Full text: Hessenland (5.1891)

325 
Ein nachdenklicher Blick des Jünglings folgte 
ihm. 
„Es ist ein rauhes Volk im Lande hier und 
hängt zäh am Alten, aber fruchtbar ist der 
Boden in ihren Seelen und wird reiche Früchte 
Golden liegen Berg und Thal 
Vor mir da im Abendstrahl. 
Hcil'ge Ruhe fängt den Hain 
Wie mit Muttcrarmcn ein, 
Daß man wähnt, es sei der Welt 
Ew'ger Friede beigesellt. 
Wie versenkt in tiefen Traum 
Scheinen Flur und Wald zu liegen, 
Eich' und Buche lassen kaum 
Träumerisch die Blätter wiegen; 
Wie im Schlaf, in leisen Zügen 
Rauschend athmen Busch und Baum. 
Golden färbt der Sonne Schimmer 
Auch dies bröckelnde Getrümmer, 
Küßt mit seinem ros'gcn Scheine, 
Seiner Farben milden Tönen 
Dieser Mauern mos'ge Steine, 
Die des Berges Gipfel krönen. 
Letzten Rest von stolzen Bauten, 
Die das Land einst überschauten. 
Ja, ihr wäret fest gefügt, 
Habt, auf Felsen ausgemauert, 
Viel Geschlechter überdauert, 
Doch die Zeit hat euch besiegt. 
Einst ein Mittelpunkt des Lebens, 
Steht ihr einsam und verlassen, 
Denn des Volks geschäft'ge Massen 
Stürmen heul' in andern Gassen 
Nach den Zielen ihres Strebens. 
Ihr erwehret euch vergebens. 
Wenn die Dornen euch umfassen. 
Rings in Schweigen eingehüllt 
Liegt ihr da, des Todes Bild. 
Keine Seele wandert mehr 
Auf dem Weg zum Berge her; 
Und die einst in hellen Haufen 
Hier zum Thor mit leichtem Sinn 
Her geritten und gelaufen: 
Sagt, wo seid ihr alle hin, 
Ihr der fahrenden Gesellen 
Bunte Menge mit der hellen 
Fiedel und dem Tamburin? 
Warst du nicht nach langen Reisen 
Gern willkommen hier geheißen, 
tragen, wenn die Anssaat erst Wurzel gefaßt hat." 
Langsam schritt er dann die Straße nach 
Süden zu, während die Sonne niedersank. — 
(Fortsetzung folgt.! 
Spielmann in der bunten Tracht? 
Weh! geborsten ist die Halle, 
Die so manche Winternacht 
Laut erklang von deiner Weise», 
Deiner Lieder süßem Schalle. 
Unstät wandernder Geselle, 
Ob des Lebens laun'ge Welle 
Hier dich hin und dorthin reißt: 
Stets erfassest du des Glückes 
Hand im Wurf des Augenblickes 
Ohne Zagen, keck und dreist. 
Stehst du heul' in Angst und Sorgen, 
Und kein Jude will dir borgen, 
Wird dir goldncr Lohn schon morgen, 
Roß und seidenes Gewand 
Aus der Könige milder Hand. 
Denn der Sorge Bild erblaßt, 
Und die Freude kommt zu Gast, 
Wo zum Sagen oder Singen 
Der Jongleur die Geige faßt. 
Nimm den Bogen, laß ihn springen, 
Laß melodisches Getön 
Unter seinem Strich erklingen, 
Sing' uns von den Wunderdingen, 
Die kein Auge je gesehn. 
Wenn im hochgewölbtcn Saal 
Rother Fackeln blutig Licht 
Sich an Säul' und Gurten bricht, 
Hören wir vom heil'gen Gral 
Das unsterbliche Gedicht, 
Von den Wundern ohne Zahl, 
Die vollbracht im Erdenthal 
Titurcl und Parzival. 
Gläubiges Erstaunen zeigt 
Sich auf den Gesichtern allen. 
Selbst der Alten Lippe schweigt. 
Die doch sonst zur Rede neigt, 
Wenn in den gewölbten Hallen 
Vor erstaunter Hörer Kreis 
Man von Thaten singt und dichtet. 
Die zu GottcS Ehr' und Preis, 
Die auf schöner Frau'n Geheiß 
Kühner Helden Arm verrichtet. 
■>- 
Fahrendes Uolk. 
Von Hugo Brunner.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.