Full text: Hessenland (5.1891)

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werden, den einzigen Sonnenschein: so lange 
das Kind mit den andern spielt, weiß es nichts 
von dem Elend und Aerger daheim. Aber auch 
das von Elternliebe getragene Kind aus wohl 
habendem Hause wird nicht glücklich und froh, 
wenn es in der stillen Stube dahinträumt: mit! 
den andern Kindern, in Spiel und Reigen, geht ! 
ihm erst seine Kinderwelt auf. Und wahr ist's, \ 
was unser hessischer Dichter Justi (Gedichte 1834) j 
von dem Garten der Jugend, wo die Hoffnung j 
und die Freude und die Unschuld den Reigen! 
tanzen, so schön singt: ! 
Wer sinnig genossen ? 
Im Frühling ein Spiel, ! 
Der zagt nicht verdrossen 
Am herbstlichen Ziel, 
Der Frau Hollen Stein. 
Bei Fulda im Walde 
Liegt einsam ein Stein. 
Rings Furchen und Rinnen, 
Wie Perlen so klein, 
Umringen wie schlingende Bänder 
Die Ränder des Steines im Buchenhain. 
Bei Fulda im Walde 
Einst weinte in Noth 
Frau Hold«, die schöne, 
Die Augen sich roth; 
Sie weinte, in Qual und Sehnen, 
Gluththränen um ihrer Liebe Tod. 
Im Walde bei Fulda 
Den Thränenstein 
Schließt längst ein Geflechte 
Von Moosen ein, 
Nur in den Rinnen, den grauen, 
Läßt schauen sich nimmer ein Blüthenschein. 
Denn Thränen der Liebe, 
Vergossen im Schmerz, 
Erweichen selbst Steine 
Und höhlen das Erz, 
Und wo sie glühend zerflossen: 
Da sprossen nicht Keime mehr himmelwärts. 
Hark F»reser. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Eine „cura ventris.“ Das haben sich 
die alten römischen Juristen gewiß nicht träumen 
lassen, daß das prätorische Edikt der „cura ventris“ 
zweitausend Jahre nach seiner Einführung noch in 
dem hyperboreischen Norden, im Lande der Chatten, 
deren Name ihnen damals noch gar nicht bekannt 
war, zur Anwendung kommen würde. Es war zu 
Er stärkt sich zum Wallen 
Nach lichteren Höh'«. 
Wenn Stürme die Hallen 
Des Vorhoss umweh'n. 
Deshalb, hast Du auch, freundlicher Leser, 
und Du, schöne Leserin, manchmal Dein kluges 
Haupt über diese Liedchen geschüttelt, wir sind 
Dir. darum nicht gram, wenn Du nur einmal 
dabei rechts innig Deiner seligen Kindheit wieder 
gedacht hast. Sie kehrt nicht wieder, die goldene 
Zeit, und doch braucht sie auch in den Gefahren 
und' dem Ernste des Lebens niemals zu ent 
schwinden! Drum sei unser Schlußwort: 
Frischen, reinen Jugendsinn erhalte Dir allzeit! 
Anfang des Jahres 1835 in der althessischen Stadt 
Rotenburg, daß die „cura ventris“ über keine 
Geringere als die Wittwe des letzten Landgrafen 
von Hessen-Rotenburg, Viktor Amadeus, unter Um 
ständen verhängt wurde, die den ausgiebigsten Stoff 
zu Wttzeleien und Spöttereien darboten. Die ältesten 
Rotenburger, welche den Vorgang miterlebt, wissen 
heute noch viel Seltsames davon zu erzählen. Doch 
zur Sache selbst. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, 
mit dem Beinamen „der Gelehrte“, hatte, um sich 
den durch seine Eigenwilligkeit von innen und außen 
einstürmenden Bedrängnissen zu entziehen, am 17. März 
1627 die Krone niedergelegt. Während ihm nun 
sein Sohn aus erster Ehe, Landgraf Wilhelm V., in 
der Regiernng folgte, hatte er wenige Wochen zuvor, 
am 12. Februar 1627, festgesetzt, daß zur Sicherung 
seiner Kinder ans zweiter Ehe diesen ein mit den 
niederen Hoheitsrechten ausgestattets, dem vierten 
Theile des Landes gleichkommendes Besitzthum über 
wiesen werden sollte. Dasselbe hatte seinen Mittel 
punkt in der Stadt Rotenburg und erhielt deshalb 
den Namen „Notenburger Quart“. Es bestand aus 
den Aemtern Rotenburg, Wanfried, Sontra, Eschwege, 
dem Gerichte Bilstein, der Stadt Witzenhausen, dem 
Amte Ludwigstein und der Herrschaft Plesse. Für 
den Fall des Aussterbens der mit diesem Besitzthume 
dotirten jüngeren Linie des Fürstenhauses war ein 
Heimfall an das ältere regierende Stammhaus 
von Hessen-Kassel vorbehalten. Dieses Ereigniß trat 
nun im November des Jahres 1634 ein. Der letzte 
Landgraf von Hessen-Rotenburg, Viktor Amadeus, war 
am 12. November des genannten Jahres auf seinem 
Schloß Zembowitz in der oberschlesischen Grafschaft 
Ratibor, die ihm als Allod gehörte, plötzlich 
am Schlagflusse im Alter von 55 Jahren gestorben. 
Mit ihm erlosch die Nebenlinie Hessen-Rotenburg, 
und die Rotenburger Quart fiel an die Hauptlinie 
Hessen-Kassel zurück. Wir übergehen die endlosen
	        

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