Full text: Hessenland (5.1891)

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zwischen dem traurigen Mittage, da auf derselben 
Stelle wiederum Fackelschein und Sang und 
Klang seinen letzten Weg begleiteten. Wie man 
ihn damals erwartete, ob mit Verlangen, ob 
mit Scheu, von wie verschiedenen Seiten ihm 
die heterogensten Ansichten, Wünsche und Ein 
flüsse entgegenkamen, ehe man begreifen konnte, 
daß bei ihm kein fremder möglich sei, wie er 
den Weinberg vorfand, in dem er zu wirken 
beschieden war — nichtwahr, meine Herrn, diese 
Schilderung erlassen Sie mir, weil sie ebenso 
wenig an diese Stätte als auf meine Lippen passen 
würde. Der Jüngsten Einer, selbst in den 
Augen Vieler noch ein Fremdling und kein 
Zeuge jener Anfänge könnte ich Ihnen ja doch 
nur Erzähltes wieder-erzählen. Sie selbst sind 
am Besten im Stande, das Damals mit 
dem Heuer zusammenzuhalten — ziehen Sie 
das Resultat! Es würde mir schlecht anstehen, 
den Ankläger zu machen und auf Kosten des 
Vergangenen die Gegenwart herauszustreichen, 
aber ich halte es für ebenso unnöthig, den Ver 
theidiger der letzteren zu spielen. Gern würde 
ich an dem Geräusch und Geschrei eines widrigen 
Kampfes ganz vorübergehen, wenn nicht eine 
solche Schweigsamkeit als Furcht oder als schlechte 
Gesinnung misdeutet werden könnte. Ja, wir 
kennen, wie Sie alle, die Angriffe*), denen wir. 
denen unsere Anstalt, denen ihr ehemaliges 
Oberhaupt vor allem, lange Zeit hindurch blos- 
gestellt waren, allein nicht ihre Schärfe und-ihr 
Gewicht haben uns getroffen, sondern nur das 
allgemein .unbehagliche Gefühl, unser stilles und 
beschränktes Wirken auf den mitunter so zwei 
deutigen und schmutzigen Markt der Oeffentlich- 
keit gezerrt zu sehen. Seien Sie unbesorgt, 
meine Herrn, ich will Sie nicht in die dunkle 
und gehässige Fluth einer unfruchtbaren Polemik 
zurückstürzen, sie ist verrauscht und wohl dem, 
der seine Hand rein von derselben gehalten hat! 
Aber wäre sie es auch nicht, so würden, mein' 
ich, auf einem Grabe die feindlichen Turnier 
lanzen sich doch senken müssen, und aller Eindruck, 
den vielleicht — nur vielleicht, jene namhaften 
und namenlosen Schreibereien hinterließen, auf 
gehen in eine größere und ernst gehaltene 
Klage. 
Wenden wir uns in Gedanken lieber wieder | 
zu erfreulichen Bildern: zu der Geschäftstreue 
und Ordnungsliebe, womit der Verstorbene, auch 
darin einem rechten Familien-Vater ähnlich, 
seine Sorgen bis auf die kleinsten Details unserer 
Schulhaushaltung erstreckte, zu der kollegialischeu 
*) Diese Angriffe erfolgten in in- und ausländischen, 
namentlich bayerischen Zeitungen, und sollen zumeist von 
einem früheren Kollegen Bach's ausgegangen sein. 
D. Red. 
Eintracht, die er unter seinen Nächsten selbst bei 
jeder unvermeidlichen Differenz der Persönlichkeiten 
zu erhalten und herzustellen wußte, zu der 
Unerschrockenheit und mannhaften Ausdauer, die 
er jeder fremden Reakzion kräftigst entgegen 
stellte. zu der Bescheidenheit, die gute Erfolge 
und deren Verdienst mit anderen zu theilen eilte, 
und bei mislungenen oder misdeuteten Versuchen 
nicht gleich pilatisch die Hände wusch. Ich würde 
nicht fertig, wollte ich alles Erwähnenswerthe 
hier erwähnen. Hinweisen müßte ich auf jedes 
Stück - des Hausvaters drinnen, auf die tönende 
Glocke draußen, auf die Ordnung unseres be 
scheidenen Eigenthumes drüben, auf jede kleine 
und scheinbar unbedeutende Erscheinung, wie 
auf den regelmäßigen Grund und Bau des 
ganzen Instituts, wollte ich Fremden einen 
Begriff von Bach's Thätigkeit geben. Und dqbei, 
wie fern war er von allem Pedantismus, der, 
sagt man, unserem Geschäfte so leicht anklebt, 
wie fern von dem mechanischen Betrieb des 
Amtes, wie fern von allem Gaukelspiel der 
Ostentazion und aller pädagogischen Charla- 
tanerie! 
Ob der Verewigte mit solchen Eigenschaften, 
im Besitze eines reichen und fruchtbaren Wissens, 
begeistert für seinen doppelten Beruf als Lehrer 
und als Lenker in seinen Umgestaltungen und 
Fördernisscn das vorgesteckte Ziel immer erreichte, 
ob die neue Einrichtung, die er im Vereine mit 
drei würdigen Amtsbrüdern*) dem gesammten 
hessischen Schulwesen gegeben hat, billigen Er- 
' Wartungen überall entspricht und sich namentlich 
im Vergleiche gegen Früheres immerdar bewährte: 
— das sind Fragen und Erörterungen, bei 
denen hinführv nur Eines nicht vergessen werden 
möge, daß nämlich eine Gelehrten-Schule — 
leider! — kein Kohlgarten ist, in dem zu 
Frühjahr die zarten Pflänzlein gesetzt und schon 
im Herbste die dicken Köpfe, blaue, rothe, weiße, 
geerntet und feilgeboten werden, ein jeglicher 
zn seiner Abart fein praktisch aufgeschichtet, ein 
jeglicher in sich selbst genügsam strotzend, und 
alle insgesammt nichts weiter, als eben — 
Kohlköpfe. 
Daneben kann es auch dem blindesten Auge 
nicht verborgen bleiben, wie keine Stellung in 
diesem Theile des vaterländischen Staatsdienstes 
mit eigenthümlicheren Schwierigkeiten verbunden 
ist, als die im Augenblicke erledigte, und wie 
nirgends ein loyaler und fester Sinn dringender 
von Nöthen, das Gegentheil nirgends bedenklicher 
erscheinen muß, als innerhalb derselben. Jenen 
*) Die Gymnasialdirektoren Dr. Wiß in Rinteln, 
Dr. Vilmar in Marburg und Dr. Weber in Kassel, welche 
im Verein mit Direktor Dr. Bach die Schulkommission 
für Gymnasialangelegenheiten bildeten.
	        

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