Full text: Hessenland (5.1891)

gehalten, tu welcher die Frage erörtert wurde, 
ob der Husarenlieuteuaut Neumayer, der die 
Patrouille geführt habe, überhaupt verpflichtet 
sei. die Forderung des Poleu aus dem besagten 
Grund anzuuehmeii. Es wurde Manches für 
und wider gesprochen, bis Scheller sich erhob 
und mit ernster, nachdrucksvoller Stimme sein 
Urtheil dahin abgab, das; der Lieutenant Neu 
mayer so lange sich mit dem Herrn Walerion 
nicht zn schlagen brauche, bis dieser die Beweise 
geliefert habe, daß er wirklich Offizier und 
satisfaktionsfähig sei, er persönlich halte den 
sogenannten Herrn Walerivn vorläufig für einen 
Lump, mit dem man gar nicht so viel Feder 
lesens machen möge. Das schien ein Wort zur 
rechten Zeit, denn des blutjungen Ncumayer's 
Schicksal, der zum ersten Mal einen solchen 
Gang thun sollte, schien uns allen dem wüsten 
polnischen Lancier gegenüber mir zn klar. Schon 
glaubten wir durch Scheller's Ansicht den Weg 
gesunden zu haben, um in dieser Angelegenheit 
endgültig entscheiden zn können, da erklärte 
seltsamerweise einer unserer Kameraden, den wir 
seiner Leibesbeschasfenheit wegen den „Don 
Quixote" nannten, daß er sich mit seinem Ehren 
wort für Walerion's höhere militärische Stellung 
verbürge, und daniit war Neumayer's Todes 
urtheil unterschrieben. Ich berieth mit Scheller, 
was zu thun sei, aber er zuckte die Achseln und 
meinte, nun müsse die Sache ihren Lauf gehen. 
Und sic ging ihren Lauf. Neumayer schoß fehl 
und Walerion ihn in die Brust, daß er ans der 
Stelle todt blieb. Don Quixote, der mit dem 
Polen ein Herz und eine Seele war, hatte ein 
gesatteltes Pferd parat stehen, ans welchem 
Walerion vom Kampfplatz aus der nächsten 
Grenze zusprengte. Wir haben niemals von 
ihm etwas wieder gehört. Der Himmel allein 
mag wissen, ob Walerion wirklich ein Offizier 
und ein Mensch war, der einen Schuß Pulver- 
werth gewesen ist, den todten Neumayer über 
gab uns Niemand wieder. Scheller ging 
ingrimmig umher, das werthlos vergossene Blut 
ärgerte ihn in der Seele. Eines Tages kam er 
! zu mir und sagte: „Ich kann's nicht mehr ans 
halten, geh' zum Don Quixote und fordere ihn. 
Der Neumayer läßt mir keine Ruhe, ich muß 
was in der Sache thun." Ich besorgte das 
Nöthige und Don Quixote erhielt einen wohl 
gemeinten Schuß in den Arm. Nun war 
Scheller aber in ein gefährliches Fahrwasser 
! gekommen, er bildete sich ein, seine Aeußerung, 
daß Nenmayer sich mit Walerion nicht habe zti 
! schlagen brauchen, könne ihm als eine feige 
Gesinnungsart ausgelegt werden, und wo sich 
für ihn nur die geringste Gelegenheit bot, gleich 
war er mit einer Ausfordernng bei der Hand 
und hatte in wenigen Jahren wohl sein Dutzend 
Duelle aus der Liste, von welchen er die meisten 
mit dem Säbel ausfocht, in dessen Führung er 
ebenfalls Meister war. Mit dem Duellmandat 
wurde es damals. besonders in einer von der 
Residenz ferngelegenen Provinzialstadt nicht so 
' genau genommen, es sei denn, daß ein tödtlicher 
j Ausgang des Handels stattgefunden hätte, was 
i indessen bei den Scheller'schcn Rencontres nicht 
: ber_ Fall war. Mit teuflischer Geschicklichkeit 
wußte er seine Hiebe auszutheilen, ohne jedoch 
die Hirnschaale zn spalten, oder seine Opfer für 
immer dienstuntauglich zn machen. Hatte er 
Einen gezeichnet, so konnte derselbe das letzte 
Hemd von ihm verlangen, der ernste Mann 
würde es ihm, ohne eine Silbe zn wechseln, 
gegeben- haben. So war er nun einmal, ich 
kannte ihn damals durch und durch und stand 
ihm in seinen Affairen redlich bei, bekam durch 
ihn auch wohl selbst einige an den Hals. Das 
lag nun so in der Zeit. Aber man wird älter 
Scheller und ich rückten in vakante Kapitän 
stellen ein, er blieb bei dem alten Regiment, ich 
wurde nach der Residenz versetzt. Mit traurigem 
Herzen nahm ich von dem" Freund so vieler 
Jahre Abschied, wollten wir uns wiedersehen, 
mußte er oder ich ein paar Tage mit der Post 
fahren und das war eine recht unbequeme 
. Geschichte. 
i Fortsetzung folgt.) 
Am Kamin. 
Bon Westen zieht der Regen ein; 
Es stürmt der Wind hin durch den Hain, 
Als wollte die Erde erbeben. 
Doch ich bin geborgen bei dir, mein Kind, 
Laß Sturm und Wetter, wo sie sind. 
Und nur die Liebe leben! 
Es züngeln die Flammen im Kamin, 
Sieh, wie sie tanzen und erglühn, 
Als ging es zum Hochzeitsreigen! 
Komm, lehn' dein Haupt an meine Brust, 
Laß leben der Liebe göttliche Lust, 
Das Köpfchen nicht hängen nicht neigen! 
Und wenn viel tausend Blumen blüh», 
Der Frühling kommt mit seinem Grün: 
Dann lasse die Welt uns vergessen! 
Du sollst der Blumen schönste sein, 
Der Rosen Königin allein, 
Die ich besitz' und besessen! 
Lart Weber.
	        

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