Full text: Hessenland (5.1891)

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„Oft schon las ich in dem Buche, das in seinen jungen 
Tagen 
Eigil schrieb von Sturmi's Leben, harten Leiden, schweren 
Plagen. 
Dort fand ich's geschrieben, wie einst Königsungnad' ihn 
getroffen, 
Daß er fern den treuen Brüdern schmachten mußte sonder 
Hoffen. 
Doch gedachte Gott des Dieners, offenbarte seine Treue, 
Und es sandt' ihn Pipin wieder, Fuldas Abt zu sein aufs 
neue. — 
Fromm und gut, so wie einst Sturmi, war Rhaban, doch 
auch im Leiden 
Sollt' er unsrem Vater gleichen, und der König heißt ihn 
scheiden. 
König Ludwig heißt ihn scheiden, nun der Schutzherr unsrer 
Pforten, 
Und zu folgen ist es räthlich eines starken Königs Worten. 
Einer nur ist starke Stütze, weil da schützen Himmelsmächte, 
Menschenkraft ist schwache Hülfe; alle sind des Einen Knechte. 
Menschenschutz ist schwache Stütze und er wechselt wie die 
Blätter, 
Die des Herbstes Wind vorstürmet bei des Herbstes trübem 
Wetter. 
Was der Herr des Himmels fügte, nimmer sollen's Menschen 
trennen. 
Wer des Abtes Scheiden heischet, treulos muß ich diesent 
nennen!" 
Das und and'res sprach noch Otsried; doch was fromme 
alles Warnen, 
Wenn die Herzen Neid und Zwietracht, die verschwistert, 
jäh umgarnen? 
Das und manches sagte Otsried, doch er sagt' es tauben 
Ohren, 
Und vergebens war sein Mühen, all' sein Reden war ver 
loren.— ^ 
„Räthlich ist's", rief Hunald weiter, Zeines Königs Wort 
zu hören: 
Hat Rhaban des Königs Zürnen angefacht, soll's uns 
nicht stören; 
Lothar, dem er treu gedienet, mag ihn jetzt dafür belohnen, 
Und zu ihm mag er sich wenden, doch mit Streichen mich 
verschonen! . . ." 
„Lästerzunge!" herrschte Hatto, „also kannst Du den noch 
kränken, 
Der bei Königsungnad' einstens bat, das Leben Dir zu 
schenken! 
Der Du einst mit Bernhard buhltest, Königskronen zu 
erjagen. 
Möchtest wohl, Du Szepterjäger, wenigstens den Krumm 
stab tragen! 
Weil Du geiztest, ließ er zahlen. Dir mit Streichen, doch 
den Armen 
Und den Kranken ließ er geben, Huld zu üben und Erbarmen. 
Gab's je einen bessern Vater für die Armen, für uns alle? 
War's nicht er, der uns geleitet in der Weisheit hehrer Halle ? 
Streng! — Wohl war er streng, wenn einer sich um Milde 
nicht wollt' kehren, 
Doch dem Guten galt sein Leben mehr denn alle andern 
Lehren." 
Hunald höhnte: „Sag doch Hatto, sag, wer lehrte dich so 
reden? 
Warst doch sonst so still und spannest lieber der Gedanken 
Fäden! 
Zwar wie spitze gist'ge Pfeile schnellen heut aus Deinem 
Munde 
Spitze Worte, doch vergebens, Hatto, jetzt zu dieser Stunde. 
Spät zwar, doch es kam die Stunde, und ich kann die 
Streiche rächen: 
Floh vom deutschen Rheine Lothar, mag des Abtes Starr 
sinn brechen. 
Ende ward nun all den Wirren, nimmer soll uns das 
verdrießen. 
Gab uns Gott den rechten König, dürfen wir nicht anders 
kiesen. 
Seinen Schirmherrn zu mißachten wird dem Kloster wenig 
frommen; 
Hackt man ab des Stammes Wurzel, ist dem Baum der 
Saft genommen." 
Otsried mahnte: „Daß ihr also schnöd verrathet unsern 
Meister, 
Mag euch schlecht und schmählich lohnen, nimmer rathen's 
gute Geister. 
Was bekümmert's fromme Mönche, wenn in wilden Raben 
kriegen 
Rabenbrüder sich zerhacken, um in fremden: Nest zu liegen! 
Einer nur ist unser König und das ist der Herr der Herren: 
Diesem beugen all' die Kniee, die sich da einander zerren. 
Und Rhaban ? — Er stand und lauschte. Manches Wort 
wohl möcht ihn kränken, 
Doch er trug's voll Duldermuthes seinem Heiland zum 
Gedenken. 
Erst als aller Wunsch und Wille kundgeworden, winkt er 
Schweigen, 
Und die Mönche, ihn zu hören, leise ihre Häupter neigen. 
„Lothar, meinem Kaiser dient' ich, weil ich dort das 
Recht gefunden. 
Irrt' ich — war's ein menschlich Irren, irrt ich — ist der 
Wahn geschwunden. 
Haß und Hader auszusäen war mir ferne; hadern, hassen 
Mögen sich die Bösen, einig stets die Guten sich umfassen. 
Daß der Brüder Blut geflossen, konnt' ich's wehren? — 
Konnt' ich's wissen, 
Daß nur Gier und böse Triebe wirr die Geister fortgerissen? 
Karl, der mächt'ge Geistesriese, baute einst, so weit die Erde, 
Einen Dom zu Gottes Ruhme, er der Bauherr mit dem 
Schwerte; 
Und wie er allein einst herrschte, durft' nur einer ihn 
beerben, 
Denn nur einig können Reiche Mark und feste Macht 
erwerben. — 
Doch genug! — Nicht mit euch hadern will ich, da der 
Herr entschieden; 
Fand ich Undank, will ich's tragen, gleich ich dann dem 
Herrn hienieden. 
Werd' ich grollen? Gott bewahre! Ließ Allvater es 
geschehen, 
Dürfen Menschen nimmer murren, und in Frieden will ich 
gehen. 
Und in Frieden will ich ziehen, wo der Herr mir Arbeit gebe; 
Meinen Brüdern treu zu dienen, will ich schaffen, weil ich 
lebe." 
Thränen in den treuen Augen legt er Stab und Insul nieder ; 
Und wohl manchen, der's gesehen, reuten seine Worte wieder. 
Und im Westen sank die Sonne, müde von der weiten Reise; 
Traurig zirpt' in hoher Erle Winterahnung Fink und Meise. 
Und beim nächsten Frührothlichte schritt ein Wand'rer aus 
dem Walde; — 
Schweigen rings, verlor'ner Schrei nur eines Raben fern 
her hallte. — 
Wo zu Thal die Bode stürzet und vorbei an Wigbert's 
Mauer 
Weithin rauschend sich ergießet, eine Ammer zirpt in Trauer: 
„Haymo, Denkst du noch des Freundes ? Zu Dir kommt 
ein müder Waller, 
Nimm' ihn auf und pfleg' ihn, Haymo, denn er ist der Beste 
aller. 
Nimm ihn auf und pfleg' ihn Haymo, Gott wird Dir die 
Liebe lohnen;
	        

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