Full text: Hessenland (5.1891)

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207) Jammer ja hier und da, 
Was ich euch kann sagen. 
Hab' verloren meinen Schatz, 
Schließt mir auf den Garten. 
Traurig, traurig, immer traurig, 
Hab' verloren meinen Schatz. 
Will mal zuseh'n auf diesem Platze, 
Db ich ihn nicht finden kann. 
Ja, ja, das ist mein Schatz, 
Der mich so betrogen hat. 
In den Kreis der singenden Kinder tritt eins 
bei den Worten: „Schließt mir auf den Garten", 
hält sich bei „Traurig, traurig" die Hände, als 
ob es weinte, vor die Augen; sucht sich bei 
„will mal zuseh'n" einen Schatz aus den andern 
und tanzt mit dem wiedergefundenen Liebchen 
im Kreise herum. (Lewalter I, 29). — Der 
zweite Theil des Liedes entstammt einem Liede, 
das ältere Leute sich erinnern, als Kinder so 
gesungen zu haben: 
208) Traure, traure, übertraure, 
Hab' verloren meinen Schatz, 
Will mal seh'n in diesem Garten, 
Db ich ihn wohl finden kann. 
Ja, ja, das ist mein Schah, 
Der mich so betrogen hat. 
209) Jm Sommer, im Sommer da geht man spateren 
Mit lauter, mit lauter jung'n Herrn und Dff'zier'n. 
Ein Diener, ein Diener, der steht ei'm wohl schön. 
Da muß man, da muß man fich dreimal rumdrehn. 
Ein Knixchen, ein Knirchen, das steht ei'm wohl schön, 
Da muß man, da muß man fich dreimal rumdrehn. 
DasKlatschen, das Klatschen, das steht ei'm wohl schön, 
Da muß man, da muß man fich dreimal rumdrehn. 
Wer mir die Gans gestohlen hat, 
Der ist ein Gänsedicb, 
Wer mir sie aber wiederbringt, 
Den hab' ich herzlich lieb! 
Die Kinder, im Kreise, doch nicht angefaßt, 
führen zu dem Gesänge die einzelnen Gebcrden 
aus, den Diener der Herren, den Knix der 
Damen, das Händeklatschen, und drehen sich 
danach je dreimal um. Schließlich stürzen sie 
unter lauterem und schnellerem Singen auf das 
Kind los, das schon vorher als Gänsedieb heim 
lich verabredet worden ist. 
210) Wollt ihr wissen, wie der Bauer, 
Wollt ihr wissen, wie der Bauer 
Seinen Samen ausstreut? 
Seht, so macht's der Dauer, 
Seht, so machts der Dauer: 
Wenn er Samen ausstreut. 
Wollt ihr wissen, wie der Dauer u. s. w. 
Seinen Hafer einnimmt u, s. w. 
Sein Kindchen einsust? 
Sein Kwdche« ausführt? 
Sein Schnäpschen einschenkt? 
Sein Schnäpschen austrinkt? 
Sein Schnäpschen bezahlt? 
Sein Weibchen ausklopft? 
Betrunken nach Haufe kommt? 
Die Kinder stehen in einem Kreise und begleiten 
ihr Lied mit lebhaftem Geberdespiel. Der Sinn 
ist, daß der Bauer das Geld für den eben 
geernteten Hafer vertrinkt, betrunken nach Hause 
kommt und seine Frau prügelt. Die dritte 
und vierte Strophe sind wohl späterer Zusatz 
(Lewalter II, 8). 
211) Ihr Täubchen, ihr Täubchen, 
Kommt alle zu mir! 
Wir dürfen nicht! 
Warum denn nicht? 
Der Wolf ist da! 
Wo ätzt er denn? 
Im Loche. 
Was frißt er denn? 
Das grüne Gras. 
Ihr Täubchen, ihr Täubchen, 
Kommt alle zu mir! 
Bei diesem reizenden, halb gesprochenen Wechsel- 
gesänge ist ein Kind die Taubenmutter, die 
anderen die Täubchen, und irgendwo versteckt 
lauert eins als Wolf, der am Schlüsse, wenn die 
Täubchen dem Lockrufe der Mutter folgen, her 
vorbricht und ein Täubchen hascht. 
212) Dhne bohne, dicke Maus, 
Komm' heut' Abend vor mein Haus! 
Ich will dir was schenken. 
Was dann? 
Einen gold'nen Vogel, 
Vogel soll mir Heu geben, 
Heu will ich Kuh geben, 
Kuh soll mir Milch geben, 
Milch will ich Däcker bringen, 
Däcker soll mir Kuchen backen. 
Kuchen will ich Vater geben, 
Vater soll mir Thaler geben, 
Thaler will ich Mutter geben, 
Mutter soll mir Kleidchen kaufen, 
Kleidchen will ich Schneider bringen, 
Schneider fall mir's machen. 
Hu, was werd' ich lachen! 
Das Lied wird und wurde besonders früher häufig 
im Schrittanz gesungen, es hebt wie ein Zählreim 
an mit ohne — bohne — eins, zwei. Dicke 
Maus ist unklar, vielleicht halb spöttige Anrede 
des Kindes. Der gold'ne Vogel, der den Reich 
thum in's Haus bringt, erinnert sehr an das 
friesische Räthsel vom Hahn: Es flog ein Vogel 
Stark Ueber Dänemark. Was hatte er in 
seinem Kopfe? Sieben Pfund Hopfen. Was 
hatt' er in seinem linken Bein? Einen Hammer 
und einen Schleifstein. Der Hahn, der Vogel 
des Erntesegens, trägt hier die Zeichen des Gottes 
Thor (Donar), Hammer und Schleifstein; er 
sorgt für gute Witterung, drum steht er auf 
Dach- und Thurmspitzen; er wird nach jeder 
Fruchternte als der Segenspender gefeiert; ver 
säumt man, ihn so zu verehren, so zündet er 
das Haus, das er erst beglückt hat, selbst an. 
Der rothe Hahn wird aufs Dach gepflanzt.
	        

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