Full text: Hessenland (5.1891)

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Gleich seinem Vorgänger mahnte er den 
Bibliothekar zur Vorsicht, schärfte ihm ein, die 
Seltenheiten zu verbergen und die Büchersäle 
möglichst verschlossen zu halten. Dieser Auf 
forderung kam Petrus Böhm gctreulichst nach, 
entsprach sie doch ganz seinen Wünschen und war 
er doch eifrigst bemüht, jeden Schaden von der 
Bibliothek, die er als seine eigene Schöpfung 
betrachtete und mit der er auf das Innigste ver 
wachsen war, abzuwenden. Erst als das Fürsten 
thum Fulda einen neuen Landesherrn in dem Groß 
herzog von Frankfurt, Fürst Primas und Erzbischof 
von Regensburg, Karl von Dalberg, erhalten 
hatte und dem großherzoglichen Konferenz- 
Münster und General - Kommiffarius, Grafen 
von Beust, am 19. Mai 1810 als ein Bestand- 
theil des Großherzogthums Frankfurt vom fran 
zösischen Staatsrathe, Reichsgrafen Jollivet, im 
Auftrage des Kaisers Napoleon durch feierlichen 
Akt im Schlosse zu Fulda übergeben worden 
war, trat bei der Bibliothek wieder eine freiere 
Bewegung ein, und stand dieselbe nun wieder 
Jedermann nach ihren ersten Gesehen zur Be 
nutzung offen. Am 22. Juli 1810' beehrte der 
Großherzog von Frankfurt in Begleitung seines 
Staatsministers von Albini die Bibliothek zu 
Fulda mit seinem Besuche und trug sich in das 
Fremdenbuch derselben einfach als Carolus 
Archiepiscopus Ratisbonensis ein. — 
Mit der Regierung des Großherzogs von 
Frankfurt über Fulda schließt Petrus Böhm den 
ersten Theil seiner „Nachrichten von der öffent 
lichen Bibliothek zu Fulda", und auch wir wollen 
hier unseren Artikel „Zur Geschichte der Fuldaer 
Landesbibliothek" unterbrechen, um denselben bei 
anderer Gelegenheit wieder aufzunehmen. Wir 
fügen zum Schluffe nur noch eine Schilderung des 
stattlichen Bibliotheksgebäudes an, die uns von 
einem hervorragenden Fachmanne gütigst zum 
Abdrucke überlassen worden ist. 
Das in den Jahren 1771—1778 vom Fürst 
bischof Heinrich von Bibra aufgeführte Gebäude 
der Landesbibliothek ist der jüngste der im 
vorigen Jahrhundert in Fulda errichteten zahl 
reichen Monumentalbauten. Dieses Gebäude ist 
89,8 m lang, 12,7 m tief, und hat auf einem 
hohen Sockel ein Erdgeschoß und zwei Stockwerke 
von Sandstein. Der Sockel, die Ecken, die Ein 
fassungen der Fenster (und das Hauptgesims) 
bestehen aus Sandsteinquadern; das Uebrige der 
Außenseiten ist geputzt. Zum Erdgeschoß führt 
an der Südseite eine stattliche doppelte Freitreppe, 
von der aus man zu dem mit einer Einfassung 
von Lisenen und mit einer Gesims-Berdachung 
geschmückten Eingang gelangt, welcher über der 
Thüröffnung das Wappen des Erbauers zeigt. 
Das Erdgeschoß ist bis auf die mit geraden 
Holzdecken versehene, an der östlichen Schmalseite 
belegene Wohnung des Bibliothekars gewölbt. 
In den westlich vom Eingang gelegenen Sälen 
befand sich bis zum Jahre 1874 das nach Marburg 
verbrachte Fuldaer Landes-Archiv. 
Eine steinerne Treppe führt zum ersten Stockwerke, 
an dessen beiden Schmalseiten sich Geschäftsräume 
befinden und in dessen Mitte der durch zwei Ge 
schosse reichende Bibliotheksaal belegen ist. Der 
selbe ist im Lichten etwa 20,5 ui lang, 10,0 m 
breit, 7,0 m hoch und war ursprünglich mit 
einem in das Dach reichenden flachen Holzgewölbe 
versehen, welches in den ersten Jahrzehnten dieses 
Jahrhunderts beseitigt werden mußte, weil es 
die Langseiten des Gebäudes aus dem Loth ge 
drückt batte. Die flache Balkendecke, welche statt 
des Spiegelgewölbes eingezogen war, bestand aus 
zu schwachem Holze uud ist vor wenigen Jahren 
durch die jetzige kasettirte reich ornamentirte in 
Renaissancestyl gehaltene Decke nach dem Ent 
würfe und unter der Leitung des Landes-Bau- 
inspektors Wolfs ersetzt worden. 
Ueberaus zierlich und reich ist der aus ge 
schnitztem Eichenholz bestehende im Rokokostyl 
gehaltene innere Ausbau des Bibliotheksaales, 
welcher aus zwei übereinander belegenen, an den 
Wänden sich hinziehenden Gallerien besteht. 
Zu der untereu Gallerie führen vier, in den 
Ecken angebrachte aus je fünf Stufen bestehende 
Treppe». Schön geschnitzte Schränke von Eichen 
holz stehen längs der Außenseiten der untersten 
Gallerie. Auch die Brüstung der untersten 
Gallerie besteht zum Theil aus Bücherschränken, 
welche vom Fußboden des Saales aus zugänglich 
sind. Die östliche Schmalseite der unteren Gallerie 
ist mit dem zierlich in Holz geschnitzten Wappen 
des Erbauers geschmückt. 
Von der unteren Gallerie führen ebenwohl 
vier, in den Ecken sehr geschickt angebrachte 
Wendeltreppen auf die obere Gallerie, welche auf 
24 zierlichen Freisäulen niit geschnitzten korin 
thischen Kapitälen von Eichenholz ruht. Auch 
auf der oberen Gallerie stehen schön gearbeitete 
Bücherschränke von Eichenholz längs der vier 
Wände des Saales, während die innere Seite 
der oberen Gallerie mit einer durchbrochenen 
Brüstung versehen ist, auf der sich zweckmäßig 
angebrachte bewegliche Buchpulte befinden. 
Die südöstliche Ecke des ersten Stockwerkes 
wird durch den vom großen Bibliotheksaal aus 
zugänglichen, nur durch ein Stockwerk reichende» 
kleinen Bibliotheksaal eingenommen, in dem 
sich der erst vor wenigen Jahren neu gefertigte, 
in Eichenholz geschnitzte geschmackvolle Aus 
stellungsschrank befindet. Die übrigen Räume 
des ersten und des zweiten Stockwerkes dienen theils 
zu Verwaltungszwecken, theils als Wohnraum. 
(Forts. f.) ' 
HfH'
	        

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