Full text: Hessenland (5.1891)

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und verwickelten Streitigkeiten, die nun entstanden 
und beschäftigen uns hier nur mit jener cause celebre, 
welche in der Verhängung der „cura ventris* über 
die Wittwe des Landgrafen Viktor Amadeus gipfelte. 
Unser Bericht darüber stützt sich auf die entsprechende 
Schilderung dieses Zwischenspiels in dem Werke 
von Professor Friedrich Müller „Kassel seit siebzig 
Jahren“. 
Landgraf Viktor Amadeus war dreimal verheirathet. 
Er starb ohne aus diesen drei Ehen legitime Kinder 
zu besitzen. Als nun kur; nach seinem Tode der 
Streit zwischen der kurhessischen Staatsregierung und 
den Landständen bereits auf das Heftigste darüber 
entbrannt war, ob die „Rotenburger Quart“ nun 
als Staatsgut zu betrachten sei, oder ob dem Kur 
fürsten, bezw. dem damaligen Kurprinzen und Mit 
regenten, das Verfügungsrecht darüber zustehe, ging 
von der hinterlassenen Wittwe des Landgrafen, Eleonore 
Maria Walpurga, geb. Prinzessin von Salm-Reiffer- 
scheidt-Krautheim, die Anzeige ein, sie befinde sich in 
gesegneten Umständen und sehe ihrer Niederkunft 
entgegen. Um nun die Unterschiebung eines fremden 
Sprößlings oder noch andere Möglichkeiten zu ver 
hindern, ordnete der Kurprinz-Mitregent die „cura 
ventris“ an, bei der es sich aber mehr um eine 
polizeiliche Vorsichtsmaßregel denn um eine streng 
juristische Auffassung der Sache gehandelt zu haben 
scheint. Mit der Leitung der Geschäfte der „cura 
ventris“ wurde der Geheime Legitationsrath und 
Gesandte am Wiener Hofe Chr. H. W. von Steuber 
beauftragt und ihm zum ärztlichen Beirath der 
Medizinalrath Dr. Vincenz Adelmann von Fulda 
bestellt. Eine Abtheilung der Leibgarde unter Führung 
des Hauptmanns C. Ph. F. Vogeley nahm Quartier 
in dem weitläufigen von der Landgräfin bewohnten 
Schlosse zu Rotenburg. Auch der Oberhofjägermeister 
F. von Baumbach und dessen Gemahlin wurden 
dorthin gesandt, um der beargwöhnten Landgräfin 
ehrenvolle Gesellschaft zu leisten und bei der Beauf 
sichtigung mitzuwirken. Das Schloß und der daran 
stoßende Park waren militärisch abgesperrt, die strengste 
Kontrole wurde bei dem Ein- und Ausgange 
von Personen geübt, und Niemand wurde zugelassen, 
der nicht zu dem nächsten Dienste zählte. Es herrschte 
in dem Schlosse eine strengere Klausur, als in dem 
strengsten Nonnenkloster gehandhabt wird. Es scheinen 
dabei die Maßregeln zum Muster genommen worden 
zu sein, welche man in alten Zeiten in Frankreich 
zur Anwendung brachte, wenn es sich dort um den 
Erben der Krone handelte. Daß das ganze Ver 
fahren vielfach zu den ergötzlichsten Szenen unfrei 
williger Komik Anlaß gab, ist leicht erklärlich. 
Viele Monate waren verflossen, bevor es sich als 
nicht weiter anfechtbar herausstellte, daß sich die 
Landgräfin bei der Angabe der „guten Hoffnung" 
einfach geirrt habe. Sie verließ nunmehr Rotenburg, 
und das Beobachtungspersonal wurde zurückgezogen. 
Der Oberjägermeister von Baumbach erhielt vom 
Kurprinzen das Großkreuz des Hausordens vom 
goldenen Löwen, der Hauptmann Vogeley, der Me 
dizinalrath Dr. Adelmann und der Hofrath Kraushaar 
das Ritterkreuz desselben Ordens. Nicht verschwiegen 
darf es aber werden, daß sich die Mitglieder dieser 
außergewöhnlichen Kommission zur „cura ventris“ 
in ihrer äußerst schwierigen Stellung auf das Takt 
vollste benommen und durch ihr gemessenes und 
rücksichtsvolles Auftreten schließlich noch das rückhalt 
lose Vertrauen der Landgräsin erworben haben. — 
Das Spiel war aus. Ist es richtig, was Professor- 
Friedrich Müller in seinem Werke „Kassel seit siebzig 
Jahren“ schreibt, so wäre es ein bekannter Roten- 
burger Arzt gewesen, der aus Chikane gegen den 
Kasseler Hof die Landgräfin zu dem von ihr be 
obachteten Benehmen veranlaßt habe. Die Landgräfin 
lebte später in Würzburg und starb am 10. November 
1851 zu Raitz bei Brünn in Mähren, 52 Jahre 
alt, an den Folgen eines Sturzes aus dem Wagen. 
A. Z. 
Die Rettung durch den Brabänter der 
Mutter. Am Abend vom 2. Mai 1813 lag ein 
hessischer Soldat, am Beine schwer verwundet, auf 
dem Schlachtfelde von Lützen?) Da nahte, taumelnd 
und nach Schnaps duftend, ein Feldscher dem Ver 
wundeten mit seinen Instrumenten. „Dein Bein 
muß gleich ab“, waren seine Worte. „Um Gotteswillen, 
laßt mir mein Bein!“ „Nein, dein Bein muß ab“, 
wiederholte der Feldscher und schickte sich zur Ampu 
tation an. „Laßt mir mein Bein, es wird schon 
wieder gesund werden“, flehte der Verwundete. Der 
Feldscher aber blieb unerbittlich. Da fiel dem Solda 
ten in seiner Todesangst ein „Brabänter“ (brabanter 
Thaler) ein, den ihm sein Mütterlein beim Abschiede 
aus dem Vogelsberg in den Waffenrock eingenäht 
hatte. Treu hatte er bisher das letzte Andenken be 
wahrt. Rasch trennte er den Rock auf und reichte 
dem Feldscher den Thaler. „Laßt mir mein Bein, 
ich will euch auch diesen Brabänter geben!“ Da ließ 
sich endlich der Feldscher erbitten; er nahm den Thaler 
und ließ dem Verwundeten das Bein. Später wurde 
das Bein glücklich geheilt; nach unsäglichen Drang 
salen erreichte der hessische Soldat wohlbehalten die 
liebe Heimat. Erst vor wenigen Jahrzehnten, in 
hohem Alter stehend, wurde er zur großen Armee 
abgerufen. Nach direkter Ueberlieferung aus dem 
Munde des alten Veteranen selbst erfuhren wir diese 
Rettung durch den Brabänter der Mutter. — 
Dr. A. Y. 
*) In der Schlacht von Lützen fochten die Hessen- 
Darmstädter aus das Tapferste. Sie betheiligten sich in 
hervorragender Weise an der Wegnahme des Floßgrabens, 
nahmen Klein-Görschen und warfen den Feind bis hinter 
Groß-Görschen zurück. 13 Offiziere und 499 Mann der 
hessischen Brigade fielen an diesem Tage, leider für eine 
fremde Sache. —
	        

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