Full text: Hessenland (5.1891)

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Lin hessischer Waalsmann in Keslerreich. 
(Fortsetzung.) 
So, wie dos k. k. Postsparkassenamt in Wien 
mit seiner Organisation seither betrieben worden, 
ist es, abgesehen von einigen späteren nachtheiligen 
Abänderungen, von den ersten Vorarbeiten und 
Entwürfen bis zu den Gesetzen und Durch 
führungsverordnungen in allen Einzelheiten des 
organischen und selbst des blos mechanischen 
Dienstes bis zum unbedeutendsten Formular und 
bis zu den Handgriffen der Abfertigung aus 
schließlich das Ergebniß der schöpferischen Thätig 
keit seines Begründers Georg Theodor Coch. 
Hierbei hatte derselbe weder ebenbürtige Mit 
arbeiter noch ein geschultes Beamtenheer zur 
Seite, mußte sich letzteres vielmehr aus den 
verschiedensten Lebenskreisen der Bevölkerung erst 
heranziehen und ausbilden. 
In der Literatur über Postsparkassen werden 
Coch's Schriften stets eine hervorragende Stelle 
einnehmen. Als vorbereitende Studie veröffent 
lichte er ohne Angabe des Verfassers: „Die 
Postsparkassen in England, Belgien, Holland und 
Frankreich mit Hinblick auf Oesterreich" (Wien 
1882). In einem Bande gesammelt erschienen 
das Gesetz vom 28. Mai 1882 über die Ein 
führung der Postsparkassen nebst der Begründung, 
Durchführungsverordnung und dem Organisations 
statut, sämmtlich aus seiner Feder, und im An 
schluß daran monatlich das „Circular-Verord- 
nungsblatt des k. k. Postsparkassenamtes in Wien" 
seit 1883; ferner die beiden umfangreichen und 
inhaltvollen Nechenschaftsberichte für 1883, 1884 
und 1885, endlich die Denkschrift vom Januar 
1886 mit dem neuen Organisationsstatut. 
Von Anfang an hatte Coch höhere Ziele im 
Auge und begnügte sich nicht mit der bloßen 
Einrichtung des Sparverkehrs, beiläufig auf eng 
lischer Grundlage aber bedeutend verbessert und 
vereinfacht, sondern schuf bald in eigenthümlicher 
von ihm erdachter und durchgeführter Organi 
sation als die bedeutendste That seines Lebens, im 
Anschlüsse an die Postsparkasse einen Checkverkehr, 
so zweckmäßig und bequem, dabei so allgemein 
zugänglich, wie ihn kein zweites Land aufzu 
weisen hat. Jeder Inhaber eines Postspar 
kassenbuches mit mehr als 100 Gulden Einlage 
hat das Recht, sich des Checkverkehrs zu bedienen, 
welcher in Folge dessen Ende 1880 gegen 12000 
Mitglieder zählte. Coch hat den Vorwurf er 
tragen. daß er den Checkverkehr anfänglich ohne 
formell hinreichende gesetzliche Grundlage einge 
richtet. Mit kühnem Griff organisirte er den 
Checkverkehr, weil es auf der Hand lag, daß die 
Hochfinanz mit der ihr ergebenen Tagespresse 
Lärm gemacht und diese Ausgestaltung der Post 
sparkasse hintertrieben haben würde. Als man 
von dieser Seite den Checkverkehr zu bekämpfen 
begann, war derselbe bereits durchgeführt, be 
währt befunden und in allen Geschäftskreisen 
dermaßen eingebürgert worden, daß an seine 
Beseitigung nicht mehr gedacht werden konnte. 
Für eine kühne, selbstständige mit Erfolg ge 
krönte That erhält in Oesterreich der Offizier 
den Theresienorden und es hat der Abgeordnete 
Dr. Pattai gewiß vielen aus dem Herzen ge 
sprochen, als er am 10. April 1880 sagte, daß 
Coch mit seinem Checkverkehr ein dieser Art zu 
belohnendes Verdienst erworben habe. 
Coch sollte, wie mancher große Reformator in 
Oesterreich, Undank ernten. In Folge von ge 
heimen Ränken der Wiener Hochfinanz, welche 
von der rasch aufblühenden Postsparkasse eine 
Beeinträchtigung ihrer Sonderinteressen be 
fürchtete, wurde Mitte März 1886 der Handels 
minister Pino zum Rücktritte genöthigt und 
unmittelbar daraus Coch seines Amtes enthoben. 
Seit dem Rücktritte Coch's hat das k. k. Post- 
Sparkassenamt drei Jahresberichte veröffentlicht. 
Es hat seine mustergültigen Einrichtungen zu 
Wien im Jahre 1888 öffentlich ausgestellt, der 
Beirath zur Postsparkasse, bestehend aus hervor 
ragenden und unabhängigen Männern, ist wieder 
holt zusammengetreten und alljährlich ist im Abge 
ordnetenhause der Haushalt der Postsparkasse be 
rathen worden. Allein niemals ist von irgend welcher 
Seite auch nur mit einem einzigen Worte des 
Mannes gedacht worden, welcher die ganze geniale 
und gelungene Staatsanstalt geschaffen hat und 
ohne welchen dieselbe vermuthlich gar nicht oder 
nur unzulänglich zu Stande gekommen wäre. Nur 
der Abgeordnete Dr. Pattai hat wiederholt die
	        

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