Full text: Hessenland (5.1891)

30 
besonders solange sie in ihrem eigenen Hause wohnte, 
unaufhörlich Einquartierungen gehabt, deren Plackerei 
sie in den herrlichen, jüngst von der Goethe-Gesellschaft 
herausgegebenen Briefen an ihren Sohn in ergötz 
licher, oft recht drastischer Weise zu schildern weiß. 
Nachdem ihre Vaterstadt Frankfurt von den Preußen 
und Heften Anfang Dezember 1792 wiedererobert 
war, theilt sie am 14. desselben Monats ihrem 
Sohne mit, daß sie einen Offizier und zwei Gemeine 
zur Einquartierung habe, „es sind Hessen — gute 
Leute, aber (unter uns gesagt) sehr arm — ich muß 
sie füttern — die Franzosen hatten die Hüll 
und die Füll", daß das Füttern aber sehr 
inkommodire, könne er leicht denken. Neujahr 1793 
schreibt sie ihm nochmals, daß ihr die Einquartierung 
„allerlei Molesten" mache, „die deutsche Einquartierung 
ist mir (unter uns gesagt) sehr lästig — bei den 
Franzosen, wenn man da Gemeine hatte, hatte man 
keine Officiere nnd umgekehrt. Jetzt habe ich zwei 
Officiere und zwei Gemeine — da werden nun 
statt einer Stube zwei geheizt, das bei dem theuern 
Holz, eine garstige Speculation ist — ferner hatten 
die gemeinen Franken Fleisch, Reis und Brod im 
Ueberfluß — diese haben nichts als elendes Brod — 
die französischen Officiere wären lieber Hungers 
gestorben, als daß sie was gefordert hätten, diesen 
muß man es sogar auf die Wache schicken, Summa 
Summarum ist es eine große Last — meine sind 
Hessen — wie's mit den Preußen ist, weiß ich 
nicht". Besonders das Tabakrauchen scheint ihr wie 
dem Sohne ein Greuel gewesen zu sein. „Wenn 
diese Menschenkinder", so heißt es in einem Briefe 
vom 22. Januar 1793, „nur nicht den ganzen 
Tag Tabak rauchten, meine Zimmer sehen aus wie 
eine Wachtstube". Im folgenden Monat war sie 
von den ihr so unangenehmen Gästen befreit. Mit 
den Soldaten der „königlichen Garde von Potsdam", 
die sie dafür eintauschte, scheint sie zufriedener zu 
sein, wenn sie auch klagt, daß ihr Haus „zum 
Erbarmen schmierig" aussehe. Vielleicht war an 
diesem freundlicheren Urtheil die allgemeine Zuneigung 
Schuld, die die Frankfurter nach einem Briefe vom 
15. März für den König Friedrich Wilhelm II. 
hegten und die Frau Aja zu dem naiven Ausrufe 
veranlaßt, „wenn er einmal weggeht, so weine ich 
gewiß acht Tage". Daß übrigens die Leute mit 
ihrem Logis stets zufrieden sind, versichert sie den 
Sohn mehrmals. Von einer Einquartierung des 
Jahres 1794 berichtet sie sogar: „Die glauben nun 
wenigstens im Paradies zu sein — aber was sie 
auch fressen! Die waren so ausgehungert, daß es 
ein Jammer war. Gestern ließ ich ihnen einen 
Schweinebraten zu Tische tragen, das war dir auch 
ein königliches Pläsir". 
Durchaus verkehrt würde es nun sein, jener 
günstigeren Beurtheilung der französischen Krieger 
eine größere Bedeutung beizulegen. Die den Fran- 
[ zosen angeborene Galanterie mochte, wenn sie in 
einem feineren Hause aufgehoben waren, in der 
i That nicht selten zum Durchbruch kommen. Wie 
I wenig sie aber im Stande war, der Bestialität der 
[ Gemeinen und der Schlemmerei der Höheren vor- 
i zubengen, zeigt gerade der angeführte Aufsatz 
! Andererseits darf man der liebenswürdigen Frau 
! Goethe auch keine besondere Vorliebe für die „Roth 
hosen" schuld geben. Aber das eine leuchtet auch 
aus einer Briefstelle doch wohl hervor, was wir 
freilich den meisten ihrer Zeitgenossen zum Vorwurf 
machen müßten, daß nämlich ihr Patriotismus durch 
aus auf ihr engeres Vaterland beschränkt war; allen 
anderen deutschen Ländern stand man fast wie 
fremden durchaus kühl gegenüber. Nur von einem 
Orte konnte Frau Aja's Ruhe gestört werden, von 
Weimar. Ginge es aber hier ihren Lieben gut, 
dann mochte, wie sie es selber zweimal ausspricht, 
das linke und das rechte Rheinufer angehören, 
wem es wolle, das störte sie „nicht im Essen und 
nicht im Schlafen". 
Potsdam. W. A. 
Aus Heimath und Fremde. 
Am 6. Januar, dem Todestage Friedrich Wilhelm's, 
des letzten Kurfürsten von Heften, war dessen 
Grabmal am alten Friedhofe, wie alljährlich, reichlich 
mit Kränzen und Schleifen in rothweißen Farben 
geschmückt, welche die Angehörigen der fürstlich 
Hanauischen Familie und andere hohe Anverwandte, 
sowie dem früheren Hofe nahestehende Persönlich 
keiten hatten niederlegen lassen. Die Grabstätte war 
vom Publikum des Tages über zahlreich besucht. 
— Ein junger, unserer Provinz ungehöriger 
Schriftsteller hat der Intendantur der Königlichen 
Schauspiele in Kassel ein vieraktiges vaterländisches 
Schauspiel „Vater und Tochter" eingereicht, welches in 
den Tagen der Verjagung des Königs Jsrome (Oktober 
1813) spielt und zwar theils im Dorfe Nordshansen, 
theils im Habichtswalde, theils auf Wilhelmshöhe. 
Die Lösung eines Problems hat der Dichter nicht 
beabsichtigt; vielmehr soll das Drama den Geist der 
Zeit der Freiheilskämpfe widerspiegeln. Es wäre 
sehr zu wünschen, daß unsere Intendantur, auf einen 
solchen vaterländischen Stoff Rücksicht nähme, der — 
er mag behandelt sein wie er will — trotz der 
heutigen Strömung auf dem Felde der dramatischen 
Dichtung für uns immerhin ein höheres Interesse 
hat, als ein jeder andere Stoff. 
Die Nummer 10 der bei Fr. Pustet in Regens 
burg erscheinenden, von Heinrich Keiter redigirten 
Zeitschrift „Deutscher Hausschatz in Wort und Bild"
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.