Full text: Hessenland (5.1891)

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hart obendrein als den eigentlichen Retter der Stadt, 
sodaß die Augen des Jünglings höher leuchteten 
und seine Wangen sich färbten, als ihm vor der 
versammelten Bürgerschaft solches Lob ertheilt 
wurde. Aber das war noch nicht Alles, aus dem 
Stadtjeckel erhielt er noch einen andern Lohn 
in klingenden Münzen ausgezahlt, der ihn in 
die Lage setzte, das schönste Besitzthum in der 
Stadt sein Eigen zu nennen. Was wäre ihm 
dies jedoch gewesen, ohne die Gespielin seiner 
Kindheit, — er blickte sich um, und sein suchendes 
Auge fand ganz hinten an der Thüre ein tief 
erröthendes Mädchenantlitz, aus dem überstandene 
Angst und jubelndes Glück zugleich zu lesen waren. 
„Käthe!, meine Käthe!", rief Eckhart mit über 
wallendem Gefühl und zog das Mädchen vor 
den Stuhl des Bürgermeisters. „Ohne diese 
hier nützt mir weder Ruhm noch Gold! Legt 
ein gutes Wort für uns ein bei Katharinens 
Vater, vielgestrenger Herr, der noch immer gar 
finster über Eure Schulter her aus uns darein 
schaut, und macht hierdurch das Maß Eurer 
Güte voll!" Und Herr Zeise Weiner erfüllte 
des Jünglings Begehr, sodaß Heinrich von 
Münchhausen, um die Freude des Tages nicht j 
zu trüben, nach etlichen Einwendungen Ja und' 
Amen sagte. Während er darauf mit dem alten > 
Aßberg, dem er lange Zeit um seines übelge- i 
rathenen Sohnes willen Gram gewesen, den ver 
söhnenden Händedruck wechselte, flüsterte Eckhart 
seinem Brüutchen zu: „Hab' ich nun Recht ge 
habt, mein Käthchen, heut' Nacht von der Hasen- 
lauß nimmer lassen zu wollen?" Sie aber er 
widerte, sich fest an ihn schmiegend: „Hab' Dich 
heut' noch einmal laufen lassen, wohin Du 
wolltest, von nun an aber kein einzig Mal 
mehr!" — 
Als das glückliche Paar, von dem Volk be 
gleitet, den Rathhaussaal verlassen hatte, und 
Bürgermeister und Schöffen sich anschickten, eben 
falls von dannen zu gehen, trat Dame Mathilde 
ein und schritt mit stolzem Anstand auf Herrn 
Zeise Weiner zu, dessen wohlwollendes Gesicht 
bei ihrem Anblick sich merklich verdüsterte. „Ist 
des Ritters von Battenberg Urtheil gesprochen?", 
fragte das Edelfräulein mit fester Stimme. 
Der Bürgermeister neigte bejahend das Haupt. 
„Unabänderlich?" „Ja," erwiderte Herr Zeise, 
„da der Gefangene sich weigert, der verruchten 
alten Minne abzuschwören und sich mit uns, 
den Bürgersleuten, zu verbünden." „Er ist eben 
ein Rittersmann." seufzte Mathilde ties auf, 
„und weil er einmal der alten Minne sein 
Wort verpfändet hat, so darf er es nicht brechen, — 
anders wäre es, wenn seine Gesellen ihm selber 
sein Pfand zurückgäben, doch", setzte sie zögernd 
hinzu, „ein Schatten von Hoffnung bleibt noch 
übrig. Vergönnt mir, seiner Anverwandten, 
eine Unterredung mit dem Ritter." Dies wurde 
Dame Mathilde verstattet, und nach wenigen 
Minuten stand sie Friedrich im engen Gewahr 
sam gegenüber. Er zuckte zusammen, als er 
sie sah, und wandte sich von ihr ab, aber sie er 
griff seine beiden Hände und bat ihn mit so 
rührender Stimme: „Schaut mich an, Friedrich, 
schaut mich an —", daß er nicht widerstehen 
konnte, er sank auf die Kniee, erhob die Blicke 
zu ihr und sagte mit heiserer Stimme: „Lebt 
wohl!" Mathildens Augen füllten sich mit 
Thränen. „Nicht also", flüsterte sie. „Nicht 
zum Abschicdnehmen bin ich gekommen, sondern 
um Euch wieder zur Freiheit zu verhelfen. 
Friedrich. Friedrich, hättet Ihr an jenem Maien- 
tag meinen Worten über Bürger und Bauer Ge 
hör geschenkt, es wär' Euch Manches und auch 
dies Ungemach erspart geblieben." „Johann von 
Solms und die andern Gesellen der alten Minne 
haben es doch mit der Spitze ihres Schwertes 
bewiesen, daß sie den Bürgern überlegen sind," 
erwiderte der noch immer trotzige Ritter auf 
springend, „nur ich scheine dazu verdammt, von 
Wollenwebern und Kürschnern verhöhnt zu werden, 
doch sollen sie es mir schon —", „büßen" 
wollte er sagen, aber das Wort erstarb aus seinen 
Lippen, denn das traurige Antlitz Mathildens 
erinnerte ihn daran, daß er selbst nach einer 
Stunde schon als Büßer vor dem höchsten 
Richter erscheinen werde. Sein Gedankengang 
nahm eine andre Richtung. „Wüßten sie mit 
dem Schwerte umzugehen, würden sie einem Ritters 
mann keine hänfne Schlinge drehen! £, dieser 
Galgen, an den sie mich ziehen wollen, das ist 
es, was mein Blut empört —. und doch muß 
ich es dulden, wenn Ihr", und er faßte krampf- 
hast Mathildens Hand, „keine Waffe mitgebracht 
habt, daß ich mir selbst den Tod geben kann." 
Mathilde schüttelte langsam das schöne Haupt. 
„So dürst Ihr nicht enden, Ritter Friedrich, 
weder durch die eigene Hand noch durch die 
des Henkers, nur ein Wort kostet es Euch, und 
Ihr seid der ritterlichen Freiheit zurückgegeben." 
„Der ritterlichen Freiheit? Nein, nein, ein Knecht 
der Krämer und Handwerker würde ich durch 
dies Wort sein, das mir das verhaßteste auf der 
Welt ist, denn es ist gleichbedeutend mit der 
Anerkennung ihrer Rechte. Von der alten Minne 
lossagen soll ick mich. Welchen Zweck aber hätte 
Solches, da mein Vater ebenwohl einer ihrer Ge 
sellen ist, und ich für ihn doch keinen Eid leisten 
kann!" „Tie Fensterladen Eurer Burg sind ge 
schlossen," erwiderte Mathilde mit bewegter 
Stimme, „und vor der Thüre steht die flor- 
behangcne Leuchte ohne Licht." Ter Ritter 
starrte sie mit großen Augen an, als vermöge
	        

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