Full text: Hessenland (5.1891)

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ihre Augen hatten ihn gestreift, und sie verfolgten 
ihn bis in seine goldenen Träume hinein. Er 
war glücklich! Was die Leute andeuteten, mußte 
Lüge sein, vom Neide geborene Vermuthungen, 
wie sie der Schönheit und Jugend an den Fersen 
haften. Es konnte keine Dame geben, die zuttck- 
haltender war als sie, und hielt sie ihn selbst 
nicht in gemessenen Schranken, als ob sie eine 
Fürstin wäre? Die Besuche, die er bei ihr 
wiederholte, überzeugten ihn mehr und mehr von 
ihrem Werthe, und daß etwas eine Frau Kom- 
promittirendes in ihrem Leben läge, das konnte 
bei ihrer Unnahbarkeit nicht möglich sein. Er kam 
ihr allmälig näher und fühlte im Laufe der 
Zeit mehr als einmal, daß ihre Augen, wenn 
sie sich unbeachtet glaubte, in weichem Flimmern 
auf ihm ruhten. Er hatte sich ihr gegenüber 
auch nichts zu Schulden kommen lassen, seine 
Lippen hatten nicht einmal ihre Hand gestreift. 
Aber heute Abend im Konzerte, bei der fremden, 
leidenschaftlichen Musik von Berlioz, war es ihm 
heiß bis zum Herzen gestiegen. 
„Wie die Robert schön ist," hatte während 
der Pause ein Herr, der hinter ihm saß, zu 
seinem Nachbar gesagt, „daß muß ihr der Neid 
lassen." 
„Ja, eine vollendete Formenschönheit, aber 
dennoch, mich würde sie niemals erwärmen, auch 
dann nicht, wenn " 
Er hörte nicht weiter, die Musik begann, nur 
in die weichen, säuselnden Töne der Violine hin 
ein streifte noch ein Name sein Ohr. 
Er hatte diesen Namen schon öfter vernommen 
und haßte ihn. Er wußte nicht, warum, der 
Mensch ging ihn nichts an —, ein reicher Roue, 
der sich die schönsten Frauen und Pferde kaufte, 
der aber nicht emmal zur Aristokratie zählte, ein 
Parvenu, mit dem ein anständiger Mensch keine 
Gemeinschaft hat! 
Und er senkte das Gesicht, lauschte der Musik 
und träumte sich in die Seele der Künstlerin 
hinein, die ihm gegenüber saß. All' sein eignes 
reiches Innenleben mit der glühenden Farben 
pracht eigenen Empfindens, alle die goldenen 
Träume paradiesischer Liebe, die lieh er ihr selbst 
und berauschte sich, von den Tönen gehoben, in 
eine Stimmung, die ein göttliches Glück verhieß. 
Das Konzert war zu Ende. Er zog seinen 
Pelz um die Schulter und folgte ihr. 
Auf der Treppe, im Chaos von Mänteln und 
Shawls, hatte er sie beinahe vorloren, aber am 
Ausgange, auf dem Platze angekommen, sah er 
sie neben der Mutter über den Schnee der Straße 
schweben. 
Die Nacht war hell, das blasse, kalte Mond 
licht lag geisterhaft über den Giebeln der Häuser 
und verlieh der großen Reiterstatue inmitten des 
Platzes gespenstisches Licht. Ueber dem Schnee der 
Mauer, seitwärts, glitzerten die kahlen bereiften 
Kronen der Bäume, sie gaben der Nacht ein 
seltsames Leben. Der Baron bemerkte nichts. 
Seine Augen hingen an den beiden Gestalten, 
die ihm jetzt nur noch um wenige Schritte vor 
aus waren. Sein Herz jagte. Er hatte niemals 
auf Erden etwas so ausschließlich und schranken 
los geliebt wie sie! Was er ihr heute Abend 
sagen würde, das mußte sich über sie ergießen 
wie ein lang zurückgedämmter Strom der, über 
Klippen und Gestein rollt, einerlei was er dabei 
vernichtet. 
„Cäcilie!" Der Name drängte sich jubelnd 
aus seinem Herzen herauf, aber dann erstarb 
er in jähem Tode auf seinen Lippen. 
Da — nein, er träumte nicht — da, dicht 
vor ihnen stand ein Herr an dem geöffneten 
Schlage des Wagens und erwartete sie. Sie 
stiegen ein, zuerst die Mutter, dann sie, dann 
er! Der Schlag fiel geräuschvoll in seine Angeln, 
und die Räder knisterten schwerfällig über den 
Schnee. 
Also doch — verkauft! Der Blitz hatte ge 
troffen und war verheerend in die Blüthen seiner 
Seele gefahren! Der Name des Mannes — o, 
er wußte es jetzt, warum er ihn gehaßt hatte 
— gehaßt bis in den Tod hinein! Seine Zähne 
schlugen auf einander —, er fühlte physischen 
Schmerz. 
Als seine Augen wieder die Gegenstände zu 
gewahren begannen, stand er allein inmitten des 
Weges. Die Menschen hatten sich verlaufen —, 
nur einige in Pelz gewickelte Droschkenkutscher 
tappeten ihren Wagen entlang, ermunterten von 
Zeit zu Zeit ihre Pferde oder stießen auch wohl 
drastische Flüche aus über die unmenschliche Kälte 
der Nacht. 
Der Baron raffte sich auf und versuchte weiter 
zu gehen. Sein Schritt war nicht mehr elastisch 
wie vorher, er hatte das Gefühl, als habe er mit 
Jemandem zu thun. den er nicht kannte. Er 
Er brauchte Willenskraft zu Allem, was er that, 
auch zu seinem Denken. Aber diese Willenskraft 
hatte nichts gemein mit seiner Person. War 
er todt, trieb ihn nur ein fremdes Gesetz? 
Er ging mechanisch durch die nächste Straße 
bis zu den Anlagen, über welchen die Grabesruhe 
der Nacht lag. 
Was er wollte, das wußte er nicht. Er wußte 
auch nicht, was mit den Gedanken werden sollte, 
die in den letzten Monaten seines Lebens sich 
ausschließlich mit ihr beschäftigt hatten! Während 
das Alles schwer durch seine Seele ging, fuhr 
dieselbe Kälte in sein Herz hinein, die seine 
Glieder durchschüttelte. 
O Gott, wie er sich fürchtete vor dem Leben,
	        

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