Full text: Hessenland (5.1891)

300 
nur, daß sie mit ihren Blumenkörben und Ein 
ladungen kein williges Gehör fanden. 
Von ihrem sonstigen Leben hatte er nur 
Weniges in Erfahrung gebracht, es drängte ihn 
auch nicht sonderlich dazu. Man hatte zuweilen, 
wenn von ihr die Rede war, eine Bemerkung 
fallen lassen, überlegen gelächelt, als wisse ein 
Jeder was in ihrem Leben lüge; die Frage aber, 
die dann über seine Lippen wollte, blieb un 
gesprochen. Er hatte das vage Gefühl, als könne 
mit einem einzigen Worte etwas in ihm zerstört 
werden, etwas Unersetzliches. Er liebte Cäcilie 
Robert, er war entschlossen sie zu seinem Weibe 
zu machen, wenn er nur ein einziges Mal mit 
ihr gesprochen haben würde, und einmal diese 
Augen in die seinen tauchten, wenn er wüßte.... 
O Gott, er konnte es nicht ausdenken, er liebte 
sie. und selbst für sie Wrben zu können, dünkte 
ihm Glück. 
Ein ihm bekannter Maler, der eben aus Eng 
land gekommen war, wo er Jahre geweilt hatte, 
und dem er sich anvertraute, ersann endlich eine 
List, um ihm zur Möglichkeit zu verhelfen, sich 
ihr zu nähern. Er malte das Bild der Künst 
lerin nach einer Photographie und bat sie schrift 
lich, ihr dasselbe überreichen zu dürfen und ihm 
Tag und Stunde zu nennen, wann sie zu sprechen 
sei. Die Dame, die sonst niemals Herren bei 
sich sah, machte wirklich eine Ausnahme und 
willigte ein, ihn zu empfangen. Statt seiner 
sollte nun der junge Diplomat — das kleine 
Gemälde im Papier — den verhängnißvollen 
Weg nehmen. Der Maler, sein Freund, war 
plötzlich krank geworden, es konnte nichts Auf 
fälliges dabei gefunden werden, wenn er denselben 
vertrat. Aber dennoch jagte sein Herz, als er 
sich auf den Weg begab, und vor ihrer Thür 
angekommen zitterte ihm der Finger, den er auf den 
Knopf der Glocke drückte. 
Wenn er nicht angenommen würde! Er ver 
nahm Tritte im Korridor, man öffnete behutsam. 
„Werden Sie mich dem Fräulein melden?", 
sagte er, seine Karte in dem Portefeuille suchend, 
zu der Dienerin, die ihm gegenüberstand. 
„Das Fräulein empfängt nicht", entgegnete 
sie schnippisch. 
„Aber ich habe etwas abzugeben von dem 
Maler Kühne, das Fräulein muß sich erinnern, 
er ist plötzlich krank geworden und möchte doch 
sein Wort halten, bitte, sagen Sie das dem 
Fräulein." 
Der junge Diplomat hatte schüchtern gesprochen, 
als stände er zum erstenmale im Examen, und 
nachdem die Zofe mit der Karte verschwunden 
war, athmete er erlöst auf. 
Würde sie ihn abweisen? 
Er stand noch immer klopfenden Herzens auf dem 
gleichen Platze, als sich abermals Schritte näher 
ten, und die Thür vorsichtig, als fürchte man 
einen Dieb, geöffnet wurde. 
Diesmal war es die Mutter, das erkannte 
der junge Mann sofort an den Spuren ähn 
licher Schönheit, die das Gesicht der alternden 
Frau noch immer auszeichneten. Sie machte 
allerlei Einwände, „daß ihre Tochter nicht zu 
sprechen, daß sie sehr beschäftigt sei rc."; aber 
schließlich siegte doch die Vertrauen erweckende 
Erscheinung des jungen Mannes, und sie sagte 
in jenem eiteln, überlegenen Tone, wie ihn halb 
gebildete Mütter gefeierter Töchter anzunehmen 
pflegen, „daß sie einmal eine Ausnahme machen 
und es riskiren wolle, den Herrn Baron ein 
zulassen." 
Also endlich. Es dauerte nur noch einige 
Sekunden, und er stand der jungen Dame gegen 
über, die seit Monaten der Inbegriff seines 
Denkens und seiner Träume gewesen war. 
Sie sah blendend schön aus, fast noch schöner 
als auf der Bühne, und wie war sie sittig, be 
scheiden und anspruchslos in Allem, was sie 
redete. Wie seine Augen sich in ihre Züge ver 
senkten und seine Ohren aufnahmen, was sie 
mit ihrer sanften Altstimme sprach! 
Er hätte nicht gewagt, ihr eines jener banalen 
Worte zu sagen, die sonst Herren schönen Damen 
gegenüber zu Gebote stehen. 
Er sprach ihr von ihrer Kunst, von der Auf 
fassung ihrer Rollen, brachte hier und da sogar 
einen kleinen Tadel vor, der immer seine Be 
rechtigung hatte, und über welchen die Künstlerin 
dankbar schien. Er verstand die Kunst, der 
junge Baron, er hatte eine schönheitsdurstige 
Seele, nach allen Richtungen hin, und schließlich 
war es die Künstlerin, die ihm lauschte und ihm 
beim Abschiede sogar versicherte, daß sie von ihm 
gelernt habe. 
„Darf ich wieder kommen?", fragte er, sich tief 
verneigend, ohne nach der schönen Hand zu greifen, 
die eben über die Spitzen ihres Kleides strich. 
... „Ich habe wenig Zeit," gab sie artig zurück, 
„aber zuweilen ein kleines Plauderstündchen, in 
welchem Sie mich ungenirt tadeln dürfen." 
Sie hatte bei den letzten Worten gelächelt, 
und als der Baron langsam die Treppe hinunter 
ging, dachte er nur an dieses Lächeln, es hatte 
die regelmäßigen Formen ihres Gesichtes so 
wunderbar verschönt. Wie wäre es möglich 
gewesen, daß jemals ein anderes Weib ihm dieses 
Lächeln vergessen machen könnte? War es nicht, 
als habe die Frühlingssonne sich über ihre Züge 
gelegt und die Gefühle ihrer Seele lebendig ge 
küßt? Abends stürmte er in's Theater, er 
wußte ganz genau, sie spielte eine unwesent 
liche Rolle in einem unwesentlichen Stücke, aber
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.