Full text: Hessenland (5.1891)

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Fest des Bacchus, die ich mehr aus eitler Ruhm 
sucht (wie es jenes Alter thut) als aus wissen 
schaftlichen Gründen veröffentlichte. Da ich aber 
an einer Stelle einen Fehler gegen das Silben 
maß begangen, so wüthete er, obwohl ich die 
durch die schlechte Feile und Nachlässigkeit ein- 
aeschlichenen Versehen verbessert hatte, mit ver 
schwenderischer Zunge den Wall der Zähne 
öffnend, mit einem schrecklichen Wortschwalle gegen 
Thilonin und suchte meinem Namen einen Makel 
anzuhängen. Er machte damals zwei nichts- 
würdige, mit allem Schmutze besudelte Wandverse 
auf mich, unterdrückte aber seinen Namen. Ich 
hatte, wie ich gestehe, unseren Eobanus Hessus 
in Verdacht, mit dem ich heute durch einen 
herkulischen Knoten in Freundschaft und Bruder 
liebe verbunden bin; denn unsere Freundschaft 
war noch jung und schwächlich. Derselbe aber 
ergriff, sobald er meinen Verdacht erfuhr, sofort 
zu seiner Rechtfertigung das Plektrum und machte 
aus dem Stegreife nicht ohne Anmuth auf Cordus 
Ricius folgende Verse" — es folgen hier si.'ben 
Distichen, ein recht jugendliches, unbeholfenes 
Machwerk, das den anonymen Angreifer in die 
Unterwelt wünscht. „Doch sättigte", fährt 
Thilonin dann fort, „jener den Hunger seines 
Widerspruches nicht. Auch gegen Eoban, den ich 
den Erzelegiker nennen möchte (so aus dem 
Stegreife und zierlich sind seine Elegieen), fuhr 
er nun, die Zügel schießen lassend, mit vollem 
Winde los. Aber wen hätte der elende Mensch 
verschonen sollen, der einst sich nicht enthielt, 
seinen eigenen Lehrer, den er als Kind gehabt, 
allzu bitter mit dem Schermesser des Neides und 
der Herabsetzung zu scheren? Endlich begannen 
auch ich und Eoban mit dem Backzahne ein 
zuhauen, da wir allzu gereizt waren, damit er 
nicht mit dem gegen uns begangenen Unrechte 
bei dem großen Haufen noch prahlte. Unser 
Hessus schrieb ein Gedicht zur Zurückweisung 
des Menschen. Auch ich schrieb eine Elegie, 
freilich etwas bissig, wie die jugendliche Hitze 
es mir eingab. Später habe ich sie veröffentlicht, 
doch war sie von anständigerem Schatten geschützt, 
nämlich durch die Unterdrückung seines Namens. 
Ich war noch auf die Ehre des Menschen bedacht, 
von dem zu erwarten stand, daß er einst sein 
Benehmen bereuen würde. Dieser Stachel des 
alten Neides ist jetzt von Neuem gegen mich 
am Rade der Mißgunst gewetzt worden." 
So kehrt Thilonin wieder zur Gegenwart 
zurück und erzählt nun, wie Cordus eine Ekloge 
gegen ihn geschrieben oder vielmehr eine längst 
zusammengeflickte veröffentlicht habe (somit scheint 
die Ekloge gleich als Einzeldruck herausgegeben 
zu sein). Er berichtet mit Genugthuung von 
dem Spott und Tadel, den Mutian darüber 
ausgesprochen und sogar in Verse gekleidet durch 
den zufällig bei ihm weilenden Gast Johann 
A e sti cam p i a n u s') an die Erfurter übermittelt 
habe. Einige dieser Spottverse, deren Inhalt 
Thilonin aus dem Gedächtnisse anführt, sind 
uns noch in dem Mutianischen Briefwechsel auf 
bewahrt. 2 ) 
Ehe wir in der Erzählung Thilonins weiter 
gehen, wollen wir aus dem Bisherigen das Er 
gebniß ziehen. Es kann keinem Zweifel unter 
liegen , daß Thilonin deutlich zwischen dem 
Aufenthalte des Cordus in Erfurt 1513 und 
einem früheren unterscheidet. Dieser erste Aufent 
halt muß eine ganze Reihe von Jahren zurück 
liegen, weil Thilonin unter Anderem sagt, daß 
damals sein jugendliches Blut noch heißer gewallt 
habe. Damals war auch Eobanus Hessus in 
Erfurt, und da er dasselbe 1509 verließ, um 
erst 1514 zurückzukehren, so ist gewiß, daß jener 
erste Erfurter Aufenthalt des Cordus zwischen 
die Jahre 1504 und 1509 fallen muß. 
Thilonin berief sich, wie wir sahen, um Cordus 
möglichst schwarz zu färben, auf das spöttische 
Urtheil des anerkannten literarischen Zensors 
Mutian. Hätte er aber auch Mutians Urtheile 
über ihn (Thilonin) gekannt, die wir aus den 
Briefen kennen lernen, so würde er wohl etwas 
gelindere Saiten aufgezogen haben. Aber er 
geht noch weiter und greift zu niedrigen Vor 
würfen, die uns seinen Charakter in üblem Lichte 
zeigen. Um Cordus als Kind des niederen 
Volkes, als ungebildeten und völlig unwissenden 
Menschen hinzustellen, erzählt er die Geschichte 
seiner Herkunft und Jugendbildung folgender 
maßen t 
„Ricius Cordus ist in Simtshausen, einem 
unbekannten Dorfe Hessens, geboren, mit den 
väterlichen Sitten geziert, ein Mensch von größerer 
Redefertigkeit als Beredsamkeit, dessen unter 
laufene Äugen und Gesicht beweisen, daß ihm 
die Bosheit des Neides angeboren ist. Ihm hat 
im aufsteigenden eigenen Hause Saturn bei einem 
Tagesaspekte nebst der Dreifaltigkeit des Mars 
das Horoskop gestellt. °) Als Kind im Angesichte 
der Erde vom Mutterschovße empfangen, in der 
väterlichen Hütte und in dem ärmlichen Häuschen, 
das nicht von ausländischem Marmor herrlich * 8 
>) Zoh. Rhagius aus Sommerfeld, ein humanistischer 
Wanderlehrer kehrte im Juli 1513 bei Mutian in Gotha 
ein. Krause, Mutians Briefw. S. 337. Gillert l, 385. 
r) Die Verse im Briefe Mutians an Urban (Juli 1513). 
Krause, Nr. 264. Gillert, Nr.279. Vgl. Choleamyn- 
ter. F. 3 a. 
8 ) „Cui in ascendente domo propria Saturnus intutu 
diurno cum Martis triplicitate fecit oroscopium.“ 
Soll wohl heißen: ist ein von Natur zorniger und streit 
süchtiger Mensch.
	        

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