Full text: Hessenland (5.1891)

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Schone Tu des frommen Meisters, will die Welt ihn nicht 
verschonen. 
Und was blöde Menschen wähnen klug zu fügen, klug zu 
binden: 
Einer kann es all' entwirren, Einer weiß das Recht zu 
finden. 
Rastlos rinnt die Zeit vorüber, rastlos währt der Stunden 
R eigen, 
Und was Menschenwitz erfunden, muß sich Gottes Rath- 
schluß neigen." 
II. Auf St. Peters Zelle. 
Wieder sprang am Berg die Ouelle, da der grimme Frost 
gewichen 
Und von Haus und Hos der Graue sonder Abschied war 
geschlichen. 
Wieder glühten rothe Feuer, Gruß der Sonne, helle Brände, 
Die in dunkle Nacht hinschimmernd loderten am Berg- 
gelände. 
Erst als klang das Klosterglöcklein, das die Brüder rief zur 
Mette, 
Glühten all' die Fackeln nieder, deckte stacht die Feuerstätte. 
Und schon lang war's still geworden in dem Thal der 
Fuldawelle, 
Da Rhaban noch kniete betend in dem Chor von Peterzelle. 
Hier, wo einstmals Heidenmänner auf zur heil'gen Eiche 
lauschten, 
Wo in düsterm Buchenforste Wolf und Wölfin Antwort 
tauschten, 
Baute weiland Abt Rhabanus eine Kirche schön und 
prächtig, 
Heilig dein Apostelsürsten, dessen Schutz ihm dünkte mächtig. 
Und es ward ihm treu vergolten, denn es hatte heim 
geladen 
Den Verkannten n ieder Hatto, Fulda's Abt von Gottes 
Gnaden. 
Und hier auf St. Peters Zelle wohnt' er nah der trauten 
Stätte, 
Immer betend, immer schassend, daß er sich und and're rette. 
Eben sann er: „Herr des Himmels, werd' ich Gnade vor 
Dir finden? 
Was ich wollte, war Dein Ruhn: nur und zu lehren all' 
die Blinden. 
Zunge Herzen, zarte Knospen, wollt' ich vor dem Froste 
schützen 
Und auf dunk'len Lebensgängen ihren Starkmuth unter 
stützen. 
Wonne war mir's, andern Lehrer, selber aus des Wissens 
Borne 
Ew'ge Wahrheit auszuschöpfen mit des Geistes tiefem Hörne; 
Sel'ge Lust sie mit der Weisheit, unergründlich, zu be 
rauschen, 
Sah ich sie zu meinen Füßen all' den heil'gen Lehren 
lauschen. 
Gott, der Du der Lilien denkest, die im Felde schön 
er sprießen, 
'Der Du all' die Vögel schützest, die im Flug die Luft 
durchschießen: 
Wirst Du meiner auch gedenken und vergesset: meine 
Sünden ? 
Was ich litt zu Deiner Ehre, wird es nur Vergebung 
künden? . ." 
Das und and'res sann Rhabanus, wie er Gottes Gnade 
fäitde - 
Und von: ersten Frührothstrahle glühten fern die Berg 
gelände ; 
Glühte gold der Kirche Giebel, mld im Hofe sprang vom Rosse 
Ebbo, ihm voraus zur Zelle eilte Hatto, sein Genosse. — 
Ebbo sprach sich tief verneigend: „Gruß itnb Gunst läßt 
Dir entbieten 
König Ludwig, Fürst der Deutschen, wie es Gottes Huld 
j entschieden. 
j Daß Du schwere Unbill littest, ist ihm offenbar geworden, 
j Und Geschehn es gut zu machen, stehen offen Winfrieds 
Pforten, 
: Denn mit ungeteilter Stimme Mainz zum Hirten Dich 
j erwählte, 
1 Den zu solchem hehren Amte herbes Leid und Unglück 
! stählte. 
! Königsgunst und Königsgnade sichert Dir dies eig'ne 
Schreiben: 
! Wirst Tu ihm den Zorn vrgessen, wird er Dir ein 
Freund verbleiben." 
: Zitternd brach Rhaban das Siegel und erhob den Blick 
nach oben: 
I „Herr, ich war es nimmer würdig, nie genug kann ich 
Dich loben!" 
III. Osterfreude. 
Ostern war's und hell erklangen von dem Dom die Glocken 
nieder, 
; Und zum Lobe des Erlösers rauschten frohe Siegeslieder. 
Auf dem Stuhl des heil'gen Winfried saß Rhaban, geprüft in 
Schmerzen; 
Jubelnd drängte sich die Menge; Weihrauch wogt' im Licht 
der Kerzen. 
Abseits in dem Ehore kniete Hunald, in den Augen Thränen, 
Denn die Schuld ließ ihn nicht ruhen und Rhaban vergaß 
sein Wähnen, 
i Und vergab in Vaterliebe, daß er undankbar ihn schmähte, 
j Und noch mehr — daß er beim König Wort und That 
I voll List verdrehte. 
i Auf dem Haupt die weiße Mitra hielt Rhaban den Stab 
in Händen — 
> Seine Jünger, Otsried, Hatto, knieten an des Thrones 
Enden. 
! In den Augen heil'ges Feuer, Rosenfarbe auf den Wangen, 
Knieten sie in Himmelswonnen, von der Andacht Glut 
umfangen. 
i Otsried lallte: „Todbezwinger, groß ist Deine Macht auf 
Erden, 
> Laß mich, Heiland, Dich zu singen, voll deS Himmels 
geistes werden." 
I Hatto flehte nassen Auges: „Laß mich, Gott, Dich ewig 
minnen, 
! Dein sei was ich thu' und trachte, nimm mich hin mit 
Sein und Sinnen." 
Doch Rhaban mit Stab und Mitra schritt jetzt an des 
Altars Stufen, 
! Und gleich einer Weihrauchwolke stieg empor des Herzens 
Rufen: 
! '-„Heil Dir, Schöpfer und Erlöser, der Du unter Engeln 
wohnest, 
| Heil Dir, Gott des großen Weltalls, der Du in den Him 
meln thronest. 
Send' zur Erde Deinen Engel, daß er uns den Frieden 
bringe 
! Und zur finstern Hölle nieder Bruderzwist und Feindschaft 
zwinge. 
> Send'uns Deinen Engel nieder, daß er uns vor Frevel hüte 
> llnd wir ewig Deinen Namen, ewig preisen Deine Güte. 
! Raphael send' auf die Erde, daß er sieche Herzen heile 
Und des Zweifels düst're Nebel durch des Glaubens Licht 
zertheile; 
i Daß er mit dem Flannnenschwerte unsern Erbfeind nieder 
zwinge, 
amit rings Dein Lob erschalle, rings ein Siegeshymnus 
klinge. 
! .. .. 
> ') Nach einem lateinischen Hymnus des Heiligen.
	        

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