Full text: Hessenland (5.1891)

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vorgesetzten Gange nirgends abgebracht, in seiner 1 
Durchsichtigkeit niemals getrübt, in seiner segens 
reichen Wirkung nur durch den Tod erschöpft 
werden konnte. Nein, und nicht einmal durch 
diesen! Sein Meer verschlingt, seine Wüste 
Versandes, sein Damm zerbricht ihn nicht; 
sprudeln nicht in dieser Jugend, nicht entfernt 
von hier, in manchen schon gereiften Saaten, 
die er geweckt und getränkt, seine Segnungen 
unversiegbar nach? O, des freudigen, des 
herrlichen Bewußtseins, daß auch dem Amte 
des Jugendlehrers, einem der unscheinbarsten 
und gedrücktesten, eine schöne Unsterblichkeit 
entblühct! . . . 
»Schluß folgt.) 
lapitän Kcheller. 
Wach der Erzählung eines Verstorbenen. 
Von Wilhelm Dennecke- 
Der Kapitän Scheller war mein Freund, 
obgleich viele Leute ihn, um im Volksmund zu 
reden, „dem närr'schen Kerl seinen Bruder" 
nannten. Ein Duell war die Veranlassung, 
daß wir uns eng aneinander schlossen und ein 
Duell war auch der Grund, daß wir uns in 
späteren Jahren nur noch vorübergehend sahen. 
Trotzdem habe ich den Kapitän Scheller bis zu 
seinem Tod lieb gehabt und nur in innerster 
Seele bedaliert, daß ein Mann von solchen 
Kenntnissen, solcher Redlichkeit, solcher ursprüng 
lichen Herzensgüte, wie er sie besaß, sich in 
seinen besten Jahren einem düstern Wahn hin 
geben konnte, dem sonst nur geborene Geizhälse 
oder ähnliche, einem moralischen Irrthum zu 
gethane Subjekte zugänglich sind, nicht aber 
unter Waffen ausgewachsene Männer, wie mein 
Freund Scheller einer war. Er stammte aus 
einer angesehenen Familie, hatte eine sorg 
fältige Erziehung genossen und war als Frei 
williger in die fürstlichen Kriegsdienste getreten, 
da die Aufnahme in das Kadettenhaus für ihn, 
der nicht dem Adelstände angehörte, mit allzu- 
großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre. 
Es war zu Anfang der dreißiger Jahre, als 
Scheller zu unserm Regiment kam, er war 
Lieutenant und hatte in seinem Wesen etwas 
sehr Achtung Gebietendes. Er war von großer, 
muskulöser Figur und hatte einen natürlichen 
Anstand, welcher durch die militärische Kleidung 
noch gehoben wurde. Später bekam sein regel 
mäßig geschnittenes Gesicht eine auffallende 
Ähnlichkeit mit dem Oberst Gustavsohn, dem 
vertriebenen König von Schweden. 
Die Zeitverhüllnisse litten damals unter der 
Juli-Revolution und der polnischen Erhebung. 
Das laute Krähen des gallischen Hahnes hatte 
auch die deutschen Völker ermuntert und das 
Losbrechen des polnischen Freihcitssturmes von 
der andern Weltgegend her die Köpfe wirblig 
gemacht. An der südlichen Grenze unseres 
Heimathlandes waren Unruhen ausgebrochen, 
die, durch Zollkonflikte hervorgerufen, einen 
um so bedenklicheren Charakter annahmen, weil 
das dort garnisonirende Regiment, Gewehr im 
Arm. dem Treiben der Krawaller zusah. Die 
Folge davon war. daß ein Garuisonwechsel 
angeordnet wurde und so kamen wir, d. h. das 
dritte Regiment, in die mit politischem Zündstoff 
angefüllte Stadt. Wir brachten auch Artillerie 
mit, welche mit brennenden Lunten hinter uns 
drein fuhr, als wir gegen Abend unsern Einzug 
in H. hielte». Die einzelnen Theile unseres 
Regiments hatten seit dem Befreiungskriege in 
mehreren kleinen Ortschaften gelegen, woselbst 
die Herren Offiziere in dem Zeitraum von 
fünfzehn Jahren sozusagen ein bischen verwildert 
waren. Trinkgelage, Zweikämpfe und das Jagen 
im Mondschein waren die einzigen Zerstreuungen, 
die wir kannten , und wer den tollsten Streich 
ausführte, der war bei uns der Hahn im Korbe. 
Dabei handelte es sich jedoch nicht um solche 
Lappereien, wie sie heutzutage wohl mit Parforce- 
ritten oder Rückwärtsgehen auf Distance aus 
geübt werden, sondern um etwas andere Dinge. 
So ging z. B. einer von uns in voller Uniform 
um den Thurm der Elisabetherkirchc in der 
benachbarten Kreisstadt rund herum, und zwar 
an einer Stelle, die der Spitze zunächst gelegen 
4var, und wo er sich nur mühsani au den Mauer- 
Vorsprüngen hinarbeiten konnte. Eine Menge 
Menschen sah ihm zu, und das Einzige, was 
ihm dabei passirte, war, daß er, fast am Ende 
seiner Wanderung, mit einer der Epauletten an 
dem steinernen Bildwerk hängen blieb, aber er 
löste sich die Epaulette ab und steckte sie in die 
Rocktasche. Dies Wagestück war noch nicht 
einmal durch eine Wette veranlaßt, sondern aus 
purer Liebhaberei am Abenteuerlichen ausgeführt 
worden. Scheller selbst riskirte einen Ritt ü la
	        

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