Full text: Hessenland (5.1891)

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herumgesprengt kamen. Sie jagten an der Stelle, 
wo er sich verborgen, vorüber, und. vorsichtig 
ihnen nachlugend, sah er, wie der Mann. den er 
für eine Battenberger Schildwacht gehalten, sich 
gleich ihm auf die Flucht begab, in der nächsten 
Minute aber eingeholt und zurückgeführt wurde. 
Den Reisigen entgegen eilte Melchior Kamm, 
welcher den Gefangenen besichtigte, und Eckhart 
hörte ihn sagen: „Zum Teufel, vorhin glaubte 
ich doch, es sei der Galgenstrick, der Aßberg, ge 
wesen, und nun ist's der Peter Schneegans, der 
mir noch das letzte Geviert schuldig geblieben ist. 
Aber das kommt davon, wenn man nur noch ein 
Auge hat —. ich will's ihnen eintränken!" Eckhart 
horchte hoch ans, Peter Schueegans war der eine 
der Gesellen, der sich mit ihm auf die Hasenlauß 
begeben hatte. Die Reiter hatten diesen statt 
seiner ergriffen, aber er mußte ihn, so schwer cs 
ihm auch ankam, seinem Schicksal überlassen; 
helfen konnte er ihm nicht, und vor Allem 
mußte die Nachricht von dem geplanten Ueber- 
fall in die bedrohte Stadt gebracht werden. 
Als Alles rings wieder still geworden war, stieg 
Eckhart aus dem Graben und lief mit Anspannung 
aller Kräfte Frankenberg zu. Bei dem nächsten 
Thore pochte er an, aber der Wächter wollte ihn 
nicht hereinlassen, bis er denselben für den 
Untergang der Stadt verantwortlich machte, 
da, wie er ihm zurief, kaum einen Stein 
wurf weit die Gesellen von der alten Minne 
lagerten. Eckhart empfahl dem bestürzten Mann 
verdoppelte Wachsamkeit und eilte zu dem Hause 
des Bürgermeisters, Herrn Zeise Weiner, der 
noch um die Mitternachtsstunde, die nun heran 
gekommen war, über alten Pergamenten saß. 
Gar aufmerksam hörte derselbe den Bericht des 
fast athemlosen Hasenleußers an und war danach 
keinen Augenblick zweifelhaft, was zu thun sei. 
Die Nachtwächter und Rathsknechte mußten in 
aller Stille Haus für Haus die waffenfähigen 
Bürger wecken, und bald waren dieselben wie 
damals, als es Hermann von Trefurt galt, auf 
dem Marktplatz versammelt. Als sic von dem 
erneuten Anschlag der alten Minne gegen die 
Stadt vernahmen, brannten sie darauf, die jüngst 
erlittene Niederlage auszumerzen, und fügte» 
sich willig allen Anordnungen des kriegstüchtigen 
Bürgermeisters. Unter seiner Leitung und von 
Eckhart Aßberg geführt, der den Weg am sichersten 
angeben konnte, sollte ein Theil der Bürger dem 
Battenberger in den Rücken fallen, ein anderer 
aber von der Stadt aus gegen ihn anrücken, 
während der dritte Theil, der aus den älteren 
Leuten bestand, die Mauern vor etwaigen sonstigen 
Gefahren beschützen sollte. So geschah es denn 
auch. Eben als Herr Friedrich seinen Knechten 
den Befehl zum Aufbruch gegeben hatte, um sich 
der Stadt, die er wehrlos und im feste» Schlafe 
glaubte, zu bemächtigen, fielen die Frankenberger 
mit lautem Schlachtgeschrei von der Hardt herab 
über ihn her. Auf dieses Zeichen, das durch die 
nächtliche Stille bis zu der Stadt hinschallte, 
zog der andere Bürgerhaufen aus den Thoren, 
und der überraschte Ritter befand sich in einer 
sehr üblen Lage. Dazu war der Mond plötzlich 
hinter Wolkenwänden untergegangen, und es so 
finster geworden, daß man Freund und Feind 
kaum unterscheiden konnte. Aus diesem Grunde 
mochte cs wohl kommen, daß es viel Geschrei 
und wenig Wolle gab, das heißt, daß trotz des 
Hin- und Herrennens und gegenseitigen Drauf- 
schlagens Keiner zu Tode kam, wohl aber Mancher 
eine klaffende Wunde davontrug. Als der Morgen 
dämmerte, war der Kampf entschieden. Die 
Battenberger waren auseinander gesprengt, und 
Ritter Friedrich sammt fünf Knechten, unter 
welchen sich auch Melchior Kamm befand, in die 
Hände der Frankenberger gefallen Unter großem 
Jubel wurde der gefangene Ritter mitsammt 
seinen Knechten in die Stadt hineingeführt, wo 
Alt und Jung sich auf den Straßen drängte, 
einen der mächtigsten Fchdegenosscn von der alten 
Minne in solchem unschädlichen Zustand zu sehen. 
Wie mancher hübschen Dirne aber, die vom 
großen Pfuhl in der Mittelgasse, da, wo es am 
Leckerberg hieß und die „Spinnersen und 
Nüdersen" wohnten, an das Thor gekommen 
war, schlug das Herz höher, als sie den statt 
lichen Ritter in seiner Jugendschöne sah, wie er, 
auch seiner Wehr beraubt, noch gar trotzig zwischen 
den Weber- und Kürschnergescllen, die sich laut 
rühmten, ihm den Pelz geklopft zu haben, ein 
herschritt. Die Gefühle, die Herrn Friedrich von 
Battenberg bei seinem Einzug in Frankenberg 
bemeisterten, obwohl er sich deren nicht bloßgab, 
brauchen nicht geschildert zu werden, ebensowenig 
die Gedanken seiner fünf Leidensgefährten, die, 
mit Stricken gebunden, hinter ihm her gestoßen 
wurden. Am übelsten von Allen aber war 
Melchior daran, denn an ihm wurde der alte 
Haß am thätlichsten ausgelassen. Da begab sich 
plötzlich etwas ganz Merkwürdiges. Ein ab 
gemagerter, lahmer Hund, der am Wege lag, 
richtete sich in die Höhe und stieß, indem seine 
borstigen Haare sich sträubten, ein fürchterliches 
Geheul aus. Daun sprang er mit einem ge 
waltigen Satz in den Menschenhaufen hinein und 
fiel mit funkelnden Augen über Melchior Kamm 
her. Da dieser sich selbst nicht helfen konnte, so 
rissen einige der Kürschner das Thier hinweg, 
aber immer wieder richtete dasselbe sich heulend an 
Melchior empor und versuchte, ihm seine Zähne 
in die Brust zu schlagen. Da rief einer der 
Umstehenden: „Wißt Ihr, was das für ein
	        

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