Full text: Hessenland (5.1891)

288 
er ihre Worte kaum zu fasse», welche doch be 
sagten, daß eine Leiche sich auf der Burg befinde. 
„Mein Vater — ? Meine Mutter — ?", stammelte 
er endlich. „Euer Vater ist heimgegangen, als 
er die Kunde von Eurem Unglück erhielt —." 
Der junge Ritter lehnte sich an die Wand, 
so hatte ihn dieser neue Schlag erschüttert, bald 
aber erholte er sich wieder, und mit klangloser 
Stimme sagte er: „Da mein Vater nicht mehr 
ist, so fällt der schmachvolle Tod mir leichter — 
„Aber Ihr müßt leben um Eurer Mutter, um 
— meinetwillen!", rief Dame Mathilde in höchster 
Seeleuangst, und Friedrich blickte in ein erglühendes 
Antlitz, das ihm noch nie so schön vorgekommen 
war als eben jetzt, wo sein Auge zum letzten 
Male auf diesen holden Zügen ruhen sollte. 
„Mathilde," flüsterte er, von Neuem ihre Hand 
ergreifend, „ist es möglich, daß Ihr den mit 
Eurer Liebe beglücken könnt, über dessen Haupt 
ein schimpfliches Todesurtheil gesprochen ist?" 
„FühltIhr denn nicht," erwiderte das Edelfräulein 
mahnend, „daß es die Hand Gottes ist, welche 
Euch dem Feinde überliefert hat, auf daß Ihr 
von Euren bösen Gedanken und Thaten lassen 
und das Menschenthum auch in Bürger und 
Bauer anerkennen sollt? Sowie Ihr dies erkennt, 
wendet der vermeintliche Schimpf sich Euch zur 
Ehre, und Ihr könnt Eurem untadeligen Wappen 
schild noch ein Zeichen hinzufügen, das leuchtender 
ist als alle die andern, welche er schon trügt, 
den Stern der Menschlichkeit!" Lange schritt der 
Ritter nachsinnend in der Zelle auf und ab, 
Dame Mathilde aber hatte dieselbe verlassen 
und harrte im Rathhaussaale auf den Ausgang 
des Kampfes, den Friedrich nun in seinem Innern 
mit sich aussechten mußte. Endlich war dies 
nach manchem schweren Athemzug geschehen, und, 
vor dem Bürgermeister und dem versammelten 
Rathe stehend, redete Friedrich von Battenberg 
also zu denselben: „Ist es Sache, daß Ihr mich 
tödtet, so habt ihr eine ewige Feindschaft mit 
meinen Freunden, laßtJhr aber Solches sein, so will 
ich Euch einen Frieden machen, daß bei fünf Meilen 
um die Stadt Niemand Euch einigen Schaden 
thun soll, so lange ich das Leben habe." Ein 
aus dem Herzen kommender Blick Mathildens, 
welcher Zeise Weiner einen Ehrenplatz eingeräumt 
hatte, lohnte ihn für diese Worte. Die versam 
melten Väter der Stadt aber berathschlagten sich 
und gaben, nach Gutbefindcn, die Antwort: 
Wann der Ritter diese seine Zusage fest ver 
bürgen, treulich halten und genügsamen schrift 
lichen, versiegelten Schein ertheilen wollte, solle 
ihm hiermit das Leben geschenket sein, verwahrlich 
aber müsse er gehalten werden, bis daß der Brief 
den Erzbischöfen zu Köln und zu Mainz, den 
Grafen von Ziegenhain, von Nassau, Katzenelln- 
bvgen, Solms und Waldeck und andern Edel 
leuten übergeben, von diesen unterschrieben und 
dadurch die Feindschaften der Gesellen von der 
alten Minne aufgehoben würden. — Friedrich, den 
Mathildens Gegenwart und ihr Anblick gar 
wundersam trösteten und erquickten, fügte sich 
willig in die ihm gestellten Bedingungen, und 
Dame Mathilde konnte mit weit ruhigerem 
Herzen, als sic gekommen, zum Trost der 
Frau Elsbeth nach der Edderburg zurückkehren. 
Herr Zeise Weiner, der die für Frankenberg so 
wichtige Sache thatkräftig in die Hand nahm, be 
schleunigte aber die nothwendigen Botschaften der 
maßen, daß die Haft des Ritters nur noch etliche 
Wochen dauerte. Die vorgenannten Grafen und 
Herren machten ihre Kreuzlein unter das ihnen 
vorgelegte Pergament, denn um einen der ihren 
aus solch' schlimmem Handel zu helfen, mußten 
sie schon gute'Miene zum bösen Spiel machen. 
Als nun Alles in Ordnung war, ließ der Bürger 
meister den Ritter Friedrich feierlich aus seiner 
Haft abholen und in den großen Rathhaussaal 
führen, wo er ihm vor versammeltem Rath und 
der Bürgerschaft seine Freiheit sowie die ihm ab 
genommene Rüstung auf Grund des ausgestellten 
Dokumentes wiedergab. Dann aber fuhr er 
fort: „Da nunmehr der Ritter Friedrich von 
Battenberg, das Haupt seines freihcrrlichen 
Stammes, mit den Bürgern der Stadt Franken 
berg einen Bund geschlossen und jegliche Fehde 
gegen dieselbe niedergelegt hat, also daß er nicht 
mehr zu den Gesellen von der alten Minne zu 
zählen ist, so können wir uns von diesem hoch 
mögenden Freiherrn fortan nur Gutes versehen, 
und aus dieser Ursache biete ich demselbigen im 
Namen der Stadt Frankenberg an, deren Amt 
mann zu werden, da wir uns keinem besseren 
und edleren Herrn anvertrauen können." Zu 
erst wußte Herr Friedrich eigentlich nicht, was 
er dazu sagen sollte. Als er sich die Sache in 
dessen überlegt, nahm er die ihm angetragene 
gar wichtige Ehrenstelle an, und so wurde er, dem 
die Frankenberger schon einen besonderen Galgen 
gezimmert hatten, jetzt deren Amtmann. Trotz 
dem Herr Boppo noch nicht lange dahingeschieden 
war, herrschte ans der alten Beste an der Edder 
doch großer Jubel, als der Ritter Friedrich stolz 
wie vordem in derselben einritt, und Frau Els 
beth mit Dame Mathilde ihm freudig bewegt 
entgegen eilten. Stolz war und blieb Herr 
Friedrich zwar von außen, innen aber war er 
durch sein Unglück demüthig geworden und hielt 
von nun an, wie er es als ein getreuer Amt 
mann mußte, Bürger und Bauer auch für Menschen. 
Ob wohl hernach die alte Minne den Krieg 
wiederum anfing, so hielten ihre Gesellen doch, 
wie die Chroniken bekunden, der Stadt Franken
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.