Full text: Hessenland (5.1891)

321 
wieder nachzuahmen bemüht sind, zeugt von dem 
Behagen an dem Besitze. Brausende Lust und 
Fröhlichkeit, nicht selten allzu derb und über 
schäumend, begegnet überall, in großen wie 
kleinen Städten und auf dem Lande, als Zeichen 
behäbigen Wohlstandes. 
Dreißig Jahre später ist Deutschland ein 
weiter, öder Kirchhof, über dem die Stille des 
Todes waltet, und in dem nicht nur drei Viertel 
seiner alten Bewohner schlummern, nein, der 
auch die schöne Blüthe vielhundertjähriger Kul 
tur bedeckt. Wir sehen vor uns ein armes Land, 
dessen einstiger Reichthum dahin ist; seine Städte 
und Dörfer liegen in Asche, die Felder sind 
verwüstet, und was das Schlimmste ist: die 
Volkskrast ist gebrochen, der Sinn für das Hohe 
und Edle, für Dichtung, Kunst und Wissenschaft 
ist verloren, ein theilnahmloses Geschlecht ist 
übrig geblieben, das mühsam und widerstrebend 
daran geht, die alte Kulturarbeit von Neuem 
zu beginnen. 
Wohl haben andere Völker längere Kriege 
auszuhalten gehabt. Keiner aber hat ein Volk 
so nachhaltig geschädigt wie uns der dreißig 
jährige. Der Grund dafür liegt einmal in der 
Art und Weise der Kriegführung. Die Heere 
waren, besonders in der zweiten Hälfte des 
Krieges, seit dem Jahre 1634, beiderseits zu 
schwach, um eine endgiltige Entscheidung herbei 
zuführen. Darum tobte der Kampf über alle 
deutschen Gaue her und hin, bis endlich nach 
zwölf langen Jahren die völlige Erschöpfung der 
streitenden Parteien den Frieden herbeiführte. 
Während dieses Zeitraumes gehen Heerführer 
wie Soldaten so systematisch darauf aus, alles 
in ihrem Bereiche zu zerstören, das Leben wie 
das Eigenthum der Bewohner so zwecklos, aber 
auch so gründlich zu vernichten, daß Ingrimm 
und Abscheu das Herz erfüllt, wenn man auf 
die bodenlose Niedertracht und Bestialität jener 
Horden und ihrer Führer hinblickt, und man sich 
fragt, wo ist die himmlische Gerechtigkeit, die 
Frevler, die all' diesen Jammer heraufbeschworen 
haben, zu treffen? 
Es überkommt einen fast ein Gefühl der Genug 
thuung, wenn man von einzelnen Strafgerichten, 
die an den Vernichtern geübt werden, liest, wie 
z. B., wenn der hessische Commandant von Herda 
von Eschwege aus, als die Kroaten in der 
Christnacht 1634 die Stadt Sontra einäscherten, 
herbeieilt und 13 der Mordbrenner, die er noch 
am Werke findet, binden und in die Flammen 
werfen läßt. 
Leider aber sind diese Fälle selten, und nur 
zu gut gelingt den Mordbrennern meist ihr Werk. 
Die Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit sind 
bis zur Ermüdung voll davon, daß die oder 
jene Partei, dieser oder jener Heerführer, einerlei 
ob kaiserlich oder schwedisch, in's Land gefallen 
sei, Dörfer und Städte angezündet, die Ernte 
verwüstet und alles Eigenthum ruinirt habe. 
Die Bevölkerung wich dann jedesmal aus, um 
in den Wildnissen Wochen, oft Monate lang 
sich zu verbergen. Wer den Streifparteien in 
die Hände fiel, der wurde elendiglich todt ge 
schossen, was das Beste für ihn war, oder in 
der raffinirtesten Weise gequält, um das ver 
borgene Geld und Gut von ihm zu erpressen. 
Wir wollen es uns ersparen, hier auf die Greuel, 
die an den unglücklichen Bewohnern geübt worden, 
weiter einzugehen, und wir wollen nur einiges zur 
Veranschaulichung der damaligen Zustände aus 
gleichzeitigen Aufzeichnungen anführen. 
1632 um Martini mußten die Einwohner 
von Reichensachsen ausfliehen bis Weihnachten. 
Als aber in selbiger Christnacht Sontra von 
den Kroaten überfallen und in Brand gesteckt 
worden, wichen sie wieder aus. Um den Sonn 
tag Jubilate erschienen die Kroaten von Neuem 
und steckten alles in Brand, auch Reichensachsen, 
das damals ein sehr ansehnlicher Ort war, denn 
in diesem Brande sanken an 130 Wohnhäuser 
sammt Scheunen und Stallungen in Asche. Von 
den Einwohnern, welche noch im Dorfe ver 
blieben waren, wurden die einen todt geschossen, 
anderen mit Aexten die Köpfe gespalten, etliche 
wurden verbrannt oder in den Kellern, wohin 
sie sich geflüchtet hatten, festgehalten, sodaß sie 
erstickten. Die, welche gefangen fortgeführt 
wurden, waren am übelsten daran, denn von 
der jämmerlichen Mißhandlung, welche sie zu 
erdulden gehabt, trugen sie jahrelanges Siech 
thum in sich. 
1637 am Grünen Donnerstage mußte man 
dort wieder ausweichen und salvirte sich in die 
Wildniß. Die kaiserlichen Völker suchten aber 
auch hier die Verborgenen mit Hunden auf, 
fingen und erschlugen sie; andere kamen vor 
Hunger um. Was noch im Dorfe war, wurde 
niedergesäbelt, auch die noch vorhandenen oder 
wieder aufgebauten Häuser wurden niedergebrannt, 
die im Felde stehende Ernte vernichtet. Ebenso 
erging es den Städten Allendorf, Waldkappel 
und Eschwege. 
Zugleich raffte die Pest, wie es scheint der 
Fleckentyphus, die Leute massenhaft fort. In 
Kassel starben in dem einen Jahre 1440 Per 
sonen, worunter 623 Fremde, dagegen wurden 
nur 374 Kinder geboren. 
Die Stadt Homberg wurde 1636 von dem 
kaiserlichen General Hatzfeld eingenommen und 
ein großer Theil der Stadt zerstört. Im folgen 
den Jahre im Februar hausten Beigott und 
Gelee daselbst sieben Wochen lang mit Mord
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.