel das leichtsinnige Leben nun schon 
lange unter dem Schnee des Winters, wie unter 
Frühlingswehen aus den Augen verloren hat? 
O, ich mag nicht ermüden, indem ich aus diesen 
zahlreichen und oft so unerwarteten Verlusten 
die mit dem Menschengeschlecht alt und trivial 
*)Jm Jahre 1840 waren der König Friedrich Wil 
helm III. von Preußen, der preußische Minister von Alten 
stein, Jmmermann, von Rotteck, Thibaut, Ottsried Müller, 
Blumenbach re. gestorben. D. Red. 
**) Das Fuldaer Gymnasium hatte in dem Zeitraume 
von zwei Jahren allein vier vortreffliche Lehrer, die sämmtlich 
im besten Mannesalter standen, durch den Tod verloren: 
vr. K. Wols (4 28. November 1836), Karl Bollmar 
(t 14. Juli 1837), Franz Klee (t 17. März 1838), 
Pfarrer H. Neuhos (+ 9. Juli 1838). D. Red. 
***) Regierungs-Direktor K. M. Eggena. S. .Hessen 
land", Jahrgang 1890, Nummer 24. D. Red.
	        

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