Full text: Hessenland (5.1891)

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ausgeschmückt war, geboren, wo nicht lybischer 
und phrygischer Stein noch die Felsen der Lakonier 
(b. h. die verschiedenen Marmorarten) glänzten, 
sondern alles Holzwerk mit Lehm nebst Rohr 
und Schilf und Sumpfbinsen bekleidet und aus 
gefüllt war. Hier bekam er den Namen Heinrich, 
entweder nach des Vaters Willen oder der Mutter 
Wunsch — letztere Sitte herrscht noch bei uns, 
wie sie bei den alten Griechen häufig war, bei 
denen nach Herodians Zeugniß den Kindern die 
Namen nach dem Wunsche der Mutter beigelegt 
wurden. Nachdem er nun zwischen den Esel- 
und Schafställen groß geworden war, wurde er 
endlich nach Marburg, der berühmten Hauptstadt 
Hessens und dem berühmten Denkmale der 
hl. Elisabeth, zu einigen breiessenden Guglern 
(ack guosckam oucullat08 atharaphagos), die 
man Lullarden nennt, vom Vater, dem Dorf- 
schulzen Kunz, (a patre comarcho Cuntio) hin 
gebracht, um sich — gleichviel mit welchem 
Erfolge — den Wissenschaften zu widmen. Unter 
solchen Oberfeldherrn des literarischen Kriegs 
dienstes diente er als Rekrut (n6optotemu8), 
solche Lehrer des Blödsinns, die nur für ganz 
Rohe und Ungebildete passen, wühlte er sich aus. 
Der Eingeweidetopf fand einen würdigen Deckel. 
Als er nun in dieser Schule der Unwissenheit 
nach dem Alpha und Beta die Theile des Alexander 
de Villa Judaei') und gewisse grammatische un 
regelmäßige Regeln und Modi und Casus, doch 
nicht ohne schweren Schaden an seinem Geiste, 
in sich aufgenonimen, wendete er sich auch den 
Dichtern zu und hörte zu den Füßen des Frater 
Johannes von Kassel fleißig die Kommentare 
und interlinearen Glossen zu dem „Gräzisten 
Floristen" Alanus^) und dergl. Dichtern. Darnach 
(8ubinck6) ging er auch nach Erfurt, als zu 
einer höheren Schule, trieb sich aber mehr auf 
den freien Plätzen, die von den gewölbten Nischen 
Cavaten heißen 2 3 ), als in den Hörsälen der 
Magister herum. Jedoch weiß ich nicht (viel 
leicht geschah es im Traume), woher er eine 
solche Raserei angenommen hat, daß er ganz 
unerwartet sich sogleich öffentlich als Grammatiker. 
Rhapsoden, Redner und Dichter ausgab, obwohl 
>) Trivialer Witz statt de Villa Dei, ein Schul- 
grammatiker des 13. Jh. 
2) „in Alanum Floristam Graecistam“. Alarms de 
Insults (t 1202) schrieb eine Blüthensammlung (daher 
spöttisch Florista) unter dem Titel Anticlaudianus, wovon 
ein Auszug, Florilegus, zu Köln 1505 gedruckt ward. 
Gräzist heißt er gleichfalls spöttisch, weil er sich auch in's 
Griechische verstieg. 
3) Die Gewölbe am Erfurter Dom, welche nach außen 
geöffnet, damals einen Schlupfwinkel für allerlei liederliches 
Volk, insbesondere Dirnen, bildeten. (Freundliche Mit 
theilung des Herrn Stadtarchivars Dr. Beyer in Erfurt.) 
er kaum den einen oder andern Vers von schlechtem 
Bau mit seinem langsamen Geiste zu schmieden 
gelernt hat. Damit aber der gewöhnliche und 
! verbreitete Name, den er führte, seinem wachsen- 
j den Ruhme nicht hinderlich sei und ihm nicht 
j im Wege stehe, um als neuer Dichter in den 
! Mund der Leute zu kommen, so entlehnte er, 
seinen alten Namen mit Verachtung aufgebend, 
einen neuen, der nach der musischen Richtschnur 
und Feile gleichwie mit einem Käsemesser geschabt 
und von einer Art neuen dichterischen Räucher 
werkes durchzogen war. Aus dem sonst an 
ständigen Namen Heinrich wurde Ricius gemacht: 
mit einem Verstoße gegen seinen christlichen 
Taufnamen schob er statt des ächten und wahren 
einen windigen und frivolen Namen unter, um 
dadurch die dichte Wolke seiner Unwissenheit — 
was aber wider sein Erwarten geschah — vor 
aller Augen darzulegen." Nachdem Thilonin 
hier zur Belehrung seiner Leser einen sechs Seiten 
langen Exkurs über die Namengebung der Alten 
eingeschaltet hat, wendet er sich wieder zu seinem 
Gegner, um auch seinen zweiten Namen Cordus 
lächerlich zu machen. Derselbe habe sich, sagt 
er, mit jener einen Namensverderbniß nicht 
begnügt, denn ein Irrthum pflege selten allein 
zu kommen; er habe sich, um für einen Dichter 
zu gelten, noch einen zweiten Namen, Cordus, 
„erlogen". Das aber bedeute nicht, wie jener in sei 
ner Unwissenheit geglaubt, „spätgeboren", sondern 
„spät reif", „spät gewachsen", und bezeichne also 
einen Spätling an Körper und Geist hinsichtlich 
seines Wachsthums und seiner Entwickelung. l ) 
Damit schließen Thilonins Enthüllungen über 
Cordus. Die beiden angeführten Abschnitte er 
gänzen einander auf's Beste. Wenn gesagt wird, 
daß Cordus von der Marburger Schule der 
„Gugler" gleich nach Erfurt gegangen sei, so ist 
damit sein erster Erfurter Aufenhalt gemeint, 
der, wie wir oben fanden, ganz oder zum Theil 
zwischen die Jahre 1504 und 1509 fallen muß. 
Wichtig ist auch die Angabe, daß Cordus sehr bald 
nach dem Eintreffen in Erfurt sich in der Dichtkunst 
versucht und sich daher den Namen Ricius Cordus 
zugelegt habe. Auf den Titeln seiner Gedichte be 
gegnet dieser Name uns zum ersten Male 1509, und 
zwar bei der Threnodie auf Wilhelms II. Tod. 
0 Thilonin hat hier, was den Sprachgebrauch anlangt. 
Recht. Wenn Cordus die Bezeichnung des Grummets als 
foeiium cordum t Spätheu) anführt, so ist doch dieses 
„spät" nicht in seinem Sinne gejagt. Jedenfalls hat er 
den ursprünglichen Sinn etwas umgedeutet, wozu er aber 
völlig berechtigt war. 
„Autumnale velut sero sub tempore cordum, 
ultimus eiietae sic ego natus eram.“ 
lEpigr. II, 46).
	        

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