Full text: Hessenland (5.1891)

Mberfall des Ualsburgischm Kaufes Klmarshaufen 
durch die Bewohner der Waldeckischen Stadt Freienhagen am 22. Mai 1615. 
Das Ereigniß, welches in Folgendem erzählt 
werden soll, wird in der hessischen Chronik 
(Marburg 1855) bezeichnet als „ein spätes 
Ucberbleibsel der alten Privatsehden und Privat- 
rachezügc", und als solches möchte es wohl unser 
Interesse in Anspruch nehmen um so mehr, als 
sich in der Articulata Deductio etc. Marburg 
1(130, einer umfangreichen Schrift, welche die 
Streitfrage zwischen Hessen und Waldeck in Betreff 
der Lehnsobcrhoheit behandelt, die vollständige 
aktenmüßigc Darstellung dieses die mannigfachsten 
Sittenbilder bietenden Vorfalls aufgezeichnet 
findet. — 
Wir dürfen wohl den Bericht und die erste 
Meldung des Amtmanns und Hauptmanns zu 
Wolfhagen Bart hol Hund vom 23. Mai 1615, 
welche an Deutlichkeit und drastischer Schilderung 
nichts zu wünschen übrig läßt; dem vollen Wort 
laute nach bringen. Hund schreibt*), wahrschein 
lich an Kanzler und Räthe in Kassel: „Gestern 
den 22. Mai, als ich Gericht gehalten zu 
Eringen und von dannen um 6 llhr Abends wieder 
nach Wolfhagen gefahren, habe ich gesehen, daß in 
die 50 oder 60 Mann in unterschiedlichen Haufen 
zu 5 und zu 10 Mann nach Elmarshansen 
gingen. darauf mir 4 Mann von Freienhagen, 
unter welchen der Richter daselbst, begegnet, 
welchen Richter ich gefragt, wohin sie wollten; 
der darauf sobald geantwortet: „die von der 
Malsburg hätten ihnen ihr Vieh genommen, 
das wollten sie wieder langen; wie ich aber da 
von ihn abgemahnt und gesagt, er sollte bedenken, 
daß sie in Ihrer Fürstlichen Gnaden Land wären 
und wenn sie etwas zu suchen hätten, sollten sie 
cs mit Recht thun, sonst müßte ich Amts halber 
auch das Meinige dazu thun, welche Abmahnung 
znm drittenmal«; geschehen, der Richter aber 
darauf repliciret neben seinen Gesellen, so mit 
Musqueten und anderen Wehren bewehrt gewesen, 
sie wollten ihr Vieh langen und wenn es auch 
in 's Kaisers Land wäre, wollten ehe all' ihr 
*) Ausdrucksweise und Orthographie des Originals 
sind größerer Verständlichkeit wegen mehr der heute 
üblichen angepaßt und nur da beibehalten worden, wo sie 
besonders charakteristisch erschienen. * 
Leben daran setzen. Bin darauf ans Ihr Fürstlichen 
Gnaden Haus (Wolfhagen) fortgefahren und 
alsbald sind zwei Malsburgische Diener reiten 
gekommen und begehret im Namen der von der 
Malsburg ihnen Amts wegen beizuspringen, 
denn ihnen wäre auf ihren beiden Häusern große 
Gewalt geschehen, lügen fast alle vor todt, hätten 
dazu Junker Christophs Sohne, Hermann Christoph, 
gefangen mitgenommen. — Wie nun eben der 
Lcutenant bei mir gewesen, habe ich denselben 
neben dem Burgemeister befohlen alsbald die 
Glocke zu schlagen und mit den Bürgern hinaus 
zu fallen. Ich bin zu Pferde auf dem Wege 
nach Freienhagen zu geritten nach der Landwehr 
zu, da sein bereits etliche Freienhagensche vorüber 
gewest, die andern aber in gleichem Haufen daher 
gezogen, deren 15 ungefähr in einem Haufen 
Hermann Christoph gefangen mit sich geführet. Auf 
diese bin ich zugeritten und sie angeredet, sie 
sollten bedenken, daß sie in Ihrer Fürstlichen 
Gnaden Lande und den Gefangenen von sich geben, 
worauf einer seine Musguete aus mich angeleget, 
ich dagegen meine Pistole gezuckt und den 
> Wolfhagcnschen Bürgern, so im Anzug gewesen, 
gewinket. Wie sie nun dieselben sehen konnten, 
sind sie geflohen, und 5 sind aufs Letzte bei dem 
Gefangenen blieben, auf die bin ich zugeritten 
und habe einen übern Haufen geritten; so hat 
einer mit einem Rappier nach mir gestoßen, auf 
den ich wieder losdrücken wollen, aber Hermann 
Christoph der Gefangene dafür um Gotteswillen 
gebeten, da einer ihm ein bloß Rappier auf 
dem Herzen gehabt, welcher ihn, so ich geschossen, 
doch erstochen hätte, wie er selbst bezeugen muß. 
Zwei von diesen Thätern hat der Leutnant dem 
Bürgermeister zu verwahren geliefert, so ist auch 
einem eine Musguete und eine Hellebarde 
genommen. Ich habe sie zwar bis an die 
Gränze verfolgt, aber sic haben sich alle in's 
Geholze versteckt. 
Dieser Streit soll sich daher erregt haben, 
daß die von Freienhagen sich im Mtthtenbergc 
(so derer von Malsburg Gehölze ist) mit ihrem 
Vieh eingedrungen und die von der Malsburg 
im Holze etliche Stück Vieh gepfändet, so bin
	        

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