Full text: Hessenland (5.1891)

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Hage» wären ihm, Ebersbachern, der Religion 
halben und weil ec ein Heß wäre und bisweilen 
bei seiner Arbeit ans dem Lobwasser*) singe so 
aussätzig, weswegen sic ihn auch zuweilen einen 
Ealvinischcn Hund nennten. Er berichtete da 
neben proprio motu und mit weinenden Augen, 
daß er leider vor etwa 10 Jahren, als er nur 
17 Jahre alt gewesen, in Nngelcgenheit beim 
Trunk gerathen sei, indem einer zu Grebenstein 
auf der Gasse todt geblieben sei, und er hätte 
dessen beschuldigt werden sollen. Run könnte er 
wegen übermäßiger Trunkenheit nicht sagen, ob 
er schuldig sei oder nicht: er wäre aber dann 
beim lichten Tage zum Thore hinausgegangen 
und mit einem Pferde in einem Zuge in Däne 
mark geritten, inmaßen er auch sonst den Kriegen 
in Ungarn nachgezogen, wünsche aber nichts 
Höheres, als daß er bei Ihrer Fürstlichen Gnaden 
Gnade erlange» könnte, so wollte er sich aller 
Gebühr erzeigen, wie er oben angedeutet. Ursach 
halber länger in Freienhagen zu wohnen könnte 
noch wollte er." Das auffallende, gleisnerische 
Verhalten des Zeuge» während des Verhöres 
mochte den Amtmann veranlaßt haben, einen 
Bericht über ihn von Grebenstein einzuholen, 
nach dessen sehr ungünstigem Wortlaut Ebersbach 
„in desto verwahrlichere Haft und Gefängniß" 
genommen wurde. Als sich dann herausstellte, 
daß er bereits in Grebenstein in die Land- und 
Mord-Acht erkannt worden, so wurde er dem 
nächst dem dortigen Schultheißen ausgeliefert, 
wo er seiner Strafe nicht entgangen sein wird. 
Der Verlauf des am 2. September vor 
genommenen Verhöres mochte den Frcienhagenern 
die Erkenntniß gebracht haben, daß eine schwere 
Strafe über sic verhängt werden würde, und so 
stellten sie denn dem Landgrafen in einer Bitt 
schrift vom 7. September ihre Roth und Vc- 
drängniß vor; sie schildern das Elend, welches 
durch die Pfändung der Kühe über sie gekommen, 
die Roth, in welche arme verlassene Wittwen 
gerathen, „deren Seufzen zu Gott in den Himmel 
geht", die langwierige Gefangenschaft arbeitsamer 
Leute und Anderes. Schließlich geht die Bitte 
dahin, Fürstliche Gnaden möchten sic zur Be- 
*) Es erinnert dies an den Schneider Ietter in Goethes 
Egmoni, wenn er klagt: „ich sitz' bei meiner Arbeit und 
summe just einen französischen Psalm — gleich bin ich ein 
Ketzer und werde eingesteckt." EberSbach suchte jedenfalls 
durch Erwähnung des „Lobwasser" sich eine» Stein in's 
Brett zu setzen, denn niemand Anderes als Landgraf 
Moritz selbst war der Komponist der von Wilhelm Wessel 
1612 unter Bezeichnung „Lobwasser" herausgegebene» 
Psalmen Davids. DaS Werk war 1890 bei Gelegenheit 
des Jubiläums der Buchdruckerkunst in Marburg auf dem 
Schlosse ausgestellt. 
stellung ihrer Aecker und sonstiger hvchnöthigcr 
Verrichtung wieder „zu freien Beinen" kommen 
lassen. Das Urtheil Sr. Gnaden des Landgrafen 
lautete schließlich dahin, daß die Freicnhagencr 
vor sich und ihre flüchtigen Mitschuldigen mit 500 
Thaler einen Abtrag machen sollten, daß sie da 
gegen der Haft entlassen und dadurch vor diescsmal 
wieder ausgesöhnet werden könnten; jedoch sollte 
in dieser Aussöhnung der Richter als der rechte 
Auswiegeler und Anstifter dieses Unwesens nicht 
begriffen sein, sondern vielmehr nach ihm getrachtet 
und, da man seiner mächtig werden könne, beim 
Kopf genommen und nach Wolfhagcn gefänglich 
hingesetzet werden. Die Gefangenen sollten gegen 
einen ziemlichen starten Urpheden - Schwur und 
Versprechung eines besseren Verhaltens der Ge 
fängniß erledigt werde». Daß es den Freien- 
hagenern schwer wurde, eine für die damaligen 
Zeiten gewiß sehr hohe Summe aufzutrcibe», 
läßt sich denken, und die nun folgenden längeren 
Korrespondenzen zwischen Freienhagen und dem 
Amtmann in Wolfhagen über erbetene Fristen, 
über zu stellende Bürgen und Anderes geben 
! ein deutliches Bild von der Bedrängnis; der 
armen Leute, bis denn endlich am 13. März 
1616, (solange hatte die Sache gedauert,) die 
Bürgen mit den 500 Thalern in Wolfhagcn 
erschienen. Allein hier wurden ihnen neue 
Schwierigkeiten bereitet; es sollten noch auf 
gelaufene Kosten bezahlt werden, und der Herr 
Amtmann, welcher wohl endlich die Sache bc- 
j endigt sehen wollte, ging den armen Leuten 
j scharf zu Leibe. Sie schickten daher einen Boten 
! nach Freienhagen und meldeten, daß ihnen bei 
' dreißig Gulden Strafe geboten, in die Herberge 
I zu gehen und da nicht heraus, das Geld wäre 
l denn erlegt. Sie hätten nun bei einem guten 
! Mann 160 unverschlagenc harte Thaler borgen 
müssen, seien auch Willens dieselben heute Morgen 
nach der Predigt dem Herrn Amtmann zu 
liefern. „Das Geld ist auf Monatsfrist geborgt, 
wonach ihr Euch zu richten habt; und lasset es 
Euch kein Scherz sein." 
Den Schluß der Aktenstücke macht ein Bitt 
schreiben des Raths in Freienhagen ck. cl. 10. 
März 1616 an Kanzler und Räthe in Kassel, 
worin um Befreiung von den Belästigungen des 
Amtmanns gebeten wird, welcher „sie arme 
Leute in speeio mit harten Reichsthalern molestirc." 
Daß die dringende Bitte: „So ertheilet nun 
! den Befehl, daß wir nicht höher möchten bc- 
\ dränget und übcrlästiget werden und wir endlich 
! zu Ruhe und Frieden gelangen mögen", in 
; Erfüllung gegangen sei, wünschen wir den Bitt- 
! stellen; von Herzen. |{. i». D. 
i-HH-
	        

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