Full text: Hessenland (5.1891)

326 
Einst ein Abend war's wie heute, 
Aus dem Thale scholl Geläute 
Von dem Münster dumpf uud fern. 
Gottes Werk, mit Menscherjdingen 
Einte sich's, um auszuklingen 
Wie ein Lied zum Lob des Herrn. 
Aber wenig hatte Acht 
All der Schönheit und der Pracht 
Jener fahrende Geselle, 
Der den Berg erstieg in Schnelle. 
Nur die Burg noch zu gewinnen, 
War der Eilende bedacht, 
Eh' vom Schutz der mächt'gen Zinnen 
Fern ihn hielt die dunkle Nacht. 
Seine Fiedel, einz'ge Habe 
Außer des Gesanges Gabe, 
Unter'm Arme trug der Knabe. 
An dem Rock, mit Marderfelle 
Rings benäht, erklang die Schelle, 
Wie er stieg zur Burg hinauf. 
Ihm zur Seite, müd' vom Lauf, 
Doch die Augen schwarz und helle, 
Klimmt empor ein schönes Weib. 
Voll und üppig ist ihr Leib. 
Wie der Tulpe Farbenpracht 
Leuchtend dir entgegen lacht, 
Wie der Apfel, zart und fest, 
Dich aus Blättern und Geäst 
Färb' und Fülle schauen läßt: 
Also war der schönen Frau 
Ueppig fester Gliederbau, 
Schwarz ihr Haar, doch roth und rund 
Waren Wänglein ihr und Mund. 
Ob ein schöner Weib durch's Land 
Hinzog, ist mir nicht bekannt. 
Die war Hilderun genannt. 
Von dem Weg erhitzt, ermattet, 
Sank sie in dem Hofe drin, 
Von dem Lindenbaum beschattet, 
Auf die Bank zum Schlafe hin. 
Ihres Mieders gelbe Spangen 
Waren leise aufgegangen. — 
Und des holden Weibes Bild 
Hat der Burgherr hier gesehen. 
Um sein Herze war' s geschehen, 
Das der Lust zu widerstehen 
Nicht gewohnt war noch gewillt. 
In der Abenddämm'rung Schein 
Sitzt er in des Schlosses Garten, 
Zu Gesang und gold'ncm Wein 
Seine Sänger zu erwarten. 
Ueber ihm wölbt sich die Linde, 
Um ihn drängt sein Ingesinde. 
Jetzt erscheint das Sängerpaar. 
Mit der kleinen runden Hand 
Streicht die Maid ihr dunkles Haar, 
Streicht ihr ärmlich Festgewand. 
Und den Blicken, den verweg'nen, 
Läßt ihr Auge sie begegnen 
Stolz und ruhig, kühn und dreist. 
Einmal nur schlägt sie es nieder, 
Aber lächelnd hebt sie's wieder: 
Mächt'ger Ritter, ob du weißt, 
Was dir dieser Blick verheißt? 
Nun des Lieds bekannte Weise 
Stimmt sie an, erst zag und leise, 
Bis es mählich voller schwillt, 
Nein wie einer Glocke Klang, 
Helle wie des Finken Sang, 
Der das Herz mit Lust erfüllt. 
Fiedel springt so munter drein 
Wie die Perl' im jungen Wein. 
Längst erlosch das Abendroth, 
Ruhe heischt der Nacht Gebot. 
Nebelschleier, blaß und fahl, 
Hingelagert Uber's Thal 
Ist, als deckte er zur Ruh' 
All' das laute Leben zu, 
Gleich dem Schleier, weiß und dicht, 
Auf der Klosterfrau Gesicht, 
Dessen unbewegte Falten 
Keines Blickes Gluth durchbricht; 
Der die stumme Sprache spricht: 
Sieh, ich muß verborgen halten, 
Was da drunten bebt und pocht, 
Was pulsirend lebt und kocht. — 
Tief versenkt in Nacht und Schweigen, 
Ragt der Thurm aus Busch und Zweigen, 
Keines Bögleins Stimme schallt, — 
Frieden ist's in Flur und Wald. 
Nur im Garten bei der Linde 
Sitzen Herr noch und Gesinde 
Um die Tafel auf den Bänken, 
Jubelnd bei des Spielmanns Schwänken. 
Sie berauscht des Weines Kraft, 
Den der Schenk herbeigeschafft; 
Sie berauscht der Linde Duft, 
Der balsamisch würzt die Luft; 
Sie berauschen auch die Töne 
Und das Weib, das zauberschöne. 
Trunken hat man in der Nacht 
Den Jongleur zur Ruh' gebracht. 
Aber als er früh erwacht, 
Der Geselle, in der Kammer, 
Schwerlich hat er sich gedacht, 
Was der Tag ihm brächte Jammer.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.